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24.07.2012

„Wie sehen andere die Welt?“

Regisseur Oliver Hardt
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Regisseur Oliver Hardt sucht in seinen Filmen die ungewöhnlichen Blickwinkel

Der Frankfurter Regisseur Oliver Hardt dreht ambitionierte Dokumentarfilme. Sein neuester, „The United States of Hoodoo“, ist eine Reise durch die USA, die er mit dem Schriftsteller Darius James zu den spirituellen Wurzeln afroamerikanischer Kultur unternommen hat. Am 26. Juli ist Premiere im Frankfurter „Mal seh‘n Kino“.

Frankfurt am Main (pia) „Mich interessiert immer das Hybride, nie das Reine, und ich will nicht der allwissende Autor sein, sondern wissen, wie andere die Welt sehen.“ Mit diesen Worten umreißt der Frankfurter Regisseur und Filmemacher Oliver Hardt sein Selbstverständnis. 1964 als Sohn einer Deutschen und eines Vaters aus Benin geboren, machte er sein Abitur in Kassel. Und um ein Haar wäre aus dem Abiturienten ein Mediziner geworden. Doch Oliver Hardt entschied sich dafür, Angewandte Theaterwissenschaft in Gießen zu studieren. „Das war Avantgarde, war randständig, war intelligent und radikal und hatte Praxisbezug.“

Von der TAT-Bühne zum Film

Nach dem Studium verschlug es Hardt an das Frankfurter „Theater am Turm“ (TAT), damals eine der führenden Avantgardebühnen. „Wir hatten dort beste Bedingungen, um kritisches, experimentelles und aufrüttelndes Theater zu machen.“ Für seine Inszenierungen auf dieser Bühne entstanden auch erste Videoarbeiten. Als sich die Bedingungen im TAT Mitte der 90er Jahre veränderten, wandte sich der Theatermann Hardt ganz dem Filmemachen zu. Dokumentarfilme dreht er heute ebenso ambitioniert wie Imagefilme. „Das ist kein Widerspruch. Mich interessieren immer Gestaltungsstrategien. Das kann ich auch in Imagefilmen verwirklichen. Zudem lernt man dabei eine gründliche Arbeitsorganisation und handwerkliche Routine.“ Dass er das Metier beherrscht, beweisen auch die zahlreichen Auszeichnungen für seine Imagefilme bei Festivals in New York oder Los Angeles.

Eine Reise zu den Wurzeln der Spiritualität

An endgültigen Wahrheiten ist Hardt nicht interessiert. Mit seinen Dokumentarfilmen will er Themen aus ungewöhnlichen Blickwinkeln zeigen. So in seinem neuesten Film „The United States Of Hoodoo“, der dem Einfluss der afroamerikanischen Kultur auf das amerikanische Alltagsleben nachspürt. Hardt begleitet den schwarzen Schriftsteller Darius James auf einer Reise von New York über das Mississippi-Delta bis nach New Orleans. Dabei geht es um die Spuren, die „Hoodoo“ - eine Art volkstümliche Alltagsspiritualität mit einer gewissen Nähe zur afrikanisch-karibischen Voodoo-Religion - hinterlassen hat. Darius James begegnet auf dieser Reise den alten afrikanischen Göttern in neuer Gestalt. Spiritualität hat für Hardt nichts Esoterisches. Dass die spirituellen Traditionen im heutigen Amerika Fakt und sehr lebendig sind, zeigt sein Film, etwa wenn James Spuren des Hoodoo im Mississippi-Blues, in der Rap-Musik oder in der New Orleans-Küche entdeckt.

Auf die Perspektive kommt es an

Hardts Interesse an diesem „schwarzen“ Thema erklärt sich zweifellos auch aus seiner Biografie und Hautfarbe, aber darauf lässt er sich keinesfalls reduzieren. Dass seine Neugier sehr viel weiter greift, davon zeugt die thematische Vielfalt seiner ebenfalls vielfach ausgezeichneten Dokumentarfilme, in denen es um Kunst und Design, den Musiker und Komponisten Hanns Eisler oder um Obdachlose im Frankfurter Bahnhofsviertel geht. Und zwar immer unter einem „etwas anderen“ Blickwinkel. So erzählt Oliver Hardt in seinem Film über Obdachlose die Geschichte zweier Menschen, die wieder ein bürgerliches Leben beginnen. Und wenn er in einem anderen Film „Black Deutschland“ zeigt, dann geht es eben nicht vordergründig um Rassismus, sondern darum, wie sich medial geprägte Bilder im Alltag auswirken. „Die Medien lieben sportliche und musikalische Schwarze. Wie aber sieht ihr Alltag aus, wenn sie es nicht sind?“

Ein überzeugter Frankfurter

Hardt hat, wie er sagt, den schönsten Teil seiner Jugend in Ostfriesland verbracht und sieht sich schmunzelnd als „Zwangshesse“, der längst ein überzeugter Frankfurter geworden ist. „Ich finde, Frankfurt ist total unterschätzt, es hat kulturell immer Außergewöhnliches zu bieten. Früher das TAT und bis heute William Forsythe oder das MMK mit einer der bedeutendsten Sammlungen zeitgenössischer Kunst.“ Frankfurt sei eine „fordernde Stadt, eine Stadt zum Arbeiten“, sagt Hardt, der mit seiner Lebensgefährtin und dem zehnjährigen Sohn in der Innenstadt wohnt und sein Büro im Bahnhofsviertel hat.

„The United States Of Hoodoo“ startet am 26. Juli in den deutschen Kinos. Die Premiere findet im Frankfurter „Mal seh‘n Kino“ in Anwesenheit von Darius James und Oliver Hardt statt. Dort läuft der Film bis zum 1. August, kurz darauf folgt die USA-Festivalpremiere in Philadelphia. Der von ZDF, ARTE und der Hessischen Filmförderung unterstützte Film wird dann im Sommer 2013 bei ARTE ausgestrahlt.

Thomas Waldherr