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05.02.2013

Von der Kunst, eine Ausstellung zu gestalten

Kuratorin Ingrid Pfeiffer und ihr neuester Coup: „Yoko Ono. Half-A-Wind Show. Eine Retrospektive“

Am 18. Februar wird Yoko Ono 80 Jahre alt. Am 15. Februar startet in der Kunsthalle Schirn eine umfassende Retrospektive über das Werk der Künstlerin, die als eine der wichtigsten unserer Zeit gilt. Ingrid Pfeiffer hat die Ausstellung kuratiert.

(pia) „So sieht es aus ?!“ Ingrid Pfeiffer und macht einen großen Schritt in Richtung eines Kubus' der aus mobilen Stellwänden zusammengezimmert ist. Ein Maler fährt mit einer Rolle frischer Farbe daran auf und ab. Kabel hängen von der Decke, eine Leiter steht herum. Ingrid Pfeiffer breitet die Arme aus. „Das ist immer wieder ein großer Moment.“

Eine einzigartige Retrospektive

Es ist der Moment, in dem sie zum ersten Mal sieht, wie die Räume ihrer neuen Ausstellung aussehen. Die Größe des Musikraums, die Poster, die den Lebenslauf der Künstlerin bebildern. Ingrid Pfeiffer (46), gebürtige Weilburgerin und Tochter einer Galeristin, ist seit zwölf Jahren Kuratorin an der Kunsthalle Schirn. „Sie macht alle Blockbuster“, sagt man. „Ich mache Ausstellungen, die hoffentlich viele Menschen sehen wollen“, sagt sie. „Yoko Ono. Half-A-Wind-Show. Eine Retrospektive“ heißt ihre neueste Schau. Sie startet am 15. Februar und ist die erste umfassende Ono Retrospektive Europas – eine Schirn-Produktion, die nach der Premiere in Frankfurt am Louisiana Museum of Modern Art in Humlebæk, in der Kunsthalle Krems sowie am Guggenheim Museum in Bilbao zu sehen sein wird. Für Ingrid Pfeiffer ist die Ausstellung, zumindest technisch gesehen, die komplexeste, die sie bisher geplant hat.

Eine besondere Herausforderung

„Natürlich ist es aufregend, wenn man zum ersten Mal millionenschwere Gemälde auspackt und hängt“, sagt Ingrid Pfeiffer beim Gang durch die Schirn-Baustelle. Doch Yoko Onos Gesamtwerk zu zeigen, lässt sich damit nur schwer vergleichen. Ono gilt als eine der einflussreichsten Künstlerinnen unserer Zeit, als Wegbereiterin der frühen Konzept-, Film- und Performancekunst, gleichzeitig als zentrale Gestalt in der Musik, der Friedensbewegung und des Feminismus. Rund 200 Objekte von raumfüllenden Installationen über Filme, Fotos, Musik und Textarbeiten zeigt die „Half-A-Wind-Show“. Eine große organisatorische Leistung: „Yoko Onos Werk ist so umfangreich, medial und technisch so kompliziert“, sagt Ingrid Pfeiffer. Und natürlich sei es immer eine besondere Herausforderung, mit lebenden Künstlern zu arbeiten. Denn die wollen involviert werden in Werkauswahl und Gesamtkonzeption einer Ausstellung.

Kuratorin Ingrid Pfeiffer zeigt ein Foto aus der Yoko Ono Ausstellung © Tom Kauth / Yoko Ono
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Ein spezieller Anlass

Ingrid Pfeiffer hat Yoko Ono als „freundliche, zugängliche und gleichzeitig sehr professionelle Frau“, erlebt. Eine Künstlerin, die wie jeder Kunstschaffende am liebsten ihre neuesten Werke ausgestellt sähe, die aber stets kompromissbereit war. Ingrid Pfeiffer: „Ich zeige nichts, was Yoko Ono mir hätte aufdrücken wollen.“ Die Feinheiten hat die Kuratorin in unzähligen Telefonaten und E-Mails mit Onos langjährigem Wegbegleiter und Kurator Jon Hendricks abgestimmt. Den hatte sie 2010 bei einer Ausstellung in Berlin kennengelernt und ihm ihre Karte hinterlassen. „Mir geisterte schon lange eine solche Ausstellung im Kopf herum“, sagt Ingrid Pfeiffer. Yoko Onos 80. Geburtstag am 18. Februar dieses Jahres gab den Anlass für die Zusammenarbeit.

Eine außergewöhnliche Begegnung

Über zwei Jahre vergingen von der Idee bis zur Umsetzung, Ingrid Pfeiffer sichtete Werke, im Original oder in Katalogen, sie schaute sich Filme über Onos Performances an, sprach stundenlang mit Technikern, besuchte andere Museen. Im März 2011 traf sie Yoko Ono zum ersten Mal. „Nein, sie ist nicht die Hexe für die sie alle halten“, sagt Ingrid Pfeiffer und lacht. Ja, alle denken bei Yoko Ono an die Beatles und die Frau, wegen der sich die Band 1970 angeblich getrennt hat. Und ja, ohne die Heirat mit Lennon wäre Ono nicht weltberühmt geworden. Aber: „Yoko Ono als Glamourperson interessiert mich überhaupt nicht“. Als Ingrid Pfeiffer das sagt, stehen drei Ausrufungszeichen im Raum. „Die ganze John-Lennon-Geschichte hat nichts damit zu tun, was Yoko Ono macht.“ Nochmal drei Ausrufungszeichen. Für Ingrid Pfeiffer ist Ono eine Künstlerin, deren Werke auch heute noch von größter Aktualität sind. Die Kuratorin erzählt von der Cut Piece-Performance 1964. „Da sitzt diese Frau auf der Bühne und lässt sich mit einer scharfen Schere vom Publikum die Kleider vom Leib schneiden. 1964! In Japan! Stellen Sie sich das mal vor!“ Ingrid Pfeiffer schüttelt sich: „Wenn ich nur daran denke, läuft es mir kalt den Rücken herunter.“

Eine bleibende Erinnerung

Den Betrachter einbeziehen, ja, ihn aufzufordern, das Kunstwerk mittels eigener Handlungen entweder zu vervollständigen oder überhaupt erst in Gänze zu realisieren, gehört zum grundlegenden Konzept der Kunst Yoko Onos. Ingrid Pfeiffer: „Sie definiert die Rolle des Betrachters neu. Sie füllt die Räume nicht mit Material, sie füllt sie mit Ideen.“ Mit dieser Herangehensweise erteile Yoko Ono selbstgerechten Künstlern mit groß-größer-am-größten-Gehabe eine Absage. Ingrid Pfeiffer führt Daumen und Zeigefinger nah aneinander, späht durch die Lücke: „Es gibt Ideen, die sind so klein.“ Dann wirft sie die Hände in die Luft. „Und Bilder, die sind so groß.“ Pause. „Und es gibt Ideen, die sind so groß und die Werke sind ganz klein.“ Um die Grundelemente des Menschen, darum gehe es in Yoko Onos Kunst. „Kunst - das ist nicht immer ein schönes Bild. Was berührt, das bleibt den Betrachtern in Erinnerung.“

Ein beeindruckendes Raumerlebnis

Menschen in die Museen, in die Schirn Kunsthalle holen, das will Ingrid Pfeiffer. Mit Ausstellungen für alle - Kunstkenner genauso wie Vater, Mutter, Kind. Niemand sollte Angst haben vor der Kunst. Die Kunst der Kuratorin besteht darin, eine Ausstellung so zu konzipieren, dass jeder sie versteht und Freude an ihr hat. „Man muss erklären ohne die Besucher zu unterschätzen“, sagt Ingrid Pfeiffer. Texte schreiben, die erläutern, ohne zu ermüden. Den richtigen Rahmen, die beste Darstellung für die Kunstwerke wählen. Ingrid Pfeiffer erzählt vom Ono-Film „Fly“. Man sieht eine Fliege über den nackten Körper einer Frau krabbeln, Yoko Ono imitiert dabei das Summen der Fliege. Pfeiffer, die „Fly“ bisher nur auf kleinen Bildschirmen gesehen hatte, sah den Film während der Ausstellungsvorbereitung auf einer Kinoleinwand. „Beeindruckend“, ruft sie, „total sinnlich“. In der Schirn werden die Besucher „Fly“ zwar nicht im Kinoformat sehen, aber zumindest überlebensgroß. Ein Raumerlebnis schaffen, das ist die Aufgabe der Kuratoren. Dreidimensional denken. Eine leere Halle – die Schirn wird für jede neue Ausstellung umgebaut – passgenau für die Objekte einrichten.

Yoko Ono: Morning Beams / Riverbed, 1996, Installationsansicht, Israel Museum, 2000, Foto: Oded Lobl, © Courtesy LENONO PHOTO ARCHIVE
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Viele große Momente

Deswegen ist der Gang über die Baustelle, bei dem die Kuratorin die Räume für die Yoko Ono-Schau zum ersten Mal sieht, ein so großer Moment. Bis zur Eröffnung am 14. Februar werden für Ingrid Pfeiffer noch einige solcher Momente folgen – wenn die Bauarbeiten abgeschlossen sind, die Kunstwerke geliefert werden, wenn geprüft wird, ob alle Objekte unversehrt angekommen sind. Wenn die Ausstellung eröffnet wird und Yoko Ono aus New York nach Frankfurt kommt, um sich ihre Retrospektive anzusehen.

Anja Prechel