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12.03.2009

Ebbelwei ist mehr als ein rustikaler Durstlöscher

Junge Kelterer holen den Apfelwein aus der verstaubten Blauen-Block-Ecke

Das Duo aus Ebbelwei und Handkäs mit Musik gibt kulinarisch nicht mehr allein den Ton an, die Apfelwein-Szene ist in Bewegung geraten: Junge, experimentierfreudige "Apfelwinzer" keltern produzieren sortenrein und kennzeichnen das "Stöffche" nach Lagen. Dazu kann dann Presskopf-Carpaccio auf den Tisch kommen.

Frankfurt am Main (pia) Das erste Mal - es bleibt oft nicht in guter Erinnerung. Herb und bitter kratzt das "Stöffche" dem Apfelwein-Novizen im Hals. Kein Wunder also, dass die wenigsten über das erste Glas hinauskommen - und den Ruf des Schoppens als ungenießbar durch die Welt tragen. Schließlich behauptet ja selbst der regionale Volksmund, Ebbelwei schmecke erst nach dem dritten Glas. Nicht mal in seiner Heimat hat er also den besten Ruf, der Apfelwein. Rückläufige Konsumentenzahlen schreckten schließlich vor einigen Jahren die Branche auf - und die Apfelwein-Szene geriet in Bewegung. Es tut sich was am Image des Stöffchens. Denn es gibt da die jungen Wilden. Kelterer, die wie Winzer arbeiten - nur eben nicht mit Trauben, sondern mit Äpfeln. Sie stellen Schaumweine her, kräftige Sherrys und Perlendes. Sie keltern sortenrein, kennzeichnen nach Lagen, schenken Designer-Apfelweine zu passenden Menüs aus. Statt Riesling gibt‘s dann einen Boskoop, statt Grauen Burgunder Rote Sternrenette.

Leistungsschau der Apfelwinzer

Andreas Schneider aus Frankfurt ist einer dieser "Apfelwinzer". Er will mit dem Vorurteil aufräumen, Apfelwein sei nur ein rustikaler Durstlöscher. Er keltert neben dem Hausschoppen auch Jahrgangsapfelweine und sortenreine Schoppen. "Die sind gemacht für Genießer, die auch einen guten Wein trinken würden", sagt Schneider. Während bei Traubenwein gewisse Standards anerkannt seien und Kenner ihn nach Jahrgang auswählten, hätten sich bisher nur wenige Apfelwein-Kelterer mit solchen Fragen beschäftigt. Schneider und andere aber schon. Diese experimentierfreudigen Kelterer kommen alle am Sonntag, 15. März, zur Jahrgangspräsentation im Frankfurter Römer zusammen - eine Leistungsschau der Stöffche-Kelterer sozusagen. "Es ist der erste Versuch, die Apfelweinwelt zusammenzubringen", sagt Mit-Initiator Schneider. Um das Traditionserzeugnis voran zu bringen, wollen die Kelterer kooperieren, voneinander lernen, sich austauschen. Und schließlich die Botschaft in die Welt hinaustragen: Schoppen ist nicht gleich Schoppen und kann sogar ein Premiumprodukt sein.

Bembel im Apple-Design

Mit ihren edlen Tropfen haben die Kelterer die gehobene Gastronomie im Visier, wollen sich auf deren Getränkekarten einschreiben. Auch, um die gesamte Ebbelwei-Kultur am Leben zu halten. "Wenn der Apfelwein überall auftaucht, dann nutzt das genauso den Apfelweinlokalen", glaubt Schneider. Aus so einem Impuls könne sich eine ganze Bewegung entwickeln. "Denn wenn erst mal eine Schneeflocke gefallen ist, kann irgendwann eine Lawine entstehen." Und vielleicht das ganze Land überrollen. Ob als alkoholfreies Trendprodukt oder im Mix mit Cola, als Bio-Erzeugnis oder unter Betonung des regionalen und traditionellen Wertes in der globalisierten Welt - die Ansätze in ganz Hessen sind vielfältig. "Das ist eine Entwicklung", sagt Schneider, "die zu allen Seiten Blüten treibt." Und die den Apfelwein inzwischen aus seiner verstaubten Blaue-Bock-Nostalgie zu reißen vermag. Junge Kreative drucken nun Bembel im Apple-Design auf T-Shirts. Bücher über Qualitäts-Apfelweine und Geschichten aus Apfelweinwirtschaften schaffen es auf die Tische von Groß-Buchhandlungen. "Das Thema wird immer populärer", beobachtet auch Schneider. "In dieser globalen Zeit suchen Menschen eben Wurzeln, wird Heimat unheimlich wichtig." Ein Bedürfnis, das die Apfelwein-Kultur gut zu befriedigen vermag.

Ein Blogger streift durch Streuobstwiesen

Ein hessischer Identitätsstoff quasi, zu dem Bembel und Geripptes natürlich dazu gehören. Wenn auch nun manchmal in aufgepeppter Form. Aber es sind ohnehin nicht die Traditionsgefäße, die am Ruf des Apfelweins kratzen, glaubt Konstantin Kalveram. "Das Produkt braucht mehr Liebe und Respekt", meint der 35 Jahre alte Frankfurter, der seit Jahren für einen besseren Ruf des Stöffchens kämpft. Deshalb hat er ein Buch über die Apfelweine Hessens geschrieben, bloggt in seinem Internettagebuch über Streifzüge durch Streuobstwiesen, zu Keltereien und Schänken. Mehr Ruhm und Ehre soll das der Region und dem Apfelwein bringen - und zum Wandel seines Images beitragen. Dass er häufig leider zu recht einen schlechten Ruf habe, meint Kalveram, liege auch am oft falschen Umgang der Wirte mit dem Produkt. Unsachgemäß gelagerte Fässer und zu hohe Temperaturen zerstören den Geschmack des Traditionserzeugnisses. "Es entstehen leicht Fehltöne im Apfelwein - und dann schmeckt er schnell nach Essig." Das erlebe der gemeine Frankfurt-Besucher nur allzu häufig. Und berichtet dann vom ungenießbaren Schoppen in der Bankenmetropole.

Apfelwein-Trüffel und Hessen-Tapas

Doch dagegen gehen Schneider und Konsorten an, schnippeln eifrig am alten Zopf herum. Mit ihrem Enthusiasmus reißen sie andere mit, inspiriert sind inzwischen auch Spitzenköche: Kulinarisch geht es in Sachen Stöffche seit einiger Zeit weit über den Handkäs mit Musik hinaus. Presskopf-Carpaccio, Apfelwein-Trüffel und Hessen-Tapas werden in Frankfurter Restaurants aufgetischt. Zum Premi-um-Apfelwein, versteht sich. Und der wird im Weinglas serviert. Ist ja schließlich Wein. Eben Wein von der Wiese.

Sandra Busch


Apfelwein im Römer, 15. März, 12-14 Uhr Verkostung fürs Fachpublikum, 14-18 Uhr Verkostung für die Öffentlichkeit, Eintritt 25 Euro.

Hessens Apfelweine, Konstantin Kalveram und Michael Rühl, 216 Seiten, B3 Verlag, Frankfurt am Main 2008, ISBN 978-3-938783-28-3, 24,90 Euro.

Beim Apfelwein - Frankfurter Wirtschaftsgeschichten, herausgegeben von Jürgen Lentes, 216 Seiten, ISBN 978-3-938783-51-1, 26 Euro.

www.apfelwein-blog.de

Obsthof am Steinberg, Am Steinberg 24, 60437 Frankfurt, Tel. 06101/415 22, www.obsthof-am-steinberg.de