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Zu mehr Selbstbewusstsein durch Tanz

Die Urban Dance-Bewegung auf dem Weg zur Industrie- und Handelskammer

Was seinen Anfang in den Straßen der amerikanischen Ghettos hat, bekommt nun eine offizielle Bedeutung. Die Urban Dance-Bewegung bekommt eine offizielle Qualifikation durch die Industrie- und Handelskammer. Von diesem bundesweit einmaligen Projekt mit Pilotcharakter profitieren nicht nur die Trainer, sondern auch die Schüler.

Urban Dance Training bei Miriam Schönauer, Foto: Astrid Biesemeier
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Frankfurt am Main (pia) „Kick wechseln, Kick wechseln, öffnen, schließen, Tap, öffnen, schließen, Tap!“ Die Urban Dance-Trainerin Miriam Schönauer steht tanzend auf einer Bank und ruft ihre Anweisungen in die Halle. Laute Hip-Hop Beats wummern aus der kleinen Anlage in einer Ecke der Turnhalle der Georg-Büchner-Schule. Auch wenn es nicht so aussieht: Miriam Schönauer unterrichtet. Dazu muss sich ihre Stimme ziemlich anstrengen, um die Musik und die quirligen Jugendlichen aus den Klassen fünf, sechs und sieben zu übertönen. Denn auch wenn es Freitagnachmittag und das Urban Dance-Training keine Pflichtveranstaltung ist, heißt das noch lange nicht, dass die Kids konzentriert bei der Sache sind und nicht aus der Reihe tanzen. Mit von der Partie ist die 17jährige Meliz Toprak. Sie ist eine von 16 Jugendlichen und jungen Erwachsenen zwischen 16 und 25 Jahren, die an der Urban Dance- Qualifizierung teilnehmen. Es ist eine deutschlandweit einmalige Qualifizierungsmaßnahme und ein Projekt mit Pilotcharakter, an dessen Ende den Teilnehmern eine Zertifizierung durch die Industrie- und Handelskammer (IHK) winkt - bestandene Prüfungen vorausgesetzt.

Weg von der Straße

Auf den ersten Blick scheinen die IHK-Weihen und Urban Dance so gar nicht zusammenzupassen. Schließlich hatte diese Tanz-Kultur ihren Ursprung auf der Straße und wurde Anfang der 70er Jahre in den afroamerikanischen Ghettos von New York gelebt. Mit der IHK verbindet man schließlich eher Prüfungen in Fremdsprachen, Buchhaltung oder Steuern und keine, bei denen es um Locking, Popping, Hip Hop, House oder Lofting geht. Ziel dieser neuen Qualifizierung ist es, den urbanen Tanz „wie modernen oder klassischen Tanz als Kunstform zu etablieren und eine Ausbildung oder einen Studiengang zu entwickeln und Standards zu setzen, die für Tänzer und vor allem Lehrer bindend sind und eine gute Bildung in diesem Bereich garantieren“, so Schönauer. Der Verein zur Förderung der urbanen Tanz- und Hip Hop- Kultur hat zusammen mit dem Jugendbildungswerk, dem Jugend und Sozialamt der Stadt Frankfurt, der Sportuniversität, dem Institut für Aus- und Weiterbildung, der IHK, dem Galluszentrum und dem Quartier aktive Nachbarschaft diese Qualifizierung konzipiert.

Pädagogik ist gefragt

Wenn man Miriam Schönauer bei ihrer Arbeit zusieht, dann leuchtet es ein, dass sich nicht jeder vor eine Gruppe stellen und loslegen kann. Die Kids wollen und müssen diszipliniert werden – auch wenn Urban Dance der Ruch von Subkultur anhaftet. Irgendwo rumstehen und nicht mitmachen? Geht nicht. Sich auf der Bank lümmeln und ausruhen? Nicht drin. Zu spät kommen? Unmöglich – wer zu spät kommt, muss draußen bleiben. Die Regeln sind klar: Niemand muss mitmachen, aber wer sich dafür entschieden hat, muss sich auch bewegen, vollen Einsatz zeigen und Schönauers Anweisungen folgen. Von wegen auflehnende Subkultur, anarchischer Selbstausdruck oder gar Verweigerung. Mit den Kids umzugehen, will gelernt sein. Tanzen können allein reicht nicht aus, um sie zu unterrichten. Auch ein pädagogisches Einfühlungsvermögen gehört dazu. Nicht zuletzt deshalb ist der Urban Dance samt Hip Hop Kultur in Frankfurt nun in der IHK angekommen. „Die Jugendlichen, die an der Qualifizierung teilnehmen, sind noch nicht so streng wie ich“, erzählt Miriam Schönauer entspannt. „Sie müssen noch lernen sich als Unterrichtende von den anderen Jugendlichen abzugrenzen.“

Schönauer hat vor zwölf Jahren angefangen zu unterrichten. Immer wieder hat sie an Workshops von nationalen und internationalen Choreografen und Tänzern teilgenommen, um besser zu werden und verschiedene Styles zu lernen. Sie arbeitete hauptsächlich mit Kindern und Jugendlichen zusammen und engagierte sich in vielen Jugendhäusern, Mädchentreffs und ähnlichen sozialen Einrichtungen. „Es gibt einfach nicht die Möglichkeit, Urban Dance beruflich zu lernen. Und es hat mich genervt, dass ich immer wieder nach New York, Amsterdam oder Paris musste, um mich weiterzubilden. Viele von denen, die Urban Dance für Jugendliche unterrichten, haben pädagogisch und didaktisch keine Ahnung. Auch das hat mich geärgert und ich will dies mit der Qualifizierung ändern.“ Und darum stehen bei der Qualifizierung nicht nur Theorie und Praxis des urbanen Tanzes bei bekannten Urban Dance-Größen auf dem Programm, sondern auch choreografisches Arbeiten und Dramaturgie, Pädagogik, ein Erste-Hilfe- Kurs, Anatomie und Traumatologie, Kenntnisse in Selbstmarketing, Netzwerken und Berufsperspektiven. Sogar grundlegendes kaufmännisches Wissen wird vermittelt.

Tanzen macht frei

Meliz Toprak tanzt seit fünf Jahren bei Schönauer, und für sie ist der Urban Dance „eine Leidenschaft, ein Muss.“ Darum möchte sie mehr wissen über den Tanz, seinen Ursprung und die Entwicklung einzelner Schritte. Die Qualifizierung ist für sie wichtig, weil sie den Umgang mit Kindern lernen will, um sie für den Unterricht zu begeistern. Sie unterrichtet bereits einmal pro Woche für zwei Stunden. „Unterrichten ist anstrengend, fordert viel. Aber es macht mir Spaß, die Schritte und Bewegungen, weiterzugeben und sehen, wie die Kids Fortschritte machen.“ Noch kann sie sich allerdings nicht vorstellen, diese Leidenschaft zum Beruf zu machen. Von der Qualifizierung ist sie dennoch ebenso begeistert wie vom Tanz. „Tanz macht frei“, findet die Siebzehnjährige. Mit Urban Dance lernen die Kinder, ein Gefühl für ihren Körper zu entwickeln. Sie gewinnen Selbstbewusstsein und haben Erfolgserlebnisse, wenn sie etwas gut machen – und das ist auch wichtig für die vielen Kids mit Migrationshintergrund.

Astrid Biesemeier

Weitere Informationen über Miriam Schönauer, Dance in Ffm, E-Mail info@dance-in-ffm.de, oder auf der Internetseite http://www.dance-in-ffm.de