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20.05.2014

Weltweit ganz groß

Das Graffiti-Duo Herakut, Jasmin Siddiqui und Falk Lehmann, vor dem Werk 'There is something better than perfection' in der Frankfurter Innenstadt, © Foto: Bernd Kammerer
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Die Street Art-Künstler Herakut machen aus Wänden riesige Gemälde

Sie ist Hera, er ist Akut: Jasmin Siddiqui und Falk Lehmann sind als Herakut eines der erfolgreichsten Street Art-Duos der Welt. Ihre ersten Bilder malte Siddiqui in einem Kindergarten in Frankfurt-Nied. Im Juni zeigen Herakut einen Teil ihrer Arbeiten in der Sachsenhäuser AusstellungsHalle.

Frankfurt am Main (pia) Das Auto. „Das Auto war überhaupt das Allerbeste.“ Jasmin Siddiquis Augen blitzen. Vom abgelaufenen Bausparvertrag gekauft, kurvte sie mit dem Wagen durch die Gegend. Hielt an, wo sie eine geeignete Wand sah. Ganz dicht fuhr sie ran an die Mauer. Holte ihre Leiter aus dem Kofferraum, stellte sie aufs Autodach – und sich selbst, eine Spraydose in der Hand, auf die Sprossen. Überlebensgroße Frauen mit breiten Hüften und stolzem Blick sprühte sie an die Wände. „So hoch oben wie möglich“, sagt Jasmin. „Damit so viel wie möglich von ihnen überlebt, wenn der Nächste kommt und sie übermalt. Sich nicht unterkriegen zu lassen – darum ging es mir. Im bildlichen Sinn. Aber auch sonst.“

Jasmin Siddiqui, 33 Jahre alt, Tochter eines Pakistaners und einer Deutschen, aufgewachsen in Frankfurt-Nied, hat sie ausgetrickst, die anderen Sprayer. Hat ihr Ding gemacht. Sie macht es immer noch – und immer noch ganz weit oben. Nicht mehr vom Dach ihres Autos, sondern von Hub- oder Korbwagen aus. Mit Spraydosen oder Farbrollen, die sie an einer meterlangen Teleskopstange befestigt, um riesenhafte Figuren auf Häuserwände zu malen, 20 mal 30 Meter groß können die Flächen sein. Nicht mehr allein, sondern gemeinsam mit ihrem Künstlerkollegen Falk Lehmann. Sie ist Hera, er ist Akut – zusammen sind sie Herakut, eines der erfolgreichsten Street Art-Teams weltweit.

Jasmin Siddiqui vom Graffiti-Duo Herakut steht im Kinderheim Rödelheim neben einer von ihr gestalteten Wand, © Foto: Bernd Kammerer
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Erlebnis statt Ergebnis

Sie malt die Umrisse ihrer Figuren – Menschen, Tiere, Fabelwesen – er übernimmt den Feinschliff, setzt Lichtpunkte, plastische Details. Mit großen Augen schauen die Wesen ihre Betrachter an, schön und unheimlich zugleich. Der Zufall ist der beiden bester Freund. Zufällig lernten sich Jasmin und Falk kennen, auf einem Graffiti-Festival. „Weil der Typ neben mir so viel Raum beanspruchte, suchte ich mir einen neuen Platz.“ Sie landete bei Falk, die Chemie stimmte, der Humor dito. Seit 2004 arbeiten die beiden unter einem Namen. Und auch hier bestimmt der Zufall. Der erste Strich eines Bildes ist immer ein beherzter, weit ausholender Schwung. Aus ihm entsteht die Wirbelsäule einer Herakut-Figur. „Das geht nicht auf Papier“, sagt Jasmin. „Das geht nur im Stehen an der Wand. Natürlich kann dabei einiges schieflaufen. Na und! Dann wird aus einem überflüssigen Kreis vielleicht ein Tier, das auf der Schulter sitzt.“ Herakut verfolgen keinen Plan. „Es geht ums Erlebnis, nicht ums Ergebnis.“

Auf der Suche nach Flächen in der ganzen Welt haben Herakut viele Helfer, die sich um Überzeugungsarbeit bei den Städten und um Genehmigungen kümmern. Illegal sprühen die beiden nicht. „Bei den Formaten, die wir uns vornehmen, kann man nicht einfach heimlich mit der Hebebühne anrücken. Das alles erfordert Logistik, Planung, viel Geld und viel Geduld“, erklärt Jasmin. Bis Herakut im Herbst 2013 zum Beispiel eine Wand in der Frankfurter Stiftstraße mit dem Bild „There is something better than perfection“ bemalen konnten, gingen Dutzende Mails und Schriftstücke hin und her.

Vom Graffiti-Duo Herakut bemalte Fassade in Jordanien, © Foto: Falk Lehmann
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Aufträge aus der ganzen Welt

Street Art, also Malereien, Schriftzüge, Graffitis im Stadtraum, war die erste globale Kunstbewegung, viele Künstler verdienten sich damit eine goldene Nase. Besonders Banker schmückten sich mit dem Kauf von Street Art. Als 2008 die Wirtschaft zusammenbrach, schrumpfte die Szene rapide. Jasmin: „Es haben nur die überlebt, die es ernst meinen.“ Herakut hat die Krise nicht geschadet. Weltweite Aufträge internationaler Firmen, vor allem aus der Bekleidungsbranche oder der Gastronomie, die Herakut zum Beispiel für Festivals buchen, Wandgemälde in Melbourne, San Francisco, Katmandu, 20.000 verkaufte Bücher, Sammler von Norwegen bis in die USA – „Wir haben ununterbrochen gearbeitet und uns oft gefühlt wie Zirkuspferdchen“.

Zum zehnten Jubiläum in diesem Jahr könnten sie sich mal etwas rausnehmen, entschieden Jasmin und Falk. Projekte, die kein Geld bringen, sondern Aufmerksamkeit schenken. Gerade haben Herakut die Wände eines Kinderheimes in Frankfurt-Rödelheim bemalt – gemeinsam mit den Kindern. Kürzlich waren sie in Jordanien, um mit syrischen Flüchtlingskindern zu arbeiten. Bilder des Projekts stellen Herakut unter dem Titel „Colours of Resilience“ vom 6. bis 20. Juni in der AusstellungsHalle in Sachsenhausen, Schulstraße 1a, aus – Gespräche mit Samantha Robison, der Gründerin der Organisation Awareness & Protection Trough Art (aptART), mit deren Kollaboration Herakut im Flüchtlingslager waren, und Krisenreporterin Tracey Shelton inklusive.

Vom Graffiti-Duo Herakut bemaltes Gerätehaus des Kinderheims Rödelheim, 13. Mai 2014, © Kinderheim Rödelheim
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Malen, um zu verschönern

Die Arbeit mit den Kindern – in Frankfurt und Jordanien – sei berührend und bereichernd zugleich gewesen. „Wer immer nur unter Künstlern ist, entwickelt keine neuen Ideen“, sagt Jasmin. Überhaupt, das Reisen, das Kennenlernen fremder Kulturen, der Kontakt zu den Menschen – Herakut sind rund sechs Monate im Jahr in der Welt unterwegs – sei eine der besten Facetten ihres Jobs. „Jeder sollte sich einen Riesengefallen tun und seine vier Wände verlassen.“ Sagt eine, die als Kind am liebsten keinen Schritt vor die Tür gegangen wäre.

Jasmin aus Nied war ein kleines, ängstliches Mädchen. Kindern ging sie am liebsten aus dem Weg. „Also habe ich gezeichnet“. Stundenlang saß sie da und malte. Im Kindergarten Tiere, im Zeichenunterricht, zu dem die Eltern sie schickten, präparierte Seepferdchen und Blumen. Als Teenagerin ahmte sie Graffitis nach, die sie auf dem Weg zur Schule sah. Erst in Heften, dann auf den Schildern, auf denen in den alten Straßenbahnen die Haltestellen geschrieben standen. Jasmin lacht: „Die Bahn war meine fahrende Galerie“. Irgendwann entschied sie: Wenn sie etwas anmalt, dann, um es zu verschönern. Mit den Wänden ihrer Schule, der Helene-Lange-Schule in Höchst, fing sie an.

Kinder schieben am Rande einer Graffiti-Aktion des Künstler-Duos Herakut in Jordanien selbst bemalte Schubkarren, © Foto: Falk Lehmann
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Schüchterne Jasmin, mutige Hera

Nach der Schule überredeten die Eltern Jasmin zu einem Designstudium. Für die Künstlerin ein Alptraum: „Allein das Praktikum in der Werbeagentur war der Horror! So viele intelligente Leute, die leider nur für die Mülltonne produzieren. Was für eine Verschwendung von Energie und Talent!“ Gegen ihren Frust sprühte sie Graffitis. Aus der kleinen, ängstlichen Jasmin wurde die mutige Hera, die im Sperrmüll oder an Baustellen nach weggeworfenen Farben suchte und Ladenbesitzern Geschäfte vorschlug: Sie bemalte die Verkaufstheke, er zahlte mit fünf Paar Schuhen. Der Besitzer zeigte das Graffiti einem Bekannten, Salesmanager eines Turnschuhherstellers, der wiederum heuerte Jasmin für den nächstgrößeren Auftrag an. Dann kam das Festival, kam Falk, kam Herakut, folgten Projekte im In- und Ausland, die erste Museumsausstellung im norwegischen Stavanger. Eine Galerie in London meldete Interesse an, eine in Los Angeles, Verleger auf drei Kontinenten nahmen Kontakt auf, auf der ganzen Welt lassen sich Fans Herakut-Motive tätowieren.

Auch heute fährt Jasmin viel mit dem Auto herum, hält Ausschau nach Wänden. Eine Leiter hat sie nur manchmal dabei. Pinsel, Stifte und Farben immer: „Sie sind die Verlängerungen meiner Finger. Sie gehören einfach zu mir dazu.“

Anja Prechel