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30.10.2007

Das alte Herz schlägt bald neu

Blick auf die Altstadt mit Paulskirche im Vordergrund und Fachwerk-Ostzeile, <br />
© PIA Stadt Frankfurt am Main, Foto: Tanja Schäfer
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Frankfurts Altstadt wird zum Teil originalgetreu wieder aufgebaut

Frankfurt, das bis zu deren Zerstörung im Zweiten Weltkrieg Deutschlands größte mittelalterliche Altstadt besaß, baut sich eine "neue" Mitte. Bis 2013 entstehen zwischen Dom und Rathaus Römer rund dreißig Häuser, darunter sechs bis sieben Gebäude in weitgehend originalgetreuer Rekonstruktion. Erste Schritte zur Umsetzung werden bereits gemacht.

Frankfurt am Main (pia) An jenem Abend lag eine unheimliche Stille über der Stadt. Völlig überraschend setzte am 22. März 1944 das Bombardement ein, denn die Briten hatten die deutsche Luftabwehr durch einen Scheinangriff auf Kassel getäuscht. Innerhalb einer knappen Stunde warfen etwa 800 Flugzeuge ihre Bombenlast auf die Stadt. In dieser Nacht ging das alte Frankfurt unter. Im Feuersturm kamen mehr als tausend Menschen ums Leben. Von der ehemals größten zusammenhängenden Altstadt Deutschlands, von über 4.000 Fachwerkhäusern, überstand nur eines die Angriffe weitgehend unversehrt, das Haus Wertheym am Römerberg.

Bis zu ihrer Zerstörung im Zweiten Weltkrieg besaß Frankfurt die größte mittelalterliche Altstadt Deutschlands. Und eine der geschichtsträchtigsten dazu: Im Kaiserdom wurden ab 1562 die deutschen Kaiser gekrönt, im Römer verspeisten sie ihr Krönungsmahl. Nachdem der Feuersturm im Zweiten Weltkrieg über die Altstadt hinweg gegangen war, baute man nur sehr vereinzelt Gebäude wieder auf, darunter das Rathaus Römer. Ihm gegenüber wurde in den achtziger Jahren die so genannte Ostzeile rekonstruiert, und seither gehören diese Fachwerkhäuser mit ihren klangvollen Namen wie "Großer Engel", "Goldener Greif" oder "Schwarzer Stern" zu den begehrtesten Foto-Motiven der Touristen in der Mainstadt.

Nun wird Frankfurt weitere wichtige Teile seiner mittelalterlichen Altstadt zurückerhalten. Möglich wird das auch durch den im Jahr 2009 geplanten Abriss des "Technischen Rathauses". Dieses in den siebziger Jahren errichtete, eher ungeliebte "Betonungetüm" macht den Platz für die "neue" Altstadt frei - für die stattliche Summe von über 100 Millionen Euro wird sie in Teilen rekonstruiert und wieder aufgebaut. "Damit besinnt Frankfurt sich einmal mehr seiner bedeutenden Geschichte. Seine alte Mitte wird wieder lebendig und lädt nach über sechzig Jahren wieder zum Leben und Wohlfühlen ein", kommentierte Frankfurts Oberbürgermeisterin Petra Roth die Entscheidung.

Die Goldene Waage, © Stadt Frankfurt am Main
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Zwei Jahre lang hatte man zuvor in der Stadt heftig über den Wiederaufbau debattiert: Wie weit kann der historische Stadtgrundriss wieder hergestellt werden? Und vor allem: Sollten die Altstadthäuser historisch getreu oder zeitgenössisch modernisiert wiedererstehen? Mit diesen Fragen beschäftigte sich im Oktober 2006 zunächst eine "Planungswerkstatt", in der rund 60 Bürgerinnen und Bürger sich die Köpfe heiß redeten darüber, wie "ihre" Altstadt in Zukunft aussehen könnte. Dauerthema war die Altstadt auch in den Medien und in zahlreichen Diskussionen, die überall in der Stadt, meist sehr sachlich und ernsthaft geführt wurden, auch wenn sich Befürworter einer modernen Bebauung und Freunde einer traditionellen Rekonstruktion in zuweilen scheinbar unversöhnliche Lager schieden.

Nun haben die Frankfurter Stadtverordneten im September beschlossen und offenbar eine Entscheidung getroffen, mit der alle Seiten doch gut leben können. Bis 2013 entstehen auf dem 6.000 Quadratmeter großen Areal zwischen Dom und Römer rund dreißig Häuser neu. Sechs bis sieben davon werden originalgetreu rekonstruiert, darunter die "Goldene Waage", einst ein reicher Fachwerkbau, der sich über einem steinernen Erdgeschoss erhob, und das "Rote Haus", das seine Farbe angeblich dem Umstand verdankte, dass es im Mittelalter alle drei Jahre mit Ochsenblut gestrichen wurde. Außerdem wird das Ensemble der "Lämmchengasse" mit seinen vier Häusern wieder aufgebaut. Aber auch, wo Neues gebaut wird, werden sich die Fassaden an den historischen Vorbildern orientieren, etwa mit höheren Erdgeschossen und repräsentativen Eingängen. Ebenfalls an den Vorkriegszustand angeglichen werden die Geländehöhen - und so wird man auch den "Krönungsweg", den einst die frisch gekürten Kaiser nach der feierlichen Zeremonie im Dom zum Schmausen im Römer nahmen, wieder "barrierefrei" begehen können.

Schon machen die Stadtplaner die ersten Schritte zur Umsetzung. Geprüft wird derzeit, wie die auf dem Gelände befindliche Tiefgarage umgebaut werden kann, außerdem sichtet und untersucht man die "Spolien", die in Depots aufbewahrten, noch erhaltenen Gebäudereste der mittelalterlichen Stadt. Vorbereitet wird auch die Gründung einer Entwicklungsgesellschaft, die Planung und Bau steuern soll. Im Jahr 2013, rechnen die städtischen Planer, könnte Frankfurt neues Herz zu schlagen beginnen. Das Altstadtquartier wird Leben in die alte Mitte der Stadt zurückholen, mit Wohnungen, kleinen Läden, Gewerbe- und Gastronomiebetrieben. Wem es allerdings zu lange dauert, bis es endlich soweit ist, der kann schon jetzt ein Auge auf sie werfen. Denn es gibt sie noch: Im Historischen Museum steht ein komplettes Modell der Frankfurter Altstadt vor ihrer Zerstörung.

Dagmar Beckmann


Weitere Informationen: Nils Schalk, Stadtplanungsamt, Projektleitung Städtebauliche Neuordnung des ehemaligen Altstadtbereichs zwischen Dom und Römerberg, Telefon: 212/43759, E-Mail: nils.schalk@stadt-frankfurt.de

Das Stadtvermessungsamt hat jetzt zusammen mit dem Institut für Stadtgeschichte den histori-schen Kartenbestand der Stadt digitalisiert und auf eine CD gepresst. Über fünf Jahrhunderte ver-teilt kann in insgesamt 19 Karten die Entwicklung Frankfurts nachvollzogen werden. Angefangen im Jahre 1552 bis weit ins 20. Jahrhundert hinein dokumentieren sie die Frankfurter Stadtgeschichte. Viele der Karten sind mit Detailplänen, Fotos oder zeitgenössischen Bildern ergänzt. Die CD kann ab Donnerstag, 1. November, im Service-Center des Stadtvermessungsamtes (Braubachstraße 15), im Institut für Stadtgeschichte (Münzgasse 9) und online unter www.stadtvermessungsamt.frankfurt.de bestellt und erworben werden. Der Preis dieser CD beträgt 14,80 Euro.