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26.02.2013

Den Tag zur Nacht gemacht

Erdferkel im Grzimekhaus © Winfried Faust / Zoo Frankfurt
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Das Grzimekhaus im Frankfurter Zoo - eine Attraktion von europäischem Rang

Im September 1978 begann mit der Eröffnung des Grzimekhauses ein neuer Abschnitt in der Geschichte des Frankfurter Zoos. Benannt nach seinem Initiator Bernhard Grzimek ist das Gebäude eines der schönsten und größten Nachttierhäuser Europas, wahrscheinlich sogar der Welt.

Frankfurt am Main (pia) Morgens um halb zehn wird es Nacht mitten in Frankfurt. Im Grzimekhaus im Frankfurter Zoo ist es gerade dunkel geworden, wenn morgens die ersten Besucher kommen. Denn in den 44 Gehegen des Hauses leben hauptsächlich nachtaktive Tiere, und damit man sie nicht nur schlafend sehen kann, wird hier drinnen der Tag zur Nacht gemacht – und umgekehrt. Als das „24-Stunden-Haus“ ab 1968 geplant und gebaut wurde, war es eine völlig neuartige Idee, die der legendäre Zoodirektor Bernhard Grzimek aus Amerika mitgebracht haben soll. Bis heute ist das nach seinem Initiator benannte Zoogebäude eines der größten und schönsten Nachttierhäuser Europas, wahrscheinlich sogar der Welt. Einzig das Nachthaus im Bronx Zoo in New York City (USA) ist mit dem Frankfurter Grzimekhaus vergleichbar.

Wo Herr Nilsson Zuhause ist

Als das Grzimekhaus im September 1978 eröffnet wurde, begann ein neuer Abschnitt in der Geschichte der Kleinsäugerhaltung im Frankfurter Zoo. Das erste Kleinsäugerhaus aus dem Jahr 1899, das nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs nur notdürftig instandgesetzt worden war, war vollkommen veraltet und bereits 1971 abgerissen worden. Schon nach wenigen Jahren hatte das Tierpflegerteam beachtliche Erfolge in Pflege und Zucht im neuen Grzimekhaus aufzuweisen. Heute, so sagt Revierleiterin Astrid Parys, leben hier 46 verschiedene Tierarten, die die ganze Vielfalt der Fauna repräsentieren, vom Huf- bis zum Beuteltier, vom Raubtier bis zum Affen – aber alle sozusagen in Kleinausgabe. Im Grzimekhaus gibt es eben keine Zebras, sondern Kleinkantschils, eine dreiköpfige Familie des kleinsten Huftiers der Welt; hier sind keine Großkatzen zu sehen, sondern Fischotter, keine Gorillas, sondern Totenkopfäffchen, eine kleine tengattung, die durch Pippi Langstrumpfs Begleiter Herrn Nilsson berühmt wurde. Die Tierwelt Australiens vertreten keine Kängurus, sondern Zwerggleitbeutler und Kurzschnabeligel, ein eierlegendes Säugetier. Besonders selten ist das aus Madagaskar stammende Fingertier, von dem es nur 14 in sechs europäischen Zoos gibt, drei davon im Frankfurter Grzimekhaus. Vor zwei Jahren gelang hier die deutsche Erstzucht. Das am 11. Januar 2011 geborene Fingertierchen soll jetzt allmählich von Mutter Kintana entwöhnt werden, und kommt daher gelegentlich allein zu Papa Malala ins Nachbargehege – nur beobachtet von einer Studentin, die ihre Diplomarbeit über das Verhalten dieser außergewöhnlichen Tiere schreiben will.

Fingertier im Grzimekhaus © Michael Leibfritz / Zoo Frankfurt
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Riesiges Schneckenhaus

Als personifizierter Inbegriff des Nachttiers weist ein riesiges Fledermausexemplar aus Pappmaché auf den Eingang des ungewöhnlichen Tierhauses hin, das ziemlich versteckt unter dem Hügel seines bewachsenen Dachs am nördlichen Rand des Zoos liegt. Die Besucher betreten das Haus zunächst im Dämmerlicht und werden allmählich abwärts in die Dunkelheit geführt, woran sich ihre Augen erst nach ein paar Minuten gewöhnt haben. Mehr als die Hälfte der Gesamtfläche des Hauses, vor allem das Dunkelgeschoss mit der Nachttierabteilung, liegt unter der Erde. In einer großen Spirale führt der Weg wieder nach oben, zurück in die Helligkeit einer Tagtierabteilung und an der verglasten Futterküche vorbei bis zum Ausgang. Beinahe unmerklich haben die Besucher vom dunklen Untergeschoss hinauf einen Höhenunterschied von sechs Metern bewältigt, und ihr Rundgang endet fast an demselben Gehege, wo er begann – nur eine Etage höher. Das riesige Schneckenhaus für Kleinsäuger hat der Architekt Klaus Peter Heinrici als geschickte Lösung auf nur 1.500 qm Grundfläche geplant, was bis heute von größtem Vorteil angesichts der relativ beengten Innenstadtlage des Zoos ist.

Artgerechte Wohngemeinschaft

Die Gestaltung der Gehege im Grzimekhaus war in den Siebzigerjahren völlig neu und einzigartig. Früher hatte in Tierhäusern aus hygienischen Gründen das Flair gekachelter Badezimmer herrschen müssen. Durch den Einsatz moderner Kunststoffe in Kombination mit Naturmaterialien wie Erde, Laub, Holz und Pflanzen konnten nun natürliche Lebensräume verblüffend ähnlich nachgebildet werden, worauf der Zoodirektor Richard Faust, Grzimeks Nachfolger, in Zusammenarbeit mit dem Biodesigner K. F. Gunther Häusler besonderen Wert bis ins Detail legte. Damals, erzählt Revierleiterin Parys, konnte es schon mal Ärger geben, wenn nach dem Reinigen eines Geheges plötzlich eine Wurzel oder ein Baumstamm nicht mehr so lag, wie es eigentlich in der Natur wäre. Heute ist es viel wichtiger, dass es den Tieren gut geht und sie fit sind. Immer wieder lassen sich die Tierpfleger neue kleine Tricks einfallen, wie sie ihre Schützlinge beschäftigen können. Bei den possierlichen Fischottern, besonderen Publikumslieblingen, baumelt dann schon mal eine riesige geeiste Fleischkeule von der Decke, von der sie sich ihr Nachtessen herunterschaffen müssen. Einige der früheren kleinen Gehege wurden inzwischen auch zu größeren, artgerechten Lebensräumen zusammengefasst, und in vielen Bereichen wurden Formen der „Vergesellschaftung“ erfolgreich ausprobiert. Dort leben dann Kurzschnabeligel mit dem Eulenschwalm oder eine Erdferkelfamilie mit Springhasen zusammen in einem Gehege.

An alles gedacht

Außer einer freundlichen Springhäsin ist bei Erdferkels aber gerade niemand zu Hause. Revierleiterin Astrid Parys öffnet eine der schweren Türen, die hinter die Kulissen des Grzimekhauses führen. Zwei Fünftel der Nutzfläche sind für die Besucher unsichtbar. Hinter der Klappe zu einer der Schlafboxen streckt Erdferkel Erwin der Pflegerin verschlafen seinen Steckdosenrüssel entgegen. Auch Nachttiere sind nachts nicht immer wach, wie Parys erklärt, zumal die meisten Tiere ein viel ausgeprägteres Schlafbedürfnis haben als wir Menschen. Also lassen wir Erwin seine Ruhe, die er in jenem Rückzugsraum ohne störende Blicke der Besucher stressfrei genießen kann. Auf dem Weg über die Hintertreppen erklärt Parys, wie durchdacht das Grzimekhaus ist. Die Lampen beispielsweise sind so über den Gehegen angebracht, dass sie von den Besuchern beim Blick auf die Tiere nicht gesehen, vom Haustechniker aber problemlos über eine besondere Tür von hinten gewartet werden können, ohne die Tiere zu stören.

Erdferkel Elvis – ein Fernsehstar

Auf der ehemaligen Quarantänestation leben allerhand Tiere, die aus verschiedenen Gründen, etwa wegen ihres Alters, nicht in den Schaugehegen gezeigt werden können. Hier wohnt auch Erdferkel Elvis, ein echter Fernsehstar, bekannt durch die Sendung „Giraffe, Erdmännchen & Co.“. Zuerst darf er mit seinem Rüssel eine aufgeschnittene Avocado ausschnurgeln, die seine Pflegerin ihm hinhält. Und dann galoppiert das Tier, das aussieht, als hätte es der liebe Gott aus den Resten der übrigen erschaffen, mit uns durch alle hinteren Gänge. Elvis zeigt dabei allerdings wenig Interesse für die beeindruckenden Räume mit der Klimatechnik, schubbert sich statt dessen ausgiebig an den Vorratsregalen mit den Insektengläsern und benimmt sich ganz und gar nicht fein, indem er fast an jede Ecke pinkelt. So markiert er halt sein Revier, erklärt Parys. Aber auch das macht fast gar nichts. Einer der elf hier beschäftigten Mitarbeiter wird gelegentlich den Gang mal wieder mit dem Wasserschlauch ausspritzen. Dafür ist der Boden mit Gummi belegt. Im Grzimekhaus ist eben wirklich an alles gedacht. Auch an einen Aufzug zur Futterküche. Wahrscheinlich extra für Elvis. Denn der tut nichts lieber, als mit dem Aufzug zu fahren.

Sabine Hock