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09.04.2009

An der Nahtstelle zwischen Politik und Markt

Das Schuldenmanagement des Bundes ist Aufgabe der Finanzagentur in Frankfurt

In diesen Zeiten haben sie alle Hände voll zu tun: Die rund 340 Mitarbeiter der "Finanzagentur GmbH" sind in der Frankfurter Lurgistraße mit der Kapitalbeschaffung für den Bund beschäftigt. Sie beraten ihn, wie er die für das Schuldenmanagement benötigten Milliarden am wirtschaftlichsten aufnimmt. Meist geschieht dies über Auktionen - fast jede Woche werden Bundeswertpapiere versteigert.

Frankfurt am Main (pia) Zum ersten, zum zweiten und ... Wenn montags in einem Bürogebäude im Frankfurter Mertonviertel Schlag 11 Uhr der Hammer fällt, hat der Bund wieder einmal neue Schulden in Milliardenhöhe gemacht. Und gleichzeitig Geld in die Kasse bekommen, um Konjunkturpakete, Abwrackprämie oder Kurzarbeitergeld zu finanzieren. Das geborgte Geld beschafft die "Bundesrepublik Deutschland - Finanzagentur GmbH". Vom Finanzplatz Frankfurt aus kümmert das bundeseigene Unternehmen sich um das Schuldenmanagement des Bundes. An der Nahtstelle zwischen Politik und Markt sehen die rund 340 Mitarbeiter ihre Aufgabe auch als "Gedankenschmiede" - sie beraten den Bund, wie er die benötigten Milliarden am wirtschaftlichsten aufnimmt. Meist geschieht dies über Auktionen. Fast im Wochenrhythmus versteigert die Agentur im Auftrag von Finanzminister Peer Steinbrück Bundeswertpapiere. Seit Beginn der Wirtschaftskrise boomt das Geschäft: Die Rufe aus Berliner kommen immer öfter, und die Spezialisten haben deshalb alle Hände voll zu tun, den Kreditbedarf und den Schuldenberg von 941 Milliarden Euro zu managen. Vor allem institutionelle Anleger schätzen die Bundespapiere und machen Steinbrücks Finanzagentur zur einem der gefragtesten Akteure am Main.

Die Bundesrepublik ist ein solider Schuldner

Probleme, die Kredite auf den internationalen Märkten zu beschaffen, gibt es kaum. Im Gegenteil. Die Wertpapiere sind unter internationalen Investoren begehrt. Die Bundesrepublik Deutschland gehöre aufgrund ihrer Wirtschaftskraft und ihrem über Jahrzehnte aufgebauten Renommee zu den solidesten Schuldnern weltweit, erläutert Carl Heinz Daube, Geschäftsführer der Finanzagentur. "Unter den großen staatlichen Emittenten mit dem Top Rating AAA gilt der Bund als erste Adresse. Seine Schuldtitel sind die Benchmark." Das AAA-Siegel wissen Anleger in risikoscheuen Zeiten hoch zu schätzen. Als jüngst ein Papier mit zwölfmonatiger Laufzeit zur Versteigerung ausschrieben wurde, war es zwei-, dreifach überzeichnet. Weil die hohe Nachfrage sich auch auf die Preise auswirkt, macht dies das Borgen für den Bund billiger. "Deutschland refinanziert sich im Euroraum mit am günstigsten", sagt Daube. Dies komme auch dem Steuerzahler zugute. Schließlich zahlt der Bürger eines Tages für die Schulden. Neben institutionellen Anlegern leihen aber auch insgesamt rund 440.000 Bürger dem Bund Geld. Ihr Erspartes steckt zum Beispiel in Bundesschatzbriefen oder in der Tagesanleihe, die vor knapp einem Jahr als Direktangebot auf den Markt kam. Allein 3,2 Milliarden Euro sind darin investiert. Die Tagesanleihe gilt als Renner, vor allem seit Beginn der Wirtschaftskrise. Gut drei Viertel der rund 80.000 Anleger seien Neukunden, heißt es bei den Kapitalbeschaffern in der Lurgistraße.

Die Bieterliste liest sich wie das Who is Who der internationalen Finanzwelt

Dennoch entfallen auf die Privaten nur drei Prozent der Bruttokreditaufnahme. Den großen Rest platziert die Finanzagentur bei institutionellen Investoren. Gefragt sind die Bundeswertpapiere unter anderem bei Versicherungen und Pensionsfonds, die Kundenbeiträge solide anlegen wollen. Sie gehören zum Kreis der Auftraggeber, für die 28 in- und ausländische Geldinstitute bei den Auktionen mitsteigern. Die in der "Bieterliste Bundesemissionen" verzeichneten Banken lesen sich wie ein Who is Who der internati-onalen Finanzwelt von Frankfurt und London über Paris bis Tokio. 2008 führte die britische Barclays Bank die Liste an, die Deutsche Bank folgte. Jüngstes Mitglied ist seit Februar 2009 die französische Natixis. Als Voraussetzung für die Aufnahme verpflichtet sich jedes Institut, einen festgelegten Prozentsatz der jährlichen Emissionen zu übernehmen. Derzeit kommen die Papiere mehrmals im Monat in Paketen zwischen drei und acht Milliarden Euro auf den Markt. Rund 200 Mitarbeiter der Finanzagentur sind verantwortlich für die ordnungsgemäße Abwicklung der Schulden. Die Experten führen sowohl das "Bundesschuldbuch", in dem die Schulden verzeichnet sind als auch die Depots der Privatanleger. Die Buchführer tragen Sorge, dass Tilgung und Zinsen auf die ausgegebenen Schatzanweisungen, Obligationen und Anleihen pünktlich auf den Konten der Gläubiger landen. Insgesamt umfassen die Schulden des Bundes eine Vielzahl an Wertpapieren mit Laufzeiten von einem Tag bis zu 30 Jahren. Allein in diesem Jahr müssen mehr als 251 Milliarden Euro getilgt und neue Kredite über mindestens 346 Milliarden Euro aufgenommen werden.

Frankfurt garantiert Nähe zur EZB und zur Bundesbank

Die Finanzagentur hat seit der Gründung 2000 ihren Hauptsitz in Frankfurt. Die Nähe zum Markt und Schlüsselspielern wie der Europäischen Zentralbank und der Bundesbank gaben den Ausschlag für die Ansiedlung in der Mainmetropole. Dort sind außerdem die Spezialisten für die komplexen internationalen Transaktionen verfügbar. Der Einsatz der Kreditmanager anstelle von Ministerialbeamten soll unter anderem helfen, die Zinskosten des Bundes zu senken. Mit den alteingesessenen Bundesbankern an der Wilhelm-Eppstein-Straße verbindet die Finanzagentur ein enges Arbeitsverhältnis. Die Banker führen die Konten des Bundes, die Kreditmanager dessen Kasse. Mehrmals am Tag meldet das Finanzministerium den Bedarf, etwa für Gehälter oder Reparaturen. Die Ausgaben werden den täglichen Einnahmen aus Steuern und Gebühren gegenübergestellt. Je nach Bedarf leiht die Finanzagentur dann kurzfristig Millionen oder legt sie an. Am Ende des Tages, Schlag 18 Uhr, muss das Konto bei der Bundesbank immer ausgeglichen sein.

Margarete Lausberg