Logo FRANKFURT.de

Positionspapier Weiterbildungsbegleitende Hilfen

Weiterbildungsbegleitende Hilfen als zentraler Bestandteil adressatenorientierter beruflicher Weiterbildung

Während bei Qualifizierungsangeboten in der Vergangenheit mit dem Begriff der Zielgruppenorientierung die Beseitigung realer oder vermeintlicher Defizite von Problem- oder Randgruppen angesprochen wurde, hat sich mittlerweile der Ansatz der Adressatenorientierung durchgesetzt, der den Fokus der Betrachtung stärker auf die individuellen Erfahrungen, Interessen und Möglichkeiten von Teilnehmenden von Weiterbildungsangeboten richtet. Dieser Ansatz bietet die Chance, Bildungsbeteiligung und Lernerfolg zu erhöhen, wenn er schon bei der Konzeption und Durchführung des Kursangebots und nicht zuletzt bei der Qualifizierung des Lehrpersonals konsequent berücksichtigt wird.

Diesen Prozess voranzubringen, ist Ziel eines Positionspapiers, das vor allem zwei Aspekte ins Zentrum der Diskussion um berufliche Weiterbildung stellt, die bislang kaum eine Rolle gespielt haben:

  • 1. Für einen bisweilen erheblichen Teil der Lehrgangsteilnehmer/-innen ist die Kurssprache Deutsch nicht Mutter- sondern Zweitsprache. Für diese Teilnehmer/innen kann die Teilnahme an einem Lehrgang, in dem sie im selben Tempo wie ihre muttersprachlichen Kurskollegen/-innen lernen müssen, mit zusätzlichen Lernanforderungen verbunden sein.

  • 2.In der beruflichen Weiterbildung und im Berufsleben gewinnt bildungssprachliche Kompetenz zunehmend an Bedeutung: Lernerfolg und berufliche Handlungsfähigkeit setzen nicht nur die Beherrschung eines grundlegenden Fachwortschatzes, sondern auch die Fähigkeit zur Bewältigung komplexer, kontextarmer und häufig schriftbasierter Kommunikationsituationen voraus.



Als zentrale Bestandteile eines Konzepts adressatenorientierter Förderung formuliert das Papier Eckpunkte eines sprachsensiblen Unterrichts mit weiterbildungsbegleitenden Hilfen, die zum einen die individuelle Lernsituation von Personen sowohl deutscher als auch nicht-deutscher Herkunftssprache und zum anderen die Lernvoraussetzungen sowohl von schulungsungewohnten Teilnehmenden als auch von Teilnehmenden nicht-deutscher Herkunftssprache mit höherer Bildung berücksichtigen sollen.
Ausgangspunkt ist die Überlegung, dass Fachinhalte und sprachliche Formen und Funktionen, die für die Aneignung der Fachinhalte und für das kompetente Handeln im Berufsalltag benötigt werden, gemeinsam in den Fokus genommen werden. Dabei sollen die den Kursunterricht flankierenden weiterbildungsbegleitenden Hilfen die Möglichkeit einer intensiven individuellen Förderung durch das Lehrpersonal bieten und den Teilnehmenden die Möglichkeit eröffnen, sich mit mehr Zeit als in der Großgruppe und mit Hilfe zusätzlicher Lernangebote fachliche Inhalte sprachlich anzueignen. Als sprachsensibler Förderunterricht sollen sie begleitend zu fachlich qualifizierenden Maßnahmen angeboten werden und den Teilnehmern/-innen angemessene Unterstützung bei der Aneignung berufsfachlicher Inhalte in Deutsch als Zweitsprache sowie bei der Bewältigung der maßnahmespezifischen bildungssprachlichen Anforderungen bieten. Aufgabe der weiterbildungsbegleitenden Hilfen ist somit ausdrücklich nicht die Weiterführung des regulären Unterrichtsstoffs, sondern dessen absichernde Bearbeitung unter Berücksichtigung sprachlicher Aspekte.

Aus diesem Ansatz ergeben sich spezielle Anforderungen an das Lehrpersonal: Zweitsprachensensibilität und Achtsamkeit im eigenen Sprechverhalten gehen über die im eigentlichen Sinne fachliche Qualifikation hinaus und müssen ebenso wie die didaktischen Kompetenzen zur Förderung von Bildungssprache von Dozenten/-innen in vielen Fällen erst erworben werden.

Das Positionspapier skizziert sowohl Inhalte als auch Rahmenbedingungen eines solchen sprachsensiblen Unterrichts mit weiterbildungsbegleitenden Hilfen als zentralem Bestandteil. Es will damit eine überfällige Diskussion anregen und zu einer höheren Weiterbildungsbeteiligung und damit zu einer besseren beruflichen Integration aller Bevölkerungsgruppen beitragen. Letzteres ist nicht zuletzt auch mit Blick auf den wachsenden Fachkräftebedarf dringend angezeigt.

Die Autorinnen und Autoren:
Dr. Monika Bethscheider
Bundesinstitut für Berufsbildung
Ulrike Dimpl
Amt für multikulturelle Angelegenheiten, Stadt Frankfurt am Main
Prof. Dr. Udo Ohm
Universität Bielefeld
Mitglied im Vorstand des Fachverbands Deutsch als Fremdsprache (FaDaF)
Wolfgang Vogt
Forschungs- und Transferstelle Gesellschaftliche Integration und Migration (GIM) an der HTW Saarland

Das Positionspapier können Sie im rechten Kasten als barrierefreie pdf-Datei herunterladen.

Amt für multikulturelle Angelegenheiten der Stadt Frankfurt am Main (Hrsg.)
 
Positionspapier
Weiterbildungsbegleitende Hilfen als zentraler Bestandteil adressatenorientierter beruflicher Weiterbildung , zur Relevanz von Deutsch als Zweitsprache und Bildungssprache in der beruflichen Weiterbildung
April 2010