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Ohne Aufbruch keine Veränderung

Ob als Studentin oder Unternehmensberaterin: Dörthe Jung setzt sich seit vier Jahrzehnten für Geschlechterdemokratie ein

Der erste Aufbruch, an den sich Dörthe Jung bewusst erinnert, war ein Umzug. 1959 kam die damals Zehnjährige mit den Eltern und ihrer Schwester aus ihrem Geburtsort Ferndorf, einer kleinen Gemeinde im Siegerland, in die Großstadt. Nach Frankfurt. Während ihr Vater als selbstständiger Handelsvertreter in der Papierindustrie eine Firma aufbaute, die Mutter ihm als gelernte Kauffrau bei der Buchhaltung zur Seite stand, besuchte Dörthe Jung das Gymnasium. 1968 machte sie Abitur an der Ziehen-Schule. Im Jahr der Studentenrevolte. Betriebswirtschafts- oder Volkswirtschaftslehre, dass hätten sich ihre Eltern als Studium für die Tochter gewünscht. Damit sie einmal die Firma fortführen könnte, am besten mit einem geeigneten Schwiegersohn an ihrer Seite. „Doch BWL / VWL das war das letzte, was man damals studiert hat.“

Heute, nach 20 Jahren in der Selbstständigkeit und Chefin der Unternehmensberatung Dörthe Jung, erinnert sie sich mit Verständnis an den Wunsch ihrer Eltern - und mit Dankbarkeit: „Sie haben mir schließlich ermöglicht, dass ich zur ersten Generation von Frauen in der Bundesrepublik gehörte, die an verbesserten Bildungschancen partizipieren konnte.“ Aber dann doch wieder Ehe, Kinder und Kleinfamilie? Das war für die junge Frau keine Option. Sie rebellierte und demonstrierte. Im Privaten wie in der Öffentlichkeit. „Als ich im ersten Semester Soziologie belegte, da war aktiver Streik.“ Und Dörthe Jung „gleich mitten drin“. Mit ihrer markant-kehligen Stimme meldete sie sich zu Wort, wenn es um die Kritik am kapitalistischen System ging und immer nachdringlicher, wenn es darum ging, die patriarchalen Strukturen in allen Gesellschaftsbereichen zu überwinden.

Auf dem Tisch in ihren Büroräumen zieht frisch gebrühter Ingwer in einer Thermoskanne. „Das soll gesund sein.“ Auf einem Flipchart steht die „To-Do-Liste: obenan die Punkte „Schaubild Spektrum Arbeitszeiten“ und „Vergleichszahlen Monitoring“. Aktuell evalutiert die Unternehmensberaterin mit Coaching-Zusatzausbildung (unter anderem) das Projekt „NeW Netzwerk Wiedereinstieg“, eine Kooperation der Rhein-Main-Region und des Landkreises Gießen für Frauen, die in ihren Beruf zurückkehren möchten und führt verantwortlich die Online-Befragung ehemaliger Teilnehmerinnen des Mentoringprogramms „Einsteigen, Umsteigen, Aufsteigen“ des Vereins „beramí“ durch. Die aktuell nötigen Arbeitsmaterialien sind selbstverständlich im Computer, liegen aber auch in Griffweite. Dörthe Jung dreht sich kurz um. Ganz oben in den bis zur Decke reichenden Regalen stehen die Ordner, in denen die Diplom-Soziologin die Anfänge ihrer (frauen)-politischen Arbeit gesammelt hat. Dokumente ihres Werdegangs und zugleich ein Stück Geschichte der autonomen Frauenbewegung in Frankfurt.

Nach ihrem Studium zog Dörthe Jung in eine der ersten Frankfurter Frauen-Wohngemeinschaften. Wo tage- und nächtelang über neue Gesellschaftsformen diskutiert wurde. Für sie war klar: In allen Entwürfen kamen die Frauen zu kurz, mit ihrer Geschichte, ihren Erfahrungen, mit ihrem Alltag, ihren Bedürfnissen, ihren Wünschen. Sie erzählt ein Beispiel: In einer Langzeitstudie zur Lehrlingsausbildung, die sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Uni Frankfurt direkt nach ihrem Studium 1974 durchführte, „da wurden nur Jungs befragt.“ Noch heute schüttelt sie darüber den Kopf. Die patriarchalen Strukturen ließen sich, so sah es die Pionierin der autonomen Frauenbewegung in Frankfurt nur durch ein radikales gesellschaftliches Gegenmodell verändern: den Feminismus.

Obwohl Wissenschaftlerin ging es der Mitzwanzigerin indes nicht nur um die Theorie. Die Ideen hieß es zwar zunächst in den Köpfen verankern, doch sie sollten auch den Alltag von Frauen konkret verändern. Das erforderte viel Aufbauarbeit. Vor allem im Bildungswesen. 1977 begründete Dörthe Jung das 2. Frankfurter Frauenzentrum mit, ein Jahr später den „Verein zur beruflichen Förderung von Frauen“. 1979 war sie an der Gründung des „Feministischen interdisziplinären Forschungsinstituts“ beteiligt, 1984 eine der ersten Macherinnen des Vereins „Frauenbetriebe. Qualifikation zur beruflichen Selbstständigkeit von Frauen“. Und sie leitete im Kollektiv sieben Jahre lang (bis 1989) die Frankfurter Frauenschule. „Wir hatten damals wirklich ein gutes Marketing“, sagt sie heute ein wenig kokettierend. Doch der Erfolg der „Frauenschule“ war vor allem durch auf die Inhalte, das Programm und die Atmosphäre begründet, die Frauen aller Gesellschaftsschichten und jedweden Alters in die Räume in der Hamburger Allee zogen. Ein Raum, in dem sie mit Referentinnen aus dem In- und Ausland über Verhältnisse und Verhinderungen in ihren Leben diskutieren konnten. „Es war ein Ort, an dem Frauen sich ernst genommen fühlten und ein Forum hatten, um sich auseinanderzusetzen“, resümiert die Tony-Sender-Preisträgerin 2011 im Rückblick.

Diese Möglichkeit wollte die Streiterin für die Demokratie der Geschlechterverhältnisse aber nicht nur im „geschützten Raum“ von Frauenseminaren und -debatten verankern, sondern auch in der Kommunalpolitik der Stadt einbringen. Zur Kommunalwahl 1989, gehörte sie zu den Autor/Innen des „Aktionsprogramms für Frauen in Frankfurt, war ein Jahr lang Büroleiterin der damaligen Frauen-Dezernentin Margarete Nimsch, bevor sie im Alter von 41 den Schritt in die Selbstständigkeit wagte und damals das Büro für frauenpolitische Forschung und Beratung ins Leben rief. Ohne deshalb ihr ehrenamtliches Engagement aufzugeben: 1994 unterstützte sie maßgeblich die überparteiliche und bundesweite Initiative zur Wahl von Dr. Hildegard Hamm-Brücher zur ersten deutschen Bundespräsidentin.

„Als ich mit meiner frauenpolitischen Arbeit Mitte der 70er anfing, da wollten wir von unseren feministischen Ideen auch die Frau von der Straße überzeugen. Das ist uns wohl nicht ganz geglückt“, räumt Dörthe Jung ein. Die Notwendigkeit, weiterhin für eine Stärkung von Frauen in allen Bereichen der Gesellschaft einzutreten, ist für sie geblieben. Selbst in Zeiten des seit 1997 im Amsterdamer Vertrag durch die Europäische Union verpflichtend vorgeschriebenen „Gender Mainstreaming.“

Als Dörthe Jung die ersten Gratulationen zu ihrer Auszeichnung erreichten, musste sie über einen Kommentar den Kopf schütteln. Das sei doch eine große Ehre, bevor sie in den Ruhestand gehe. An den denkt die 62-Jährige nämlich noch lange nicht. In ihrem Kopf hat sie bereits Ideen für weitere Projekte. Gerne möchte sie auch wieder mehr schreiben. „Das habe ich immer gerne gemacht.“ Doch die Dinge, die sie gerne tat, auch mit ihrem Lebensgefährten, den sie nach 30-jähriger Partnerschaft geheiratet hat, mussten zurückstehen. In den vergangenen 13 Jahren pflegte Dörthe Jung ihre demenzkranke Mutter bis zu deren Tode im Juni.

Nun ist sie wieder im Aufbruch.


Das Portrait erstellte Corinna Willführ.