Logo FRANKFURT.de

Warum heißt der Römer „Römer“?

Ein Interview mit der Historikerin Silke Wustmann

Frankfurt heißt Frankfurt, weil hier die Franken durch die Furt gewatet sind. Grie’ Soß heißt Grie’ Soß, weil sie grün ist. Und bei der Fressgass ist sowieso alles klar. Aber warum heißt der Römer „Römer“? Die Historikerin Silke Wustmann hat sich dieser Frage wissenschaftlich genähert.

Bild, © Stadt Frankfurt am Main<br />
Dieses Bild vergrößern.

Frau Wustmann, für viele Frankfurter liegt auf der Hand: Der Römer heißt Römer, weil er früher einer Familie gehörte, die Römer hieß.
(schmunzelt) Ja, das ist eine nahe liegende Erklärung: Der Besitzer hieß Römer, und er nannte dann sein Haus so. In Wirklichkeit war es aber genau umgekehrt: Erst das Haus, dann der Name. Früher gab es ja keine Nachnamen. Irgendwann gab es einfach zu viele Leute, die „Hans“ oder „Maria“ hießen – und die bekamen ihren Beruf als Nachnamen verpasst oder den Hausnamen. Die Familie „Römer“ hieß also so, weil sie im Römer wohnte – und nicht umgekehrt.

Die erste Erklärung also schon futsch. Aber mit „Rom“ hat der Name doch was zu tun?
Mit den alten Römern hat’s nichts zu tun, auch wenn die hier in der Nähe waren. Es gibt aber die Variante, dass der Name etwas mit Karl dem Großen zu tun haben könnte. Karl hatte ein Faible für Rom, nannte sich „römischer Kaiser“. Tatsächlich gab es eine karolingische Pfalz in Frankfurt, von der man bis ins 20. Jahrhundert nicht genau wusste, wo sie denn nun stand. Viele nahmen an, dass sie da war, wo der Römer jetzt ist. Zudem: Es gab in Frankfurt mehr als nur ein Haus, das „Römer“ hieß. In Sachsenhausen stand eines, ein anderes im Klapperfeld, eines am Markt – und die ersten Kaiser haben auch nicht im heutigen Römer übernachtet und nicht im Kaisersaal getafelt.

Hat es was mit Wein zu tun, schließlich gibt es im Haus Alt-Limpurg eine Weinstube?
Und die Römergläser gaben dem Haus den Namen? Eine nette Erklärung – aber auch die ist schlicht falsch, schlicht ausgedacht.

Also, wieso heißt der Römer denn nun Römer?
Es hat sicher mit der Messe zu tun, die im Mittelalter auf dem Römerberg abgehalten wurde. Italienische Kaufleute stellten im Erdgeschoß ihre Waren aus und wohnten im oberen Stockwerk. „Rom“ war das Synonym für ganz Italien. Wer im Mittelalter an Italien dachte, dachte unwillkürlich an Rom, denn schließlich sitzt der Papst in Rom. Und sein Palast ist der Lateran. Das linke Haus neben dem „Römer“ hieß früher auf frankfurterisch - „Laderam“!

Und das ist wirklich die Erklärung?
Es könnte auch sein, dass der Besitzer des Hauses aus Italien stammte oder Handelskontakte über die Alpen unterhielt. Oder eine Pilgerreise nach Rom gemacht hat. Es gibt hundert Möglichkeiten. Endgültig wird man das nie klären können. Aber zu 99,9 Prozent sind’s die italienischen Kaufleute und eben nicht die Familie, die so hieß. „Laderam“ ist dabei ein wichtiger Hinweis.