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21.05.2013

Bildung, Mitwirkung, Gleichberechtigung

Leopold Sonnemann (1831-1909), © Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main
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Im 19. Jahrhundert war Frankfurt eines der Zentren der neuen Arbeiterbewegung

Die SPD feiert dieser Tage ihren 150. Geburtstag. Auch in Frankfurt war die Arbeiterbewegung aktiv - hier fand der Erste Vereinstag der deutschen Arbeitervereine statt. Führende Persönlichkeit der Frankfurter Arbeiterbewegung war der Großbürger Leopold Sonnemann.

(pia) Das liberale politische Klima machte Frankfurt im 19. Jahrhundert zu einem ersten großen Zentrum der Arbeiterbewegung. Einer der Höhepunkte: der „Erste Vereinstag der deutschen Arbeitervereine“, zu dem vor 150 Jahren, am 7. und 8. Juni 1863, mehr als hundert Delegierte nach Frankfurt kamen. Eine zentrale Persönlichkeit der Bewegung war der Bankier, Verleger, Mäzen und Politiker Leopold Sonnemann. Die damaligen Anliegen wirken bis in die Moderne: umfassende Bildung für Alle, politische Mitwirkung, Gleichberechtigung, soziale Absicherung.

Leopold Sonnemann – Lassalles Gegenspieler

Die 1860er Jahre sahen Frankfurt und das Rhein-Main-Gebiet im Fokus der Arbeiterbewegung. In Darmstadt entstand früh ein Arbeiterverein, in Frankfurt wurde er 1861 von Johann Baptist von Schweitzer initiiert. Anfang Mai 1863 warb Ferdinand Lassalle in Mainz und Frankfurt mehrfach für seine Idee einer Arbeiterpartei. Am Main hörten ihm mehr als 500 Menschen zu. Beflügelt von diesen Erfolgen im Rhein-Main-Gebiet wurde zwei Wochen später in Leipzig der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein (ADAV) gegründet, der Vorläufer der SPD. Leopold Sonnemann (1831-1909) gehörte zu den Gegenspielern Lassalles. Dem Frankfurter Großbürger widerstrebten Forderungen nach allgemeinem Stimmrecht oder staatlicher Unterstützung für Arbeiter, wie sie von Schweitzer und Lassalle vorschwebten. Stattdessen legte er einen Schwerpunkt auf Bildung. „Die Arbeiter sollten allgemeine Bildung erwerben, damit sie mitreden können“, beschreibt Ralf Roth, Professor für Neuere Geschichte an der Goethe-Universität, Sonnemanns Emanzipationsmodell. Ganz ohne Politik ging es jedoch auch bei ihm nicht. Er lehnte – anders als sein Mitbürger von Schweitzer – eine Vorherrschaft Preußens zugunsten eines demokratischen Staates ab.

Saalbau Junghofstrasse, Ecke Neue Schlesinger Gasse, ca. 1900, © Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main
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Seine Anhänger waren vorwiegend Handwerksgesellen

Sonnemann fand seine Anhänger vor allem unter „Handwerksgesellen, die sich bei Lassalle nicht wohlfühlten“ und die sich bereits sogenannten Arbeiterbildungsvereinen angeschlossen hatten. Die neue Schicht der ungelernten Fabrikarbeiter spielte keine Rolle. Über ein Zeitungsinserat, das das Institut für Stadtgeschichte bis heute aufbewahrt hat, ließ Sonnemann für den 7. und 8. Juni 1863 zum Ersten Vereinstag der deutschen Arbeitervereine einladen.Die Annonce enthielt auch die Tagesordnung. Ein „gemeinschaftlicher Ausflug nach Offenbach“ stand ebenso darauf wie Berichte über „Genossenschaftswerke: Spar- und Vorschußvereine, Consum- und Produktionsgenossenschaften“ oder die Versorgung von Invaliden und Müttern. Mit dem eher sozial orientierten Angebot habe Sonnemann versucht, „das Potenzial der zahlreich entstandenen Bildungsvereine von und für Arbeiter auf seine Seite zu ziehen“, resümiert Ralf Roth in Band drei seiner Reihe „Die Herausbildung einer modernen bürgerlichen Gesellschaft“, der sich mit Frankfurt in der Zeit von der Französischen Revolution bis zum Ende der Freien Stadt 1789-1866 beschäftigt. Dem Aufruf aus Frankfurt folgten den Quellen nach 110 Delegierte, davon stammten 50 aus Frankfurt, Offenbach, Rödelheim, Bockenheim und Vilbel. Andere reisten aus Mainz, Worms, Fulda, Rüsselsheim, Gießen und Hanau an. Sie trafen sich im damals größten Versammlungsraum der Stadt, dem in der Junghofstraße gelegenen Saalbau. Der auf der Versammlung als Sammelbecken der Arbeiterbildungsvereine begründete Verband Deutscher Arbeitervereine (VDAV) entwickelte sich schnell zum Erfolgsmodell. Binnen eines Jahres umfasste die Konkurrenzveranstaltung zu Lassalles ADAV bereits 455 Vereine mit insgesamt 135 000 Mitgliedern in den verschiedenen deutschen Staaten.

Sonnemann war vielen ein Dorn im Auge

Dem ersten VDAV-Vorsitzenden Leopold Sonnemann brachte das Neid und Feinde. In Frankfurt gab es erbitterte Gegner wie Johann Baptist von Schweitzer. Er stieg 1864 zum Präsidenten des ADAV auf – damit standen zwei Frankfurter an der Spitze der miteinander konkurrierenden Arbeiterorganisationen. Von Schweitzer nutzte offenbar die jüdische Herkunft seines Kontrahenten, um ihm in Schriften mit antisemitischen Tendenzen anzugreifen. Ein anderer mächtiger Gegner war der preußische Ministerpräsident und spätere Reichskanzler Otto von Bismarck. Ihm war die demokratische, antipreußische Haltung des Politikers wie des Verlegers Sonnemann ein Dorn im Auge; nach der Besetzung der Freien Stadt Frankfurt durch die Preußen 1866 floh Sonnemann vor der drohenden Verhaftung nach Stuttgart ins Exil.

Sein Streben nach Einheit scheiterte

In der Rückschau, so der Historiker Ralf Roth, habe Bismarck einerseits vom Zerfall der Nationalbewegung und ihrer Aufteilung in einen rechtsliberalen und linksliberalen Flügel profitiert. Andererseits aber auch noch einmal besonders von der Trennung der Arbeiterbewegung in Linksliberale und Demokraten. Sonnemann war mit seinem Streben, gerade diese Einheit zu bewahren, gescheitert. Seine Arbeiterbildungsvereine verloren an Einfluss. 1871 entstand das Deutsche Kaiserreich unter preußischer Dominanz. Der in Frankfurt so hoffnungsvoll begonnene Verband Deutscher Arbeiterbildungsvereine verlor die Masse seiner Mitglieder an die politischen Organisationen der Arbeiter und die aufstrebende Gewerkschaftsbewegung. Leopold Sonnemann zog 1871 in den Deutschen Reichstag. Die von ihm gegründete Frankfurter Handelszeitung, später Frankfurter Zeitung, leitete er bis 1902. Aus dem Blatt ging die Frankfurter Allgemeine Zeitung hervor. Das Geld für die Zeitung hatte Sonnemann als Bankier verdient. Sein Vermögen steckte der wohlhabende Bürger aber auch in Institutionen wie den Städelschen Museumsverein oder den Palmengarten.

Margarete Lausberg

Veranstaltungstipp:
Unter der Überschrift „Arbeitskultur – Unternehmenskultur“ erinnern die Tage der Industriekultur Rhein-Main vom 13. bis 18. August 2013 an das erste Treffen der Arbeiterbildungsvereine vor 150 Jahren in Frankfurt.

Literaturhinweis:
Ralf Roth: Die Herausbildung einer modernen bürgerlichen Gesellschaft. Geschichte der Stadt Frankfurt am Main. Band 3: 1789-1866. Hrsg. von der Frankfurter Historischen Kommission. Thorbecke Verlag, Ostfildern 2013. ISBN 978-3-7995-0762-2