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28.05.2013

Gute Gestaltung garantiert

Vor 60 Jahren wurde der Rat für Formgebung gegründet – seinen Sitz hat er in Frankfurt

Im Messeturm sitzt eines der weltweit führenden Kompetenzzentren für Designkommunikation: der Rat für Formgebung. Vor 60 Jahren ins Leben gerufen, berät er Firmen, veranstaltet Wettbewerbe, fördert den Nachwuchs und wacht darüber, dass Deutschland auch in Zukunft Design-Exportweltmeister bleibt.

Frankfurt am Main (pia) Es war 1949. Deutsche Firmen präsentierten ihre Produkte und Neuentwicklungen auf der New Yorker Exportmesse. Und ernteten dabei derart schlechte Kritiken, dass die Politik sich einschaltete. Deutschland, das Land in dem Michael Thonet den Bugholzstuhl erfunden hat - Thonet lebte in Boppard am Rhein, bevor er nach Wien übersiedelte, wo sein Stuhl als Caféhausmöbel weltberühmt wurde. Das Land, in dem Peter Behrens das gesamte Erscheinungsbild der Firma AEG prägte und das Bauhaus zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Architektur und das Funktionsdesign revolutionierte - ein Land, dessen Produkte von anderen verlacht wurden? Das, so entschieden die Politiker der jungen Bundesrepublik, kann und darf nicht sein. Im Jahr 1951 beschließt der Deutsche Bundestag einen Rat für Formgebung ins Leben zu rufen. Zwei Jahre später wird er gegründet, als Stiftung mit öffentlichem Auftrag, gemeinsam vom Bundesverband der Deutschen Industrie und damals führenden Firmen – unter anderem AEG, WMF, der Staatlichen Porzellanmanufaktur Nymphenburg. Heute, 60 Jahre später, ist der Rat für Formgebung, der German Design Council wie er international heißt, eines der weltweit führenden Kompetenzzentren für Designkommunikation. Seinen Sitz hat er in Frankfurt.

Italiens Staatspräsident Giovanni Gronchi besucht die deutsche Abteilung der Triennale 1957, © Publifoto Mailand/RFF
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Vernetzt: Der Rat pflegt Kontakte zu verschiedensten Branchen

Friedrich-Ebert-Anlage, Messeturm, 19. Stock. Wer hier arbeitet, muss keinen guten Geschmack haben – über den lässt sich bekanntlich streiten. Er muss wissen, was gute Gestaltung ausmacht oder an wen man sich wenden kann, wenn gutes Design gefragt ist. Wenn zum Beispiel ein mittelständisches Unternehmen beschließt, sich eine Corporate Identity, also ein einheitliches Erscheinungsbild, zuzulegen, Firmenlogo, Briefköpfe, den Internetauftritt und noch viel mehr gestalten lassen will, kann es sich an den Rat für Formgebung wenden. „Wir erstellen selbst kein Design“, erklärt Andrej Kupetz, Hauptgeschäftsführer des Rats für Formgebung. Der Rat berät Unternehmen und Institutionen in Grundsatzfragen der Designausrichtung und vermittelt bei Bedarf Partner für die verschiedensten Gestaltungsfragen. Er schreibt Wettbewerbe aus wie den German Design Award oder den Automotive Brand Contest, bei dem sich die Besten der internationalen Automobilindustrie und außerdem ihre Zulieferer miteinander messen. Er richtet Ausstellungen und Messen, Konferenzen und Seminare aus, fördert den Nachwuchs und betreibt Designforschung. Rund 25 Mitarbeiter – Architekten, Betriebswirte, Designer, Geisteswissenschaftler – bilden den deutschlandweiten Kompetenzknoten in Sachen Design, mit Kontakten in verschiedenste Branchen. 180 in- und ausländische Unternehmen gehören der Stiftung Rats für Formgebung an – Firmen wie Erco Leuchten gehören ebenso dazu wie die Deutsche Bank oder Audi. In den Anfangsjahren wurde der Rat für Formgebung vom Bund finanziert, inzwischen trägt er sich selbst.

Allgegenwärtig: Es gibt nichts, was nicht gestaltet ist

Trotz seiner vielfältigen Aktivitäten führt der Rat für Formgebung in der breiten Öffentlichkeit eine Art Schattendasein. Selbst in Frankfurt wird er kaum wahrgenommen. Mit seiner Arbeit jedoch kommt jeder Frankfurter, jeder Bundesbürger, unzählige Menschen weltweit täglich in Berührung. Denn es gibt nichts, was nicht gestaltet ist. Sessel, Stühle, Porzellanservice, Kleidung. Und auch hinter vermeintlich simplen Dingen wie einem Türknauf, einer Tastatur, einem Lichtschalter oder eben einem Briefkopf steckt ein Designer, der sich Gedanken gemacht hat, wie der Knauf, der Schalter, die Tasten, der Schriftsatz aussehen, sich anfühlen, was er können oder aussagen soll. Design ist weit mehr als Aussehen, Haptik, Funktionalität. Es ist ein Schlüssel zum Menschen. So steht es in einer Schrift des Rats für Formgebung. Produkte verkaufen sich dann besonders gut, wenn sie einen emotionalen Zugang zu ihren Nutzern finden. „Design ist immer für die Menschen gemacht“, sagt Andrej Kupetz, „es hat einen Mehrwert, kann die Lebensqualität erhöhen. Gut ist Design dann, wenn es die Vorstellungen des Adressaten trifft.“

Andrej Kupetz, Hauptgeschäftsführer des Rats für Formgebung, © RFF
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Emotional: Die Form folgt dem Gefühl

Die Ansprüche an Gestaltung haben sich in den 60 Jahren des Bestehens des Rats für Formgebung immer wieder verändert. Kupetz: „Wir haben heute eine viel größere Variantenvielfalt, ein anderes Konsumverhalten.“ Überspitzt könnte man sagen: Früher besaß man wenig und hatte noch dazu wenig Auswahl, heute besitzt man nahezu alles und kann zwischen unterschiedlichsten Herstellern und Designs wählen. Gab es bis in die frühen 1970er Jahre ein Telefonmodell in maximal zwei Farben, haben Kunden heute die Wahl zwischen Dutzenden Telefonen – für den Festnetzanschluss oder fürs mobile Telefonieren, mit Schnur oder ohne, große Tasten, kleines Display, Lautsprecher oder nicht, mit Anrufbeantworter oder Fax-Funktion oder doch lieber ohne. Vor 50 Jahren musste gutes Design vor allem funktional sein, 2013 stehen Hersteller vor der Frage „Wie werde ich unterscheidbar, wie attraktiver?“. Der Käufer von heute umgibt sich gern mit Produkten, bei denen er das Gefühl hat, sie seien wie für ihn gemacht. Einige sehnen sich zurück nach den Produkten ihrer Kindheit oder Jugend – ablesbar an den Designs vieler Digitalkameras. Hatten sie vor zehn Jahren nahezu durchweg ein glattes, silberfarbenes Gehäuse, sehen sie heute oftmals aus wie Großmutters Kleinbild-Kodak aus den 1960ern, die Trendsetter nicht in der Tasche verschwinden lassen, sondern sich dekorativ um Hals oder Schulter hängen. Für Andrej Kupetz hat der Gestaltungsleitsatz „Form follows Function – Die Form folgt der Funktion“ ausgedient. Hartmut Esslingers „Form follows Emotion – Die Form folgt dem Gefühl“ ist der Satz, der für Andrej Kupetz den Nerv der Zeit trifft.

Ausgezeichnet: Deutschland ist Design-Exportweltmeister

Mit der Gründung des Rats für Formgebung 1953 folgte die damalige Bundesregierung einem richtigen Gefühl. Dem Gefühl: „Da steckt noch mehr drin. Wir können das besser.“ Vor 64 Jahren in New York für schlechte Gestaltung kritisiert, ist Deutschland heute Design-Exportweltmeister. Produkte, die hier entwickelt werden, sind in der ganzen Welt gefragt – weil ihre Qualität, ihre Funktionalität, ihre Erscheinung überzeugen. Autos von Mercedes, BMW, Porsche zum Beispiel sind in den USA begehrte Luxusprodukte. Mindestens jeder siebte Arbeitsplatz in Deutschland ist vom Design abhängig, Nachwuchs wird gesucht. Laut Andrej Kupetz gibt es entgegen der landläufigen Meinung zu wenig Designer. „Die Produktwelten verändern sich ständig, alles wird immer mehr digitalisiert. Die Unternehmen brauchen Mitarbeiter, die digital denken und dieses Denken in einer sinnfälligen Form einen Nutzen zuordnen können.“ Digital Natives, also Menschen, die in der digitalen Welt zu Hause sind, mit der Industrie zu vernetzen, damit Deutschland in Sachen Gestaltung auch in Zukunft die Nase vorn hat – auch das ist eine der Aufgaben des Rats für Formgebung.

Anja Prechel