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02.01.2017

Für ein Miteinander – wir nehmen uns den Raum

Bilanz des ehrenamtlichen Kulturprojekts in der B-Ebene des Hauptbahnhofs

Klänge eines E-Pianos schallen durch den Lärmteppich der B-Ebene des Hauptbahnhofes, hastende Passanten schauen sich überrascht um, bleiben stehen, während plötzlich aus allen Richtungen des weitläufigen Hallenlabyrinthes Menschen singend zusammenlaufen und das berühmte „Halleluja“ aus Händels Messias in den Feierabendtrubel singen. Flashmob des Frankfurter Cäcilienchores in der B-Ebene des Hauptbahnhofes. Es ist einer von einem Dutzend überraschender Live-Acts, mit denen das Drogenreferat der Stadt Frankfurt und die Deutsche Bahn ein ungewöhnliches Kulturprojekt wagten: Unter dem Motto „Für ein Miteinander – wir nehmen uns den Raum“ brachten rund 300 Künstlerinnen und Künstler, Schülerinnen und Schüler, Musikschülerinnen und -schüler, Studierende, Frankfurter Chöre und Kulturschaffende zwei Wochen lang täglich ehrenamtlich Kultur in die B-Ebene des Hauptbahnhofs. Positive Akzente und Emotionen gegen die Negativ-Schlagzeilen, in die die B-Ebene wegen der Dealerszene geraten ist.
„Doch wir wollen in unserer Stadt weder Menschen noch Orte abschreiben und meiden“, erklärt Gesundheitsdezernent Stefan Majer die Beweggründe: „Unsere Stadtgesellschaft will und wird es nicht zulassen, dass öffentliche Räume von der Öffentlichkeit gemieden werden. Hier kann Stadtplanung ansetzen, hier können Polizei und Ordnungsbehörden aktiv werden, aber eben auch die Menschen in dieser Stadt selbst.“ Die gemeinsame Aktion sollte ein Zeichen setzen, dass der öffentliche Raum für alle da ist, und dass jeder Ort mit positiven Aktionen und Emotionen auch als „guter Ort“ wahrgenommen werden kann, in dem Innehalten, Momente der Freude und der Begegnung möglich sind.
„Das Projekt hat deutlich gemacht, dass hier in der B-Ebene unterschiedliche Gruppen und Menschen aufeinandertreffen und vieles gleichzeitig möglich ist“, zieht Regina Ernst, Leiterin des Drogenreferates nach zwei ungewöhnlichen Wochen Bilanz. Etwa mit dem Künstler Oguz Sen, der ein riesiges Wandbild gestaltete und spontan Junkies einspannte, den Hintergrund mit auszumalen oder die Leinwand vorzustreichen. der sein Bild im zugigen Gang zum Ausgang Taunusstraße malte und spontan Junkies einspannte, den Hintergrund mit auszumalen oder die Leinwand vorzustreichen. Mit der stimmgewaltigen Frankfurter Kantorei, deren Weihnachtslieder selbst Betrunkene verstummen und zuhören ließen. Mit der Percussion-Gruppe unter Leitung von Anne Breick, deren Rhythmen auch Junkies mitriss, die mittanzten – ein Drahtseilakt zwischen Entspannung, Spaß, Miteinander und Repression durch Sicherheitskräfte Gegensätzliche Welten prallten auch beim Auftritt von Gesangsschülerinnen der Musikschule Frankfurt aufeinander. Während sie vor begeistertem Publikum Popsongs performten, durchsuchte die Landespolizei wenige Meter weiter Dealer, die sie bei einer Razzia festgenommen hatte.
„Das Kulturprojekt finde ich richtig gut“, kommentierte eine Passantin, „weil wir den Bahnhof nicht einfach als Unort abhaken sollten“, sondern mitgestalten, was im öffentlichen Raum geschieht. So wie der gut 100-köpfige Chor der Carl-Schurz-Schule unter Leitung von Cornelia Lechner, der mit drei Lehrkräften und einem E-Piano in drei Straßenbahnen anrollte, um ein Potpourri aus A Chorus Line zu singen. Oder der Heine-Chor mit Fado-Sänger Manuel Campos. Oder die Percussion-Gruppe des Frankfurter Vereins für soziale Heimstätten mit dem Saxophonisten Olaf Rüger, der Brass Band der Ziehenschule oder der jungen Querflötistin Asia Safikhanova und ihrem Gitarrenpartner Vasiliy Antipov.
Die Passanten in der B-Ebene quittierten es mit Applaus, ebenso eine Apothekerin aus der B-Ebene, die spontan Geschenke an die Trompetengruppe der Frankfurter Musikschule verteilte: „Ich freue mich, dass vor unserer Tür endlich auch etwas Schönes passiert“. Auch die Deutsche Bahn bescheinigte durchweg „positive Reaktionen“. Begeistert waren am Ende auch alle Akteure, die allesamt wieder dabei sein wollen, wenn es darum geht, den öffentlichen Raum zu gestalten.