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19.03.2009

Der hessische Molière

Wolfgang Deichsel, + 7. Februar 2011
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Zum 70. Geburtstag von Wolfgang Deichsel

Ein Klassiker im Dialekt? Das hat vor ihm niemand gewagt. Wolfgang Deichsel, der Ende der sechziger Jahre für das Frankfurter Theater am Turm mit der "Schule der Frauen" das erste Molière-Stück auf Hessisch schuf, wird am 20. März 70 Jahre alt. Seit 2005 hat der hessische Molière mit dem Freilichtspektakel "Barock am Main" sogar sein eigenes Festival.

Frankfurt am Main (pia) Der Begriff für seine bekanntesten Werke ist zum Ehrentitel für den Autor geworden: "Der hessische Molière" - das ist Wolfgang Deichsel. Niemand vor ihm hatte gewagt, einen Klassiker im Dialekt zu bringen. Für das Frankfurter Theater am Turm (TAT) riskierte Wolfgang Deichsel 1969/70 das Experiment: den ersten Molière auf Hessisch. Der Autor selbst war sich nicht sicher, ob der Versuch glücken könnte. Doch beim Schreiben merkte er bald, dass das Stück durch den Dialekt nicht zur albernen Parodie heruntergezogen wurde, sondern "eine neue Dimension gestischer Sprache" gewann. Am 25. November 1970 wurde die hessische "Schule der Frauen" am TAT uraufgeführt. Bald ließ Deichsel weitere Übertragungen von Molière in den hessischen Dialekt folgen: "Tartüff" (1972), "Der Menschenfeind" (1972) und später "Der eingebildet Kranke" (2001). Seit 2005 hat der hessische Molière sogar sein eigenes Festival, das sommerliche Freilichtspektakel "Barock am Main" vor historischer Kulisse im Bolongarogarten, das mitsamt seinem Autor Wolfgang Deichsel und dessen kongenialem Hauptdarsteller Michael Quast schnell zum Kult wurde.

Endspiel bei Hesselbachs

Jetzt feiert Wolfgang Deichsel seinen 70. Geburtstag. Als Sohn eines Kriminalbeamten und einer Klavierlehrerin wurde er am 20. März 1939 in Wiesbaden geboren. Während seiner Gymnasialzeit wirkte Wolfgang Deichsel beim Schultheater mit, für das er erste eigene Stücke schrieb. Schon damals konzipierte er einige Alltagsszenen in hessischer Mundart, die er viel später - mittlerweile Student der Germanistik und Mitarbeiter der Studiobühne in Marburg -niederschrieb. Daraus entwickelte er im Laufe der Zeit die komische Szenenfolge "Bleiwe losse", deren erste beide Teile zunächst als Hörspiel 1965 herauskamen. Die Szenen zeigen den ganz normalen Wahnsinn des kleinbürgerlichen Alltags, in den plötzlich das Verdrängte einbricht und den Wunsch nach Veränderungen weckt - was die handelnden Personen dann doch lieber "bleiwe losse". "Dies hat oft etwas von den schein-logischen Absurditäten Karl Valentins", konstatierte der Theaterkritiker Georg Hensel, "nur kommt es im hessischen Idiom daher: Becketts Endspiele ereignen sich bei den Hesselbachs."

Vom Schiller-Theater zum Frankfurter TAT

"Bleiwe losse" wurde offenbar Deichsel selbst zum Signal. Wohl kurz nach Vollendung der ersten Szenen schmiss er 1965 seine Dissertation über "Die Gebärde in Kleists 'Prinz von Homburg'" endgültig hin, um sich ganz dem Theater zu widmen. Er ging nach Berlin, wo er bei Fritz Kortner am Schiller-Theater hospitierte. Auf dem Programm stand Molière, "Der eingebildete Kranke", mit Curt Bois in der Titelrolle. Für Curt Bois übersetzte Deichsel dann erstmals Molière, die Komödie "Der Bürger als Edelmann", die in dieser Fassung 1968 am Schiller-Theater in Berlin herauskam. Im selben Jahr wurde Deichsels eigene Posse "Agent Bernd Etzel" uraufgeführt, für deren Inszenierung am TAT 1969 der Autor nach Frankfurt kam. Hier gehörte er künftig zu den Gründungsmitgliedern des Verlags der Autoren (1969) und zum Direktorium des TAT (1970-1974).

Erfolg mit „Loch im Kopp“

"Es muß mehr Unterhaltung in das westdeutsche Theater!", forderte Wolfgang Deichsel 1971 programmatisch. Diesen Anspruch erfüllte er vor allem mit seinen Werken im hessischen Dialekt, zunächst mit den ersten drei Komödien zum hessischen Molière und der Bühnenfassung von "Bleiwe losse", die er Schlag auf Schlag von 1970 bis 1972 herausbrachte. Sein erfolgreichstes Stück wurde die Komödie "Loch im Kopp" nach Motiven von Labiche (1976), die mit Günter Strack in der Hauptrolle auch für das Fernsehen aufgezeichnet wurde. Bei der Neuproduktion von "Bleiwe losse" am Schauspiel Frankfurt 1989 trat Wolfgang Deichsel erstmals im Schauspielerteam mit Hildburg Schmidt und Michael Quast auf. Die Gruppe begann, ihren eigenen Aufführungsstil zu entwickeln. Bei den Burgfestspielen von Bad Vilbel bekam sie 1999 die Gelegenheit, den hessischen Molière neu zu inszenieren - mit ungeheurem Erfolg. "Das Publikum reagierte wie auf einem Rockkonzert", erinnert sich Deichsel, "wir waren verblüfft und begeistert." Nach vier Vilbeler Jahren gründete das Ensemble um Deichsel schließlich 2005 das eigene Festival "Barock am Main" für den hessischen Molière.

Ein Fest für Deichsel

In den vergangenen Jahren trat Wolfgang Deichsel, der als freier Schriftsteller im Rheingau lebt, durch zeitgenössische Libretti zu klassischen Opern hervor, u.a. zu Nicolais "Die lustigen Weiber von Windsor" und zu Purcells "König Arthur". Auch in seinem hochdeutschen Oeuvre scheint seine besondere Vorliebe aber absurden, manchmal gar makabren Stoffen zu gehören. Am 9. Januar erlebte seine Psychokomödie "Rott. Das Monster im Verhör" (1999) ihre Frankfurter Erstaufführung. Eher kurios mutet dagegen das Werk "Körperteile berühmter Männer" an. Auf dem "Fest für Deichsel", das die Fliegende Volksbühne Frankfurt, der Verlag der Autoren und die Deutsche Nationalbibliothek zum 70. Geburtstag des Schriftstellers veranstalten, wird dieser Text von bekannten Frankfurtern dargeboten.

Sabine Hock

"Ein Fest für Deichsel", Zum 70. Geburtstag von Wolfgang Deichsel, wird am Montag, 23. März, ab 19 Uhr in der Deutschen Nationalbibliothek, Adickesallee 1, veranstaltet. Es gratulieren u.a. Badesalz, Karlheinz Braun, Wilhelm Genazino, Michael Quast, Christoph Rüter, Matthias Scheuring und Hildburg Schmidt. Deichsels Text "Körperteile berühmter Männer" wird von den Frankfurtern Hilmar Hoffmann, Peter Iden, Felix Semmelroth, Rüdiger Volhard und KD Wolff präsentiert. Karten gibt es für 15 Euro (ermäßigt 12 Euro) im Vorverkauf in der Autorenbuchhandlung, Grüneburgweg 76, und der Deutschen Nationalbibliothek, Adickesallee 1, sowie an der Abendkasse.