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Indikatoren für die Interkulturelle Öffnung der Gesundheitsdienste

Aus dem Frankfurter Raster, ein Indikatorenset für "Gesunde Intgration", das von der Bundesregierung 2007 veröffentlicht wurde, entwickeln wir interkulturelle Maßstäbe für die Arbeitsweise der Gesundheitsdienste.
Interkulturelle Öffnung ist immer wieder diskutiert worden. Für uns sind insgesamt 12 Indikatoren wichtig, die zeigen, ob die Qualität unserer Arbeit migrationsfreundlich ist:

Die pragmatische Ebene:

1. Öffentlichkeitsarbeit findet statt
Dabei geht es sowohl um eine Impulswirkung innerhalb des Gesundheitswesens, als auch um eine Breitenwirkung über den Gesundheitssektor hinaus. Gesundheit von Menschen mit Migrationshintergrund hängt nicht nur vom Gesundheitswesen ab, sondern entscheidend auch von erfolgreicher Antidiskriminierungspolitik, Bildungs- und Arbeitsmarktpolitik. Positiv zu werten sind nicht nur Fachberichte, sondern auch öffentliche Foren und Präsentationen, Anhörungen, Pressekonferenzen und das Vorhandensein von Printmedien und einer Internetdarstellung.

2. Innovative Methoden
Wenn im Rahmen der Gesundheitsversorgung neue Wege gegangen werden, die insbesondere die Vielfalt verschiedener Gesundheitskonzepte beachten und eine Begegnung von Laien mit Migrationshintergrund einerseits und medizinischen und nichtmedizinischen Experten andererseits fördern, erkennen wir darin eine innovative und gute Praxis.

3.Überprüfbarkeit
Projekte und Maßnahmen sollen so konzipiert sein, dass sie möglichst von Beginn Laien-, Patienten- und Bürgerinitiativen einschließen und fördern. Dazu gehört z.B. die Sicherung einer dauerhaften Mitsprache von Migranten an kommunalen Angebotsstrukturen für Gesundheitsförderung und Krankheitsprävention und z.B. die Beteiligung von Migranten an Selbsthilfegruppen. Auch wenn Folgeaufgaben in Angriff genommen bzw. organisiert werden, z.B. wenn besondere gesundheitliche Problemlagen einer Bevölkerungsgruppe mit Migrationshintergrund im Laufe eines Projekts erkannt werden und eine Folgeplanung auslösen, ist das ein Indikator für migrationsfreundliche Umgestaltungsprozesse. Ebenso wie eine ausreichende und verhältnismäßige Finanzierungsgrundlage.

4. Integrationsziele im Gesundheitswesen benennen/Methoden derGesundheitsförderung bei der Integrationsarbeit übernehmen
Fachliche Konzepte sollen innerhalb des Gesundheitswesens eine Orientierung an integrationspolitischen Programmen z.B. der jeweiligen Kommune beinhalten. Bei Initiativen im Migrationsbereich sollen umgekehrt Strategien und Methoden der Gesundheitsförderung und/oder gesundheitswissenschaftlichen Erkenntnissen berücksichtigt werden. Es soll im Idealfall darstellbar sein, dass ein Vorhaben jeweils Teil eines umfassenderen Zielsystems und keine isolierte fachliche Leistung ist.

Die für Gesundheit maßgeblichen Integrationsansätze:

1. Qualifizierung von Zuwanderern und Einheimischen
Der Umgang mit Gesundheit, Krankheit wie mit dem Fremden und den Fremden muss gelernt und eingeübt werden. Gesundheitsarbeit muß auf Stärken und Ressourcen von Migranten und Nichtmigranten aufbauen und nicht immer nur ihre Defizite aufzählen. Mittels Information, Bildung sowie der Verbesserung der Kompetenzen im Umgang mit ihrer Gesundheit und ihrer Fähigkeiten im sozialen und politischen Kontext werden Prävention und Gesundheitsförderung überhaupt erst möglich.


2. Integrative Gesundheitsverständnis
Migrationsfreundliche Maßnahmen zeichnen sich dadurch aus, dass Gesundheitsakteure sowohl auf der Seite der Dienste und Experten, als auch auf Seiten der Laien, Communities und Migrantenvereine identifizierbar sind. Über die Mobilisierung kultursensibler und qualifizierter Fachkräfte hinaus, muss eine Anerkennung von Gesundheitsakteuren auf Migrantenseite erfolgen, die als Mittler, Interessenwalter ihrer Landsleute und als soziale Veränderungsmotoren an Prozessen zur Gesunden Integration beteiligt sind.

3. Soziale Selbsthilfe wird erwartet und gefördert
Selbsthilfegruppen aus Migrantenorganisationen oder Aktionen von einzelnen bzw. informellen Migrantengruppen werden von den Regeldiensten möglichst von Beginn an mit einbezogen. Solche Aktionen werden bewusst unterstützt und durch z.B. gemeinsame Weiterbildung und Aufbau von Teams gefördert.

4. „Illegalen“-Situation und ausländerrechtliche Bestimmungen zum Nachteil der Gesundheit werden aufgegriffen und bearbeitet
Die prekäre Situation von Menschen aufzugreifen, die sich illegal in Deutschland aufhalten, oder Asylbsuchende zu unterstützen ist alltägliche Begleiterscheinung einer migrationsfreundlichen Gesundheitsversorgung. Denn ausländerrechtliche Bestimmungen wirken sich in vielen Fällen nachteilig auf die gesundheitliche Befindlichkeit von Migranten aus und müssen schon aus ethischen Gründen mit bearbeitet werden.

Gesundheitswissenschaftliche Kriterien:

1. Zugang zur Gesundheitsversorgung
Selbstevaluierungsmaßnahmen der bestehenden Regeldienste im Hinblick auf Verständlichkeit und Glaubwürdigkeit des jeweiligen Angebots für Migrantinnen und Migranten sind Schritt für Schritt einzuführen.
Denn bisher haben Migranten aus systemischen und individuellen Gründen oftmals einen schlechteren Zugang zur Gesundheitsversorgung als die Mehrheitsbevölkerung . Die sprachliche, kulturelle und religiöse Herkunft von Patienten sind nicht als Hindernis, sondern als positiver Anknüpfungspunkt für gesundheitlichen Service und gesundheitliche Aufklärung zu verstehen und durch geeignete Medien und Personaleinsatz zu nutzen. Kommunikationshürden bei der Gesundheitsaufklärung, Prävention und allgemeiner Gesundheitsversorgung müssen also zumindest erkannt und der Versuch gemacht werden, sie mit geeigneten Wegweisern und Lotsen zu überwinden. Hierfür ist ein mehrsprachiges und kultursensibel aufbereitetes Informationsmaterial ein wichtiger Anfangsschritt. Auch die Qualität von Übersetzungen und Dolmetscherleistungen ist Anzeichen für migrationsfreundliche Gesundheitsarbeit.

2. Setting-Ansatz
Im Sinne des Setting-Ansatzes läßt sich Gesundheitsförderung am effektivsten in der Alltagswelt und den konkreten Lebensbedingungen der Migranten organisieren. Der Begriff „Setting“ bezeichnet ein überschaubares sozialräumliches System (z.B. Kindergarten, Schule, Betrieb, Stadtteil), in dem Menschen ihren Alltagstätigkeiten nachgehen. Die Beschreibung gesundheitlicher Benachteiligung unter sozialräumlichen Gesichtspunkten erhält dabei ein besonderes Gewicht im Sinne politischer Relevanz und der Bestimmung prioritärer Handlungsfelder.

3. Gesundheitsberichterstattung
Bekannt aus Einzelstudien zur gesundheitlichen Situation von Migranten sind besondere somatische und psychosoziale Morbiditäts- und Mortalitätsrisiken von Migranten. Insgesamt ist die Datenlage in der Bundesrepublik Deutschland jedoch unzureichend und wird es auch langfristig bleiben. Positiv werden deshalb Vorhaben gewertet, in denen zumindest ansatzweise eine lokale, regionale und landesweite migrationssensible Berichterstattung, vorangetrieben wird .

4. Gesundheitsförderung und Krankheitsprävention
Inhalte und Methoden der Gesundheitsförderung und Krankheitsprävention fußen auf den bekannten Strategien der Ottawa-Charta der WHO. Sie sind entscheidend im Hinblick auf sozial Benachteiligte und Migranten. D.h. nicht nur aus einem interkulturellen Normen-, sondern auch aus einem modernen gesundheitswissenschaftlichen Methodenverständnis heraus sind Patienten- und Bürgerbeteiligung, Vernetzung von Handlungsstrategien im professionellen und im bürgerschaftlichen Bereich die einzigen verlässliche Indikatoren für Ressourcenorientierung und Nachhaltigkeit bei der Gesundheitsarbeit. Das kann z.B. durch niedrigschwellige und/oder aufsuchende Beteiligungsangebote erreicht werden oder dadurch, dass die Zielgruppen frühzeitig einbezogen werden. Die Teilhabe lokaler Akteure (Migrantenvereine, Selbsthilfegruppen, Bürgerinitiativen) ist zu ermöglichen und zu fördern.

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