Logo FRANKFURT.de

18.08.2009

Zweitausend Jahre Christentum im Archäologischen Garten

Alle drei Jahre führt eine Laienspielgruppe "open air" biblische Geschichten auf - und belebt das mittelalterliche Evangelienspiel neu

Dass das Evangelium nichts Angestaubtes, längst Vergangenes sein muss, sondern von größter Aktualität auch in Zeiten von Wirtschaftskrise und Arbeitslosigkeit sein kann, stellt das Laienspielteam von "Lukas 14" unter Leitung von Kapuzinermönch Pater Amandus (74) unter Beweis.

Frankfurt am Main (pia) Seit dem Jahr 2000 lädt der Verein, der Menschen mit und ohne Behinderung in kulturellen Projekten zusammenführt, alle drei Jahre zum Frankfurter Evangelienspiel in den Archäologischen Garten ein - umgeben von Schirn, Dom und Technischem Rathaus. Ein Dutzend biblischer Bilder werden beim Frankfurter Evangelienspiel zur Aufführung gebracht. Drei davon sind Gleichnisse Jesu in moderner Übersetzung.

Vom verlorenen Sohn in der Großstadt

Das Gleichnis vom verlorenen Sohn zum Beispiel. In der "Lukas 14"-Inszenierung spielt die Szene in einer Großstadt, die Frankfurt sein könnte. Im Mittelpunkt steht ein Familienunternehmen, ein Vater, zwei Söhne. Der eine Sohn will das Geschäftserbe antreten, der andere in die Welt, sprich in die abenteuerliche Großstadt ziehen. Er landet in den Bars, betrinkt sich, macht sich an Frauen heran. "Unser Evangelienspiel ist das einzige, das in einer Großstadt spielt", betont Lutz Riehl, zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit von "Lukas 14". Und Pater Amandus erinnert an die Anfänge: An die Jahrtausendwende, "als man das größte Feuerwerk startete, die größte Sanduhr der Welt aufstellte, die größte Sektflasche knallen ließ". Was er damals vermisste: "Keiner sagte, dass wir zu diesem Zeitpunkt auf 2000 Jahre Christentum zurückblickten, auf Geschichte und Kultur". Mit dem Evangelienspiel wollte Pater Amandus genau dieses Vakuum füllen.

Die Ratsherren hatten den besten Platz

Die Tradition des Evangelienspiels reicht bis ins Mittelalter zurück. "Die Menschen konnten nicht lesen und schreiben", erzählt Pater Amandus, "deshalb gab es in den Kirchen Wandgemälde - und es gab die Evangelienspiele". Vier Tage lang wurde bis zur Reformationszeit auch in Frankfurt gespielt. Die Reichsstadt war berühmt für ihre Mysterien- und Passionsspiele: Rund 200 Menschen schlüpften in ihre Rollen und in biblische wie zeitgenössische Kostüme. Schauplatz war der Römer - die Ratsherren hatten den besten Ausblick, sie konnten sich das Evangelienspiel von der Balustrade der Nikolaikirche aus ansehen. Bei seinen Studien zum Evangelienspiel ist Pater Amandus auf so manch interessantes Detail gestoßen. Darauf etwa, dass der erste Text für die Passionsspiele in Oberammergau aus Frankfurt stammte, und darauf, dass der Renaissancemaler Matthias Grünewald das Frankfurter Evangelienspiel als Kulisse in einem seiner Gemälde verwandt hat.

Zeigen, was Jesus wollte

Welches Anliegen verfolgt das Frankfurter Evangelienspiel heute, Jahrhunderte später? "Es ist kein Passionsspiel", sagt Pater Amandus: "Wir sind nicht Oberammergau". Es geht der Gruppe darum, zu zeigen, "was Jesus gewollt hat und wie er uns Menschen dazu gebracht hat, mitmenschlich zu sein". Pfarrer José Raimundo Dos Santos wird dieses Mal in die Rolle des Jesus schlüpfen. Gespielt wird wie immer ohne gesprochenen Text, lediglich vor den Bildern lesen Frank Lehmann und Kornelia Siedlaczek einen Kommentar.

Braune Bettlerkutten und prächtige Gewänder

120 Mitspieler, Menschen aus allen Ländern, alte und junge, mit und ohne Behinderung haben viel Zeit investiert und sich zu fast dreißig Proben getroffen. Noch einige intensive Vorbereitungen liegen vor ihnen. Dann ist es vom 22. bis 30. August so weit. Noch hängen ihre Kostüme und die vergangener Inszenierungen im "Lukas 14"-Fundus; wohl hunderte an der Zahl: die braunen Kutten der Bettler, die farbenfrohen Tuniken der Einheimischen, die prachtvollen Roben der Wohlhabenden und Mächtigen. Christina Kupczak hat die Kostüme entworfen und genäht. Eine Fleißarbeit. Und weil die finanziellen Mittel des Vereins nicht allzu hohe Ausgaben zulassen, muss sie, was die Stoffe betrifft, auch schon mal improvisieren. Mit bunten Bettüberwürfen einer schwedischen Möbelfima etwa. Oder mit günstigen Angeboten aus dem indischen Stoffladen.

Ein großes lebendiges Bild

"Für manchen ist die Bibel Neuland und er hat sie erst durch die Inszenierung und das Mitmachen kennengelernt", sagt Lutz Riehl. Die jüngste Akteurin ist zehn Jahre alt: Anna Lena Henß spielt die Tochter des Jairus, die von Jesus zum Leben erweckt wird. Die älteste Darstellerin ist 85. Am Rande des Spielfeldes gibt es, erzählt Pater Amandus, eine sogenannte Bibelbank. "Man könnte sie auch Rentnerbank nennen", sagt er. "Hier kann Platz nehmen, wer gerne dabei sein möchte, aber nicht mehr gut zu Fuß ist". Wichtig ist: "Es tut sich bei uns auch abseits was, alles soll ein großes lebendiges Bild ergeben".

Pantominen aus Russland und asiatische Tänzerinnen

Wer besondere Fähigkeiten hat, kann sie in das Theaterprojekt einbringen. In einem der drei modernen Bilder kicken junge Ausländer. Pater Markus Heinze, der beim letzten Evangelienspiel Jesus spielte, kennt sie von seiner Hausaufgabenbetreuung her. Ein gehörloses Ehepaar aus der ehemaligen Sowjetunion, ausgebildete Pantomimen, sind zum zweiten Mal dabei und spielen mit in der Bettlergruppe. Das Laien-Ensemble ist international. Ayano Mizushima (31) lernt seit vielen Jahren klassischen japanischen Tanz. Die gebürtige Japanerin, seit zehn Jahren in Frankfurt zuhause, spielt im Evangelienspiel eine Tänzerin. Für die junge Buddhistin ist es bereits die zweite Aufführung. "Der Aufbauprozess war das Schönste", sagt die gelernte Krankenschwester. "Es kommen so viele Nationen, Muttersprachen und Glaubensrichtungen zusammen, und es gibt soviel Respekt untereinander". Ob sie, die Buddhistin, Jesus näher gekommen sei? Ayano Mizushima zögert, lächelt, gibt Antwort: "Ich bin noch auf der Suche nach ihm." Vietnam ist die ursprüngliche Heimat von Nguyen Hoang (27), auch sie wird tanzen. "Ich bin Christin", erzählt sie, "und wurde sehr fromm erzogen". Doch "dieses Live-Erlebnis, dass man nicht nur betet und in die Kirche geht, das habe ich bisher noch nicht erlebt".

Ruinen mit Freiraum für die Fantasie

"Eigentlich ist es eine Art Straßentheater", erzählt Pater Amandus. Ein Straßentheater, das lange schon seine Fangemeinde gefunden hat. Aus Hamburg, ja sogar aus der Schweiz kämen die Zuschauer nach Frankfurt. "Es gibt Anfragen, warum wir nicht jedes Jahr zum Evangelienspiel einladen". Der Archäologische Garten zu Füßen des Frankfurter Domturms bildet die ideale Theaterkulisse. "Nichts ist perfekt, es sind Ruinen, um die herum man die Fantasie entwickeln kann", sagt Pater Amandus. Aus den steinernen Überresten einer ehemaligen römischen Heizanlage etwa "machen wir einen Brunnen für die Taufe". Überhaupt ist dem Pater eine erfrischend unkonventionelle Art, Regie zu führen, eigen. 2003 ließe er drei Motorräder durch die Ruinen fahren, drei Jahre später hatte ein Pferd seinen Auftritt, und dieses Mal werden Lutz Riehls Hund Barry sowie ein Blindenhund mit dabei sein.

Alles wird musikalischer

Eines ist Lutz Riel, dem Musikwissenschaftler im Ensemble, besonders wichtig: "Das Frankfurter Evangelienspiel wird musikalischer". Eugen Eckert, evangelischer Studenten- und Stadionpfarrer, hat zwei Lieder getextet, die Musik komponierte Peter Reulin, Kirchenmusiker der Liebfrauengemeinde. "Außerdem haben wir sogar eine ganze Geschichte, die gesungen wird", sagt Riehl. Filmemacher Josef Kirchmayer wird das Evangelienspiel im Film festhalten.

Annette Wollenhaupt

Weitere Informationen bei Lukas 14, Vilbeler Straße 36, 60313 Frankfurt, www.lukas14.de, Telefon 069/9218901