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04.07.2012

2267 Schritte näher am Viertel dran

Zwei Studentinnen führen mit Megaphon durch das Bahnhofsviertel. © PIA Stadt Frankfurt am Main, Foto: R.Riehm
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Studenten machen mit einer Führung Lust auf die Bahnhofsviertelnacht

(pia) Diese Stadtführung startet ungewöhnlich: Treffpunkt ist ein Hostel im Bahnhofsviertel, der Speisesaal im dritten Stock. Hier herrscht reges Treiben, bis auf einmal ein Fernseher eine Aufnahme startet, bei der eine engelsartige Frau von der düsteren Seite der Vergangenheit des Bahnhofsviertels erzählt: Vor 300 Jahren war hier eine „Galgenwarte“, 1964 wurden im gläsernen Wachturm die großen NS-Verbrecher gerichtet. Mit dem Hinweis, dass die Teilnehmer sich nicht beim Eintauchen in das Viertel verlieren sollen, verabschiedet sich der Engel.

Die Führung ist ein Vorgeschmack auf die Bahnhofsviertelnacht, die am 16. August vom Presse- und Informationsamt der Stadt Frankfurt veranstaltet wird. An diesem Tag können die Besucher schon zum fünften Mal die facettenreiche Atmosphäre des Bahnhofsviertels entdecken. Und die ist zwielichtig, bedrohlich, aber auch glamourös und exotisch. Karitative Einrichtungen, imposante Hotels und skurrile Geschäfte werden ihre Türen öffnen. Menschen, die in dem Viertel leben und arbeiten, lassen die Öffentlichkeit an ihrem Leben teilhaben. Genau das passiert auch bei der Tour, von der es in der Bahnhofsviertelnacht einen kleinen Auszug geben wird und die am vergangenen Montagabend ihre Generalprobe hatte.

Mit Megaphon und Plakaten geht es durch die Straßen

Die Macher der audiovisuellen und szenischen Führung sind rund 24 Studenten der Fachhochschule Frankfurt. Über drei Semester haben sie sich bei einer Projektarbeit mit dem Viertel intensiv auseinandergesetzt. Das Ergebnis ist die Führung „2267 Schritte durchs Frankfurter Bahnhofsviertel“. Die Organisatoren gehören dem Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit an, mit dem Schwerpunkt Kultur und Medien, und das merkt man auch. Denn die Teilnehmer erfahren zwar einiges über die Zahlen, Daten und Fakten. Doch das ist nur Nebensache. Es geht vielmehr um die Stimmung des Viertels, um das was hinter dem Vorurteil steht - ein gefährliches, schmutziges Viertel zu sein. Wo andere wegschauen, haben die jungen Frauen und Männer erst recht hingesehen. Während der Führung mischen sich die Studenten unter das Volk und werden Teil des Viertels. Das überrascht oft nicht nur die Teilnehmer des Rundgangs, sondern sorgt auch für Missverständnisse bei den Anwohnern. Bei einem inszenierten Streit auf der Straße zwischen zwei Frauen, die unterschiedliche Meinungen über das Viertel haben, mischt sich ein Anwohner ein und warnt: „In diesem Viertel hier sollten Sie besser die Augen offen halten.“

Weiter geht es mit zwei Studentinnen, die in einer Straße stehen und Teil der Führung sind. Sie regen die Teilnehmer zum Nachdenken an und formulieren provokante Fragen: Liebe und Sex – muss das immer zusammen gehören? Prostitution kann auch anders gesehen werden: Stundenlohn 400 Euro, flexible Arbeitszeiten und ein hohes Ansehen bei den Kunden. Klingt doch gar nicht so schlecht? Mit Megaphon, Lautsprechern und Plakaten wird die Gruppe durch die Straßen geführt, macht Rast bei einem türkischen Cafébesitzer. Er erzählt, warum er in Deutschland ist. Die nächste Station ist OSSIP, eine Organisation von Streetworkern. Bei einem Rollenspiel erfahren die Teilnehmer mehr über die Arbeit der Streetworker und deren Beweggründe: „Es gibt viele drogenabhängige Menschen, die immer abhängig bleiben. Doch für die, die den Absprung schaffen, lohnt es sich bei OSSIP zu arbeiten.“ Um in die religiöse Vielfältigkeit des Viertels einzutauchen, werden die Teilnehmer jetzt in ein Gebäude geführt, wo eine Projektion der IGS Moschee zu sehen ist. Sie lernen das Ritual der Gebetswaschung und das anschließende Gebet kennen.

Studentinnen führen im Dirndl die Teilnehmer zum Moseleck. ©  PIA Stadt Frankfurt am Main, Foto: R.Riehm
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Frauen im Dirndl und Hippies sorgen für Kontrast

Immer wieder wird die Führung aufgelockert mit lustigen Elementen. Zwei Frauen im Dirndl und mit einem Bollerwagen laden die Gruppe herzlich in eine Kneipe ein: „Kommen Sie mit ins Moseleck! Hier finden Sie Trost! Werden Sie Freund unseres Hauses!“ Ein anderes Mal kommt ein Gitarrist mit einer Sängerin ums Eck, und sie sorgen im Hippie-Outfit mit Songs wie „Voulez-vous coucher avec moi“ für Erheiterung. Ein Student als Transvestit fährt die Gruppe zum Occupy Camp, wo es eine Performance mit gelben Schirmen unter dem Euro-Zeichen zu sehen gibt. Am Ende der Führung wartet der Engel im Kaisersack an einem in weiß gedeckten Tisch auf die Teilnehmer. Es gibt Suppe für alle.

Die Führung wird von Donnerstag, 5. Juli, bis Sonntag, 8. Juli, jeweils um 17 und 19.30 Uhr angeboten. Die Karten kosten 12 Euro, ermäßigt 8 Euro und sind im Stadtteilbüro, Moselstraße 6a, erhältlich. Mehr zur Bahnhofsviertelnacht gibt es unter http://www.bahnhofsviertelnacht.de

Rebecca Riehm