
Das Abwassersystem ist der Stolz der Stadt
1600 Kilometer Kanal ziehen sich unter Frankfurts Straßen entlang
(pia) Es rauscht. Gut fünf Meter unter der Grasnarbe der Wallanlagen am Taunustor schießt ein Bach durch eine gemauerte Rinne. Helle Steine, zu einem Gewölbe zusammengefügt – ein Stück Frankfurter Kanalisation. Es ist eines der ältesten: 1894 wurde es erbaut. Zu einer Zeit, in der Kanalisation alles andere als selbstverständlich war. Über den „Fremdeneingang“ - ein Dutzend Stufen, die von der Gallusanlage in eine etwa 70 Zentimeter breite und 1,90 Meter hohe, düstere Röhre führen – gelangte man damals und gelangt man heute in das Kanalnetz der Stadt. Trockenen Fußes, denn das Abwasser fließt in einer separaten Röhre.
„Die Frankfurter waren so stolz auf ihre Kanalisation, dass sie das neue System gern vorführten“, sagt Roland Kammerer, Chef der Abteilung Abwasserableitung der Stadtentwässerung. „Daher kommt der Name Fremdeneingang“. Zusammen mit Volker Stein, der als Infrastrukturdezernent für die Stadtentwässerung zuständig ist, führt er durch Frankfurts Unterwelt. Kammerer weiß alles über die Kanalisation: 1867 wurden die ersten Kanäle gebaut. Heute ist das unterirdische Netz 1.600 Kilometer lang. Es gibt 27.000 Schächte. Die größte Röhre ist 6,25 Meter breit und 3 Meter hoch – je näher das Abwasser den Klärwerken in Niederrad oder Sindlingen kommt, desto größer werden die Durchmesser. 100 Millionen Kubikmeter Wasser rauschen jedes Jahr durch Frankfurts Kanäle. Und das kommt nicht nur aus Frankfurt: Auch Nachbarkommunen wie Offenbach oder Eschborn leiten ihr Abwasser ein, um es in den Frankfurter Klärwerken aufbereiten zu lassen.
Ohne Kanal kein städtisches Leben
An einer Spültür lässt Kammerer demonstrieren, dass die Technik aus dem 19. Jahrhundert auch heute noch funktioniert. Abwassertechniker Ralf Laufs, der sich vor der Kanalbegehung Gummihose, -handschuhe und Helm, angezogen hat, steigt hinab in den Kanallauf und schließt die Spültür, ein Schott aus schwerem Gussmetall. „Dahinter staut sich das Wasser. Sobald die Tür wieder geöffnet wird, ergießt sich ein großer Schwall in den Kanal. Die Rinne wird durch den Druck gereinigt“, erklärt Roland Kammerer.
Heute reinig man die Kanäle per Düsenantrieb. Über einen Hochdruckschlauch sind die Düsen mit einem Kanalreinigungsfahrzeug verbunden. Vom Fahrzeug aus werden 120 bar in die Düse gepumpt – aus dem rauschenden Bach wird ein laut tosendes Gewässer. Der Druck sprengt Ablagerungen und Verunreinigungen im Kanal ab. Das Frankfurter Kanalnetz wird regelmäßig inspiziert, gespült, ausgebessert. Allein 140 Mitarbeiter kümmern sich um die Kanalreinigung. „Ohne Kanal kein städtisches Leben“, sagt Ernst Appel, Betriebsleiter der Stadtentwässerung. „Ohne Abwassersystem würden wir alle krank werden.“
650 Millionen Euro ist das Kanalnetz wert
Mehrere große Typhus- und Choleraepidemien bewegten die Frankfurter Ende des 19. Jahrhunderts dazu, ihr Abwasser nicht mehr in oberirdischen Festungsgräben oder direkt in den Main zu leiten, sondern ein Kanalnetz zu bauen. Der Einbau von Wasserklosetts wurde erlaubt, die Abwassermenge wuchs, die Geruchsbelästigung an den Abwassereinleitstellen am Main ebenfalls – so ließ die Stadtregierung schließlich die erste städtische Klärbeckenanlage in Niederrad bauen. „Würde man dem Kanal folgen“, sagt Roland Kammerer und deutet auf die braune Brühe, die unter ihn hinweg fließt, „käme man nach Niederrad.“
„Nimmt man alle Anlagen zusammen, haben sie einen Wert von 650 Millionen Euro“, sagt Ernst Appel. Würde man sie neu bauen, müsste man über eine Milliarde Euro investieren. Die neuesten Kanalstücke wurden am Riedberg und im Europaviertel gebaut. Statt Mauersteinen verwendet man heute Beton- und Steinzeugröhren, die per unterirdischem Rohrvortrieb verlegt werden. Appel: „Wir buddeln eine Grube und schieben die Rohre von dort aus hinein.“ Neubauten sind selten geworden in den letzten Jahren. Vielmehr sind die Mitarbeiter der Stadtentwässerung mit der Sanierung und Instandhaltung des Kanalnetzes beschäftigt. „Alle 40 bis 50 Jahre muss ein Kanal wegen Korrosion erneuert werden“, sagt Stadtrat Volker Stein. Die Mitarbeiter der Stadtentwässerung kümmern sich auch um die Schädlingsbekämpfung. Roland Kammerer: „Im Jahr bekommen wir zehn bis 15 Beschwerden wegen Ratten.“ Für eine Stadt wie Frankfurt sei das wenig. Tatsächlich sieht man im Kanal unter dem Fremdeneingang nichts außer hellem Backsteinen und brauner Brühe.



