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17.04.2008

Der Menschenretter führte kein Musterleben

Vor hundert Jahren wurde Oskar Schindler geboren

Mehr als 1200 Juden verdanken ihm ihr Leben: Oskar Schindler, berühmt geworden durch den nach ihm benannten Spielberg-Film, rettete sie vor dem Tod in nationalsozialistischen Konzentrationslagern. Nach dem Krieg lebte Oskar Schindler, von der Öffentlichkeit zunächst weitgehend unbemerkt, in Frankfurt am Main. Am 28. April wäre er 100 Jahre alt geworden.

Frankfurt am Main (pia) "Wer auch nur ein einziges Leben rettet", so steht es im Talmud, "rettet die ganze Welt". Der Fabrikant Oskar Schindler rettete während des Zweiten Weltkriegs unter Einsatz seines eigenen Lebens und Vermögens über 1200 Juden vor der Ermordung in den nationalsozialistischen Konzentrationslagern. Bei Kriegsende schenkten sie ihm einen aus Zahngold gefertigten Ring, in den sie jenen Talmudspruch eingeritzt hatten. Auch später vergaßen sie ihren "Vater Courage" nicht. Von der breiten Öffentlichkeit blieb Schindler, der seit 1957 in Frankfurt lebte, jedoch weitgehend unbeachtet. Erst knapp 20 Jahre nach seinem Tod wurde die Geschichte seiner Rettungstat weltbekannt, durch den amerikanischen Spielfilm "Schindlers Liste" von Steven Spielberg, der im Frankfurter Schauspielhaus am 1. März 1994 erstmals in Deutschland gezeigt und insgesamt mit sieben "Oscars" ausgezeichnet wurde.

1938 als Spion zum Tode verurteilt

Vor 100 Jahren, am 28. April 1908, wurde Oskar Schindler im mährischen Zwittau geboren. Nie führte er das Musterleben eines mildtätigen Philanthropen. Im Alter von 16 Jahren wurde er von der Oberrealschule verwiesen, weil er seine Zeugnisse gefälscht hatte. Zunächst arbeitete er in der kleinen Landmaschinenfabrik sei-nes Vaters mit, um sich dann zu Zeiten der Weltwirtschaftskrise mit Gelegenheitsjobs durchzuschlagen. Seit 1928 war Schindler mit Emilie Pelzl verheiratet, der Tochter eines wohlhabenden Landwirts, deren beträchtliche Mitgift er innerhalb kürzester Zeit verschleudert haben soll: für seine Liebe zu Autos und zu Frauen. Über eine seiner zahllosen Affären kam er um 1935 in Kontakt mit der deutschen Abwehr unter Wilhelm Canaris. Als deutscher Agent wurde er im Sommer 1938 von der tschechischen Polizei verhaftet und wegen Hochverrats zum Tode verurteilt, doch infolge des Münchner Abkommens in letzter Minute amnestiert.

Vom Profiteur zum Menschenretter

Nach Hitlers Überfall auf Polen 1939 hoffte Schindler, inzwischen Mitglied der NSDAP, vom Krieg profitieren zu können, und übersiedelte nach Krakau, wo er eine Emailwarenfabrik vom jüdischen Vorbesitzer günstig erwarb. Als Fabrikant forderte er bald vermehrt jüdische Zwangsarbeiter an - einfach weil er sie als billige und zuverlässige Arbeitskräfte ansah. Wann und warum er sich vom Profiteur zum Menschenretter gewandelt hat, vermag niemand zu sagen. Doch der gesteigerte Sadismus, mit dem die jüdischen Menschen in Polen behandelt wurden, stieß ihn immer mehr ab: "Wenn ma a bissle Herz und a bissle Sinn für das Menschentum und Empfinden hat", so erläuterte Schindler selbst bei einer Podiums-diskussion im Frankfurter Dominikanerkloster 1967 seine Beweggründe, "wenn man da nicht Widerstand ergreift, wenn man da nicht versucht, wenigstens etwas gegen den Strom anzuschwimmen, dann ist man kein Mensch." Nach der gewaltsamen Auflösung des Krakauer Ghettos 1943 erreichte Schindler mit allen Mitteln, bis hin zur Bestechung, für "seine" jüdischen Arbeiter ein privates Nebenlager des KZs Krakau-Plaszów zu errichten und unterhalten, das die SS noch nicht einmal betreten durfte. Doch angesichts des Vorrückens der Roten Armee erhielt er 1944 einen Räumungsbefehl für Fabrik und Lager. Mit unglaublicher Chuzpe gelang es ihm, das gesamte Werk nach Brünnlitz im Sudetenland zu verlegen. Allen, die auf seiner Personalliste standen, insgesamt über 1.200 Menschen, darunter viele Frauen, Kinder, Alte und Kranke, rettete er dadurch vor der Abschiebung in ein Vernichtungslager. Immer war er stolz darauf, in den Jahren von 1940 bis 1945 keinen der ihm anvertrauten Menschen "eines unnatürlichen Todes verloren" zu haben.

Von Argentinien nach Frankfurt

Nach dem Zweiten Weltkrieg wanderten Oskar und Emilie Schindler nach Argentinien aus, wo sie jedoch mit verschiedenen Projekten, zuletzt einer Nutriazucht, keinen Erfolg hatten. Im Jahr 1957 kehrte Schindler daher allein nach Deutschland zurück, nach Frankfurt, um sich hier eine neue Existenz aufzubauen. Aber alle seine Unternehmen, u. a. eine Betonsteinfabrik in Hochstadt, scheiterten. Angesichts seiner desolaten finanziellen Situation war er nun auf die Unterstützung "seiner" Juden angewiesen, die ihm seine Familie waren. Im Jahr 1962 war Schindler eingeladen, einen der ersten Erinnerungsbäume auf der Allee der Gerechten in der Gedenkstätte Yad Vashem in Israel zu pflanzen. An dem Johannisbrotbaum wurde der damalige Frankfurter Stadtjugendpfarrer und spätere Propst Dieter Trautwein bei einem Israelbesuch 1966 auf Schindler aufmerksam. Überrascht stellte er fest, dass dieser außergewöhnliche Retter in Frankfurt lebte, und lud ihn ein, sein Leben bei einer Podiumsdiskussion zu erzählen. Damit begann das öffentliche Gespräch mit und über Schindler in der Mainstadt. Zugleich erreichte ein Frankfurter Unterstützerkreis, dass Schindler eine von Bund, Land und Stadt finanzierte Ehrenrente erhielt.

Eine Ausstellung im Museum Judengasse

Bei einem Krankenhausaufenthalt in Hildesheim, wo seine letzte Liebe lebte, ist Oskar Schindler am 9. Oktober 1974 gestorben. Außer einer Gedenktafel an seinem Wohnhaus Am Hauptbahnhof 4 und einer nach ihm benannten Straße in Frankfurt erinnert heute das "Oskar und Emilie Schindler Lernzentrum" im Museum Judengasse an ihn. Während sich die dortige Dauerausstellung besonders seiner Rettungstat widmet, wird eine Jubiläumsausstellung zu seinem 100. Geburtstag ab 23. April Schindlers Spuren in Frankfurt nachgehen.

Sabine Hock

Die Ausstellung "Vater Courage. Oskar Schindler - unerkannt in Frankfurt" ist vom 23. April bis 31. August 2008 im Museum Judengasse zu sehen.