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16.05.2017

Das Erbe der Familie Bolongaro

Wie Frankfurt in den Besitz eines Palastes kam und ihn zum Rathaus machte

(kus) Aus den Trümmern des Höchster Schlosses ließ eine italienische Kaufmannsfamilie am Mainufer den größten Bürgerpalast nördlich der Alpen errichten. Heute gehört der Bolongaropalast allen Bürgern, allen voran den Höchstern.

Wenn das die Familie Bolongaro geahnt hätte: Da haben sich die italienischen Kaufleute mehrfach um das Bürgerrecht der Stadt Frankfurt bemüht, nie stimmte der Rat der Stadt zu – und jetzt, 300 Jahre später – nutzt ebendiese das prächtige Wohnhaus am Höchster Mainufer als Dependance ihres Rathauses.

Silke Wustmann, © PIA Stadt Frankfurt am Main
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Silke Wustmann lacht bei der Vorstellung, wie die Kaufmannsfamilie auf diesen Umstand reagiert hätte. Die Historikerin ist Bolongaro-Spezialistin, kaum jemand kennt die Geschichte der Familie aus Stresa am Lago Maggiore, die ihres kaufmännischen Geschicks, das die Brüder Joseph Maria Marcus und Jakob Philipp Bolongaro 1734 nach Frankfurt brachte, und die ihres Palastes am Höchster Mainufer so gut wie sie. Seit Jahren führt sie durch den Prunkbau – mit knapp 300 Zimmern ist er der größte Bürgerpalast nördlich der Alpen. „Eine Perle“, findet Silke Wustmann. „Allerdings eine, die viele Frankfurter noch nicht entdeckt haben.“ Sie selbst wurde durch ihren Magistervater auf den Bau aufmerksam. „Sie suchen ein Thema für Ihre Abschlussarbeit? Schauen Sie sich doch mal den Bolongaropalast an“, sagte der. „Bolongaropalast? Wo steht der denn?“, fragte seine Studentin. Anfang 1990er war das – seitdem ist Wustmann dem Wohnhaus der Kaufmannsfamilie verfallen.

Mainblick gegen Heimweh

Ein riesiger hufeisenförmiger Gebäudekomplex, allein der Hauptflügel misst 117 Meter Länge, umschließt einen terrassierten Park. Springbrunnen, mächtige Bäume, Rabatten und vom Balkon in der Beletage, den Vorzeigeräumlichkeiten, ein herrlicher Blick auf den Main. Der strömte damals noch in seinem natürlichen Flussbett und erinnerte den Hausherrn Josef Maria Marcus Bolongaro an den Lago Maggiore. „Mit einem Rotwein in der Hand stand er auf dem Balkon und träumte sich nach Italien“, erzählt Silke Wustmann. „Herr Bolongaro litt, so steht es in seinen Tagebüchern, fürchterlich unter Heimweh.“ Bei schlechtem Wetter zog er sich in seine Sala della nostalgia, sein Zimmer mit Wandpanoramen aus seiner Heimat, zurück und hing seiner Sehnsucht nach.

Kein Kontakt zu den Höchstern

Die Kaufmannsfamilie führte ein einsames Leben in ihrem Palast, sie feierte keine Bälle, gab keine Empfänge. Das gesellschaftliche Leben spielte sich in Frankfurt ab, nicht im dörflichen Höchst, das Ende des 18. Jahrhunderts etwa 850 Einwohner zählte. Fischer, Gärtner, Bauern und Zöllner, die die Bolongaros kritisch beäugten. „Wohlgelitten waren die Neureichen aus Frankfurt nicht“, weiß Wustmann. „Wo heute ihr Palast steht, war damals plattes Land.“ Die Familie selbst suchte keinen Kontakt zu den Höchstern, bis auf ein paar Stallburschen und Knechte brachte sie ihr eigenes Personal aus der Stadt mit. Nicht einmal den Gottesdienst in der Justinuskirche besuchten sie gemeinsam mit ihren Nachbarn – der Palast hatte eine eigene Kapelle.

Der Bolongaropalast in Höchst, © PIA Stadt Frankfurt am Main
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Aus den Trümmern des Schlosses

Anders als die Fischer, Bauern und Zöllner mussten die wohlhabenden Brüder keine Steuern zahlen. Und kamen darüber hinaus günstig an Bauland und -material. „Der Palast wurde aus den Trümmern des Höchster Schlosses errichtet, das im Dreißigjährigen Krieg größtenteils zerstört worden war“, weiß Silke Wustmann. Der Mainzer Kurfürst Emmerich Josef hatte das Projekt eingefädelt. Im 18. Jahrhundert gehörte Höchst zum Kurfürstentum Mainz. Die Kurfürsten, gleichzeitig Erzbischöfe der Domstadt, nutzten die verkehrsgünstige Lage des Städtchens am Main und der parallel verlaufenden Handelsstraße, um durchreisende Kaufleute an den Zollstationen kräftig zur Kasse zu bitten. Dennoch befand sich das Erzbistum in einer schlechten wirtschaftlichen Lage. Emmerich Josef legte ein Förderungsprogramm auf und versprach ansiedlungswilligen Investoren verbilligtes Bauland samt Material, Gewerbefreiheit, Steuer- und Zollerleichterungen, Religionsfreiheit und – das Bürgerrecht.

Steuern ja, Rechte nein

Seit den 1730er Jahren in Frankfurt mit dem Handel von Schnupftabak und Kolonialwaren überaus erfolgreich, betrieben die Brüder Joseph Maria Marcus und Jakob Philipp seit 1740 zudem Bankgeschäfte und erwarben 1756 das Haus „Zum Wölffchen“ in der Töngesgasse. Schnell wurden die Bolongaros zu einem der bedeutendsten Handelshäuser Frankfurts. Die Stadt stand dem Erfolg ausländischer Kaufleute zwiespältig gegenüber – zwar nahm sie gern deren Steuern ein, Rechte allerdings erteilte sie den Zugezogenen nur ungern. Den Bolongaros wurde der Status eines Beisassen zuerkannt: Gegen einen Eid und Bezahlung durften sie sich auf Lebenszeit in der Stadt niederlassen. An das Bürgerrecht jedoch war nicht zu denken. Denn das gewährte Frankfurt – mit wenigen Ausnahmen – nur denen, deren Konfession die evangelisch-lutherische war. Die Familie Bolongaro fühlte sich schikaniert und ging auf das attraktive Angebot Emmerich Josefs ein, sich in Höchst ein Grundstück nach ihren Vorstellung auszusuchen – dazu fehlte im engen Frankfurt ohnehin der Platz – und die kommenden 20 Jahre keine Abgaben an den Fiskus entrichten zu müssen. Frankfurts größter Steuerzahler verließ die Stadt.

Eine Skulptur im Bolongarogarten, 2013, © KuS Stadt Frankfurt am Main, Foto: Stefan Maurer
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Zurück in die Töngesgasse

In einer Rekordbauzeit von nur drei Jahren entstand der Bolongaropalast. 1775 war das Haupthaus bezugsfertig. Das vermeintliche Glück währte jedoch nicht lang. 1779 starb Joseph Maria Marcus Bolongaro, ein Jahr später sein Bruder. Der Hausherr hinterließ eine Witwe, aber keine Nachfahren. Jakob Philipps Töchter erbten das gesamte Vermögen – und damit sehr viel Geld. Zwar gelang den Töchtern und allen voran ihren Ehemännern – sie verpflichteten sich, bei der Heirat den Namen Bolongaro anzunehmen – in Kurmainz der gesellschaftliche Aufstieg, dennoch zog es sie zurück nach Frankfurt, in die Töngesgasse. Der Rat der Stadt wollte sich die Steuer- und Zolleinnahmen nicht noch einmal entgehen lassen und verlieh Peter Franz Bolongaro-Crevenna 1783 schlussendlich das lang ersehnte Bürgerrecht.

Erst Mietshaus, dann Rathaus

Joseph Maria Marcus' Witwe blieb im Palast in Höchst. „Sie starb 20 Jahre nach dem Baubeginn“, erzählt Silke Wustmann. „Genau in dem Jahr, in dem die Befreiung von Steuern und Zoll in Höchst auslief.“ Von da an war der Palast unbewohnt. Emmerich Josefs Wirtschaftsförderungsprogramm erwies sie sich als wenig erfolgreich, sein Nachfolger hatte es bereits wenige Jahre nach seiner Auflage gestoppt. Der Palast blieb ein Solitär, obendrein fand sich kein Käufer. Die Familie begann, ihn zu verpachten. Mit dem Beginn des 19. Jahrhunderts wurde der Bau wieder bewohnt, allerdings nicht von einer wohlhabenden Familie, sondern von mehreren Mietern. Man zog Zwischenwände ein, hängte Decken ab, richtete Geschäfts- und Lagerräume ein. „In der ehemaligen Kapelle, über deren Eingang die Inschrift 'Dieser Ort wird ein Betthaus genannt' – man hatte damals noch keine allgemeingültige Orthografie – befand sich zeitweise ein Matratzenlager“, weiß Silke Wustmann.

Sie weiß auch, dass die Frankfurter Oberbürgermeister, die in diesem Amt gleichzeitig Dezernenten für die westlichen Stadtteile sind, ihre Dienstzimmer im ehelichen Schlafgemach der Bolongaros haben und ihre Bürgersprechstunden unter einer Deckenstuckatur schnäbelnder Täubchen abhalten. Um 1910 machte die damals noch selbstständige Stadt Höchst den Bolongaropalast zu ihrem Rathaus. So kam Frankfurt 1928 mit der Eingemeindung der westlichen Stadtteile in seinen Besitz und nutzt ihn bis heute als Dependance des Römers.

40 Millionen für die Sanierung

In Frühjahr 2017 haben die Sanierungsarbeiten des 245 Jahre alten Baus begonnen. Rund 40 Millionen Euro investiert die Stadt Frankfurt, um die Perle am Main zu polieren. Das Gebäude wird saniert, barrierefrei umgebaut, im ersten Stock des Ostflügels sollen Räume für Kita Frankfurt und das Jugendkulturzentrum Höchst entstehen, die Musikschule wird im zweiten Obergeschoss untergebracht. Das Filmtheater im Erdgeschoss erhält mehr Raum, im Mittelbau soll ein Restaurant Platz finden und im Innenhof des Westflügels ein Veranstaltungsaal entstehen. Geplant ist auch ein „Museum Bolongaro“, das sich der Geschichte Höchsts widmet.

Der Bolongaropalast in Höchst, 2017, © KuS Stadt Frankfurt am Main, Foto: Heike Lyding
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Ein Palast für die Bürger

„Aus dem größten Bürgerpalast nördlichen der Alpen wird ein Palast für Frankfurts Bürger“, sagt Oberbürgermeister Peter Feldmann, der das Gebäude anlässlich des Spatenstichs für die Bauarbeiten im Februar dieses Jahres in den Schönheitsschlaf versetzt hat. „Der Bolongaropalast ist ein einzigartiges Ensemble, in dem man zudem viel über die Historie Frankfurts erfährt: Das Haus erzählt von Handel und Migration, von frühen Förderungsprogrammen und Vorurteilen, von Höchst als eigenständiger Stadt und als Dreh- und Angelpunkt des Frankfurter Westens.“ Anders als beim Bau vor 240 Jahren sind diesmal die Höchster selbst an den Planungen für die Sanierung beteiligt. Die Vorsitzenden des Kultur- und Museumsvereins Bolongaro, Markus Grossbach und Edgar Weick, unterstützen die Maßnahmen und die weitere Entwicklung: „Wir begleiten das Projekt seit fast zehn Jahren und wollen das Alleinstellungsmerkmal des Bolongaropalastes noch weiter herausarbeiten und damit ein neues Glanzlicht weit über Höchst hinaus setzen.“

2021 sollen die Bauarbeiten beendet sein, so lange bleibt der Barockbau geschlossen. Beim Gedanken an die Zeit, die er nicht zugänglich ist, wird Silke Wustmann fast so wehmütig wie Herr Bolongaro, wenn er an seinen Lago Maggiore dachte. Bleibt ihr wie einst ihm und heute allen Frankfurtern der Blick auf den Main und in die Ferne – der Palastgarten ist weiterhin zugänglich.