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14.09.2011

Kapital, Kompetenz und Kontakte

In Frankfurt sitzt Deutschlands größter Business-Angels-Verein

Sie helfen jungen Hochschulabsolventen, die sich selbstständig machen wollen, mit Rat und Tat sowie einem oft sechsstelligen Euro-Betrag: Business Angels investieren Zeit und vor allem Geld in hoffnungsvolle Jungunternehmen. Die größte Vereinigung solcher Start-up-Investoren findet sich in Frankfurt: der Verein „Business Angels FrankfurtRheinMain“.

Frankfurt am Main (pia) „Es macht Spaß, Unternehmer zu sein“, sagt Andreas Lukic, was man ihm aufs Wort glaubt. Der Vorstandsvorsitzende des größten deutschen Business-Angels-Vereins sitzt mit seiner Firma in der mondänen Nestlé-Villa im Frankfurter Westend und investiert beruflich in Unternehmen. In seiner Freizeit und mit seinem eigenen Geld unterstützen er und seine Vereinskollegen junge Start-ups: „Wir fördern die Sahne!“ 500 bis 600 junge Unternehmen schauen sich die Wirtschaftsexperten jährlich an. Etwa drei Dutzend erhalten bei einem Präsentationsforum eine erste Chance, müssen mit ihrer Geschäftsidee durch ein „Matching“. Am Ende finden drei bis fünf Gründer im Jahr einen Business Angel – ihren Business Angel.

Die Engel vom Broadway

Der Begriff wurde vor einem Jahrhundert in den Vereinigten Staaten von Amerika geprägt, und zwar am schillernden New Yorker Broadway. Bevor eine neue Show ihren ersten Eintritts-Dollar an der Theaterkasse einspielen konnte, musste investiert werden: in die Bühnenstücke und die Schauspieler, in die Kostüme, Techniker und Musiker. Der Broadway suchte Investoren, die er an den Erlösen beteiligte – und nannte sie dankbar „Angels“. In den „Roaring Twenties“ steckten diese Kultur-Investoren ihr Geld zunehmend auch in Technologiefirmen – und differenzierten sich zu „Business Angels“ aus. Bis die Engel allerdings den Flug über den großen Teich wagten, dauerte es noch viele Jahrzehnte – erst Ende der Neunziger Jahre sammelten sich Wagniskapitalgeber im Business Angels Netzwerk Deutschland, genannt BAND.

Blank wie Krupp-Stahl

Die Idee, in gute Ideen zu investieren und junge Unternehmer mit Know-how zu unterstützen, war allerdings schon im Deutschland der Gründerzeit und davor populär. „Sie ist weder amerikanisch, noch ist sie neu“, so Lukic. Alfred Krupp etwa war 1844 weitgehend blank, Friedrich Sölling sprang mit stolzen 50.000 Talern in die Bresche – und stellte der Stahlfirma zusätzlich sein Buchhaltungswissen zur Verfügung. 1847 gründete Werner von Siemens seinen späteren Weltkonzern – mit 6000 Talern Startkapital von seinem Vetter Johann Georg. Dessen Profit: 20 Prozent Gewinnbeteiligung für die ersten sechs Jahre. Als Werner von Siemens dann selbst etablierter Fabrikant war, griff er in den 1880-er Jahren den Brüdern Mannesmann unter die Arme. Amerikaner nennen diese Art von Geldgebern nonchalant „Friends, Families and Fools“.

Mentor statt Investor

Die Beispiele zeigen: Business Angels denken in großen Kategorien. „Wir begleiten nicht den Malermeister in die Selbstständigkeit – wir brauchen noch drei Siemense.“ Mittelständisch sollte das Unternehmen mindestens werden, gerne auch noch größer. „Wir fragen uns: Wo können wir ein paar hundert oder mehr Mitarbeiter aufbauen?“ Ein Börsengang der prosperienden Start-ups oder ihre Veräußerung an ein Großunternehmen ist das langfristige Ziel – dann zahlt sich das Investment für die Business Angels wieder aus. Nicht selten kann das eingesetzte Vermögen aber auch komplett verloren gehen – zwischen fünfzig- und hunderttausend Euro braucht ein Start-up auf jeden Fall, manchmal auch ein paar Millionen. Schnelle Rendite ist bei diesen Investments eher selten zu erwarten. „Wir sind keine normalen Investoren“, Andreas Lukic und seine Vereinskollegen sehen sich als Mentoren der jungen Gründer. „Es ist die Mischung aus Kapital, Kompetenz und Kontakten, die wir anbieten.“ Selten wisse ein Gründerteam alles das, was es wissen sollte. Dieses wichtige Wissen – und den einen oder anderen Kniff – bringen die weltgewandten Business Angels mit.

Akademische Brutstätte neuer Unternehmen

An Hochschulen entstehen die erfolgversprechendsten Ideen. Der „Goethe-Unibator“ an der Frankfurter Universität etwa unterstützt Studierende, wissenschaftliche Mitarbeiter und Absolventen, die den Weg zum eigenen Unternehmen gehen möchten – das Geld dazu kommt in Teilen von den Business Angels. Das Kunstwort setzt sich aus „Universität“ und „Inkubator“ zusammen – ein universitärer Brutschrank für junge Unternehmen also. „Ziel ist es, durch eine gelebte Gründungskultur unternehmerisches Denken und Handeln an der Hochschule zu fördern“, so das „Mission Statement“ der Einrichtung, die von zwei Professoren geleitet wird. Die Liste der geförderten Projekte ist lang, vor allem aber bunt: eine Suchmaschine für Dateien ist dabei, ein Reisebüro für Tagesreisen, ein patentierter Verschluss für ungemixte Mixgetränke, eine Vokabel-Visualisierungssoftware…

Auch Zeit ist Geld

Bei manchen der kleinen innovativen Firmen fehlt es weniger an Kapital als an intensiver Beratung. Sie benötigen Mentoren, die vor allem Zeit und Know-how investieren – so genannte „Founding Angels“. Diese erwerben ihre Firmenanteile nicht durch Geld, sondern durch die Zeit, die sie in das junge Unternehmen stecken. Im Gegensatz zu den Business Angels, die es nun schon seit einem Jahrzehnt gibt, sind die Founding Angels eine noch junge Variante, die in Frankfurt vor allem kleine Biotech-Firmen berät. „Es liegt nicht immer nur am Geld“, sagt Wagniskapitalgeber Lukic, „es liegt auch sehr am Wissen.“ Eines aber verlangt der Chef aller Business Angels von den Gründern: „Sie müssen den Willen haben, Geld zu verdienen“. Wer diesen Willen hat und eine Geschäftsidee dazu: Am 19. September ist der nächste „Business Angels Tag“ an der TU Darmstadt, am 5. Oktober bei der Frankfurter Industrie- und Handelskammer.

Harald Ille