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14.02.2018

‚Er ist nun nach Hause gekommen‘

Stadt Frankfurt benennt Platz in Rödelheim nach Arthur Stern – seine Enkel William und Carol Froehlich sind dabei

(kus) Arthur Stern war Rödelheimer, begeisterter Sportler, lebte für seinen Verein 1. FC Rödelheim, war Begründer der Rödelheimer Turn- und Sportgemeinschaft und rief die Tradition der Waldläufe ins Leben. 1940 musste der jüdische Kaufmann mit seiner Familie aus Nazi-Deutschland fliehen. 80 Jahre später reisen seine Enkel Carol und William Froehlich aus Washington nach Frankfurt, um dabei zu sein, wenn am Mittwoch, 14. Februar, in Rödelheim ein Platz nach ihrem Großvater Arthur Stern benannt wird.

Arthur Stern hat Rödelheim immer bei sich gehabt

„Wir empfinden es als eine besondere Auszeichnung, die Gelegenheit zu haben, unserem Großvater die Ehre zu erweisen. Er ist nun nach Hause gekommen“, sagt Carol Froehlich, hält inne und schaut ihren Bruder an. „Es ist ein heilender Prozess. Für uns und für die Deutschen. Es ist ein wichtiger Schritt, Frieden zu finden und zu bewältigen, was geschehen ist.“

Carol und William Froehlich, Enkel von Arthur Stern, Februar 2018, © Foto: Stefanie Kösling
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Carol und William Froehlich sind überwältigt, aber auch Trauer und Schmerz sind im Gespräch mit den Geschwistern zu hören. Die Benennung sei eine positive Geste und ein wunderbares Symbol. Der neu gestaltete Platz liegt zentral auf der Westseite des Bahnhofes. Ihr Großvater Arthur Stern, am 29. Juni 1890 in Rödelheim geboren, muss mit seiner Familie 1940 Nazi-Deutschland verlassen. Im US-amerikanischen Buffalo findet die Familie eine neue Heimat, doch Stern bleibt Frankfurter, Rödelheimer. „Einen Stein aus Rödelheim hat er behalten. Die Verbindung in die Heimat war immer da – in den Dingen, die er tat, die er aß und die er sagte. Rödelheim war immer bei ihm“, erzählt William Froehlich, während sein Blick in die Vergangenheit abgleitet.

Er sprach nie über das Erlebte

Als einen kontaktfreudigen, freundlichen und gesprächigen Mann beschreiben die Geschwister ihren „Opa“, wie sie ihn immer genannt haben. Aber die fürchterlichen Erlebnisse in seiner ehemaligen Heimat saßen tief. „So kontaktfreudig Opa war, er hat auch vieles für sich behalten. Wir wissen nicht, was er erlebt hat. Er hat nie darüber gesprochen“, sagt die 65-jährige Carol Froehlich. November 1938, in der Reichspogromnacht, werden die Schaufensterscheiben von Arthur Sterns Textilwarenladen in Rödelheim zerbrochen. Er wird verhaftet und ins Konzentrationslager Buchenwald verschleppt. Seine Frau Elli Stern nimmt ihren ganzen Mut zusammen und geht mit den Auszeichnungen ihres im Ersten Weltkrieg dekorierten Mannes zur Gestapo und fordert seine Freilassung. Nach einigen Wochen kommt Arthur Stern wieder frei. Er wird nie über seine Erlebnisse in Buchenwald erzählen. Für die Familie steht fest, sie müssen sich in Sicherheit bringen und die geliebte Heimat Rödelheim verlassen.

Carol und William Froehlich, Enkel von Arthur Stern, Februar 2018, © Foto: Stefanie Kösling
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Ein neues Leben in Buffalo

Sie stellen einen Antrag zur Ausreise in die USA. Die Schwester von Arthur Stern, Frieda, lebt bereits dort. Sie ist inzwischen mit einem Amerikaner verheiratet. Damit ist eine erste Hürde überwunden. Denn um in die USA ausreisen zu können, benötigen die Flüchtlinge eine Bürgschaft eines bereits in den USA lebenden Verwandten. Doch die Zahl der Flüchtlinge wächst und es gibt lange Wartelisten. Das Ehepaar Stern entscheidet, ihre Tochter Edith – die Mutter von Carol und William - einem der letzten Kinderhilfstransporte nach Schweden anzuvertrauen, die damals zur Rettung jüdischer Jungen und Mädchen organisiert wurden. Und so steigt die gerade 16-jährige Edith Stern im März 1939 ohne ihre Eltern in den Zug, der sie über Berlin nach Fallun in Schweden bringt. Dort lebt sie mit vielen jüdischen Kindern aus Deutschland und Österreich in einem Lager. Von Schweden aus kann sie auch nach Ausbruch des Krieges den Briefkontakt zu ihren Eltern aufrechterhalten. Sie erfährt, dass ihnen gemeinsam mit der Schwiegermutter von Arthur Stern unter großen Schwierigkeiten im Frühjahr 1940 die Ausreise in die USA gelingt. Edith Stern entscheidet sich, ihrer Familie in die Vereinigten Staaten zu folgen. Im Dezember besteigt sie ein Flugzeug nach Moskau. Es beginnt für die inzwischen 17-Jährige eine 46-tägige Reise. Von Moskau aus geht es mit der Transsibirischen Eisenbahn nach Wladiwostok, dann mit dem Schiff nach Japan und schließlich weiter mit dem Schiff nach Vancouver und von dort weiter nach Seattle. Dort bringt sie ein Zug im Januar 1941 über Chicago nach Buffalo. Im gleichen Jahr erhält die Familie einen Brief ihrer Verwandten Selma, Isidor und Renate Strauß aus Rödelheim. Es wird das letzte Lebenszeichen sein. Die Nazis ermorden sie 1942. An die Familie erinnern heute drei Stolpersteine vor dem Haus Assenheimer Straße 1.

Er habe nie schlecht über seine Heimat gesprochen, fügt William Froehlich hinzu. In allem, was sein Großvater tat, habe er Rödelheim immer bei sich gehabt. „Wenn seine Freunde kamen, tranken sie zusammen Bier, spielten Skat – wie in Rödelheim. Und er las eine deutsche Zeitung“, erinnert sich Carol Froehlich und lächelt. Bekannte von früher unterstützte er mit Care-Paketen. Stern habe gewusst, sich zu vernetzen und Kontakte zu knüpfen, berichtet sein Enkel. Doch einfach sei es für die Familie nicht gewesen als Flüchtlinge und Einwanderer in den USA anzukommen, Arbeit zu finden, die Sprache zu lernen.

Die Trauer über den Verlust der Heimat und die Verwandten

Arthurs Tochter Edith, die nach dem Krieg Walter Froehlich heiratet, besucht zweimal Deutschland. Das erste Mal wird sie von ihrem Sohn William Froehlich begleitet. „Die Gefühle waren sehr gemischt. Die Begegnungen mit den Menschen in Rödelheim seien offen und warmherzig gewesen. „Aber es gab auch die, denen sie nicht mehr begegnen wollte“, berichtet William Froehlich. Sie habe eben auch jene gesehen und erkannt, die damals mit Steinen geworfen hatten. „Meine Mutter schaute sich die Leute auf der Straße an und fragte: ‚Was haben sie damals gemacht?‘“, berichtet William Froehlich. Es seien viele Erinnerungen zurückgekommen bei der ersten Reise nach Rödelheim, weiß Carol Froehlich aus Gesprächen mit ihrer 2014 verstorbenen Mutter. Die Erinnerungen an ihre Kindheit, an brennende Synagogen und an ihre Tante Selma und ihre Cousine Renate, die ins Konzentrationslager kamen und dort ermordet wurden. Diesen Verlust habe sie nie richtig überwunden. „Es war ein scharfer Einschnitt in ihr Leben. Sie mussten alles zurücklassen und von vorne beginnen. Das hat Zeit gebraucht“, sagt William Froehlich.

William Froehlich, Enkel von Arthur Stern, Februar 2018, © Foto: Stefanie Kösling
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Arthur Stern, der 1963 verstarb, kam nie wieder nach Deutschland zurück. „Nach alledem, was er erlebt hatte, war er dankbar, dass er überlebt hatte. Die Rückkehr oder ein Besuch wären zu schmerzhaft für ihn gewesen. Meine Mutter hatte Zeit sich emotional mit dem, was geschehen war, auseinanderzusetzen und konnte versuchen, sich auf einen Besuch in der Heimat vorzubereiten. Diese Zeit hatte mein Großvater, der 1963 verstarb, nicht“, sagt William Froehlich, der bis zu seiner Pensionierung als Anwalt in Washington D.C. arbeitete.

„Es ist immer noch unglaublich, was passiert ist. Wir sind in der Familie die erste Generation Amerikaner und haben den Trauerprozess miterlebt und mitgetragen. Der Verlust, den wir bewältigen mussten, ist unglaublich. Man hörte nicht auf, sich zu fragen, warum die Menschen das zugelassen haben, die wussten, was da vor sich ging“, sagt Carol Froehlich, schluckt und macht eine Pause. Die 65-Jährige arbeitete jahrelang als Sozialarbeiterin in Buffalo.

Verbindungen aufbauen und Frieden finden

„Aber gegen Ende ihres Lebens hatte meine Mutter sich versöhnt. Sie versuchte die positiven Elemente mehr zu sehen und die negativen etwas in den Hintergrund zu schieben. Ich wünschte sie wäre am Leben und könnte erleben, dass der Platz in ihrer Heimat nach ihrem Vater benannt wurde. Es hätte sie sehr erfreut“, sagt William Froehlich. Mit jedem Besuch fiel es Edith Stern leichter, darüber zu berichten, was ihr und ihrer Familie widerfahren war. Sie sprach mit jungen Menschen in Deutschland, damit so etwas Schreckliches nie wieder geschieht. „Ich denke sie wäre sehr glücklich gewesen“, sagt Carol Frohlich zur Benennung des Platzes.

„Wir sind sehr dankbar, dass so viele Menschen zusammen gekommen sind, um das zu ermöglichen“, sagt William Froehlich und lächelt seine Schwester an. Carol Froehlich lächelt zurück: „Opa hätte sich sehr geehrt gefühlt über die Benennung des Platzes nach ihm. Dort wo er aufgewachsen ist und glücklich war.“

In den kommenden Tage werden die Geschwister ihre Zeit in Frankfurt dazu nutzen, die Atmosphäre in der Stadt und besonders in Rödelheim aufzunehmen und die Plätze, die für ihren Großvater und ihre Mutter wichtig waren, besuchen. „Es ist wichtig Verbindungen aufzubauen, zum Bewältigen und um Frieden zu finden. Dieser Geist ist es, der uns alle vorwärts bringt“, sagt Carol Froehlich.

Text: Pelin Abuzahra und Ulf Baier