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2016/2017 Sherko Fatah

Sherko Fatah 2011 ©Jens Oellermann
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„Der Stadtschreiber von Bergen-Enkheim 2016/2017 heisst Sherko Fatah. Mit dem 51-jährigen Berliner zeichnet die Jury einen Schriftsteller aus, der in seinen bislang sechs Romanen auf überzeugende und einzigartige Weise Grenzgebiete erkundet, geografische ebenso wie solche zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft, Stellung und Erfahrung, aber auch Grenzgebiete zwischen Innen- und Aussenwelten, zwischen gerade noch Sag- und Erzählbarem und dem, was sich der Sprache entzieht. Die meisten Romane von Sherko Fatah spielen implizit oder explizit im Irak und den umliegenden Ländern, und wie manche seiner Figuren, wird für uns Leserinnen und Leser im deutschen Sprachraum der Autor somit zum Boten, zum Berichterstatter, zum Überbringer komplexer Nachrichten aus jenen Gebieten, die in unseren Schlagzeilen vor allem auftauchen als Schauplätze von Krieg, Gewalt und Folter.
Invasion, Krieg, Gewalt und Folter sind allgegenwärtig in Fatahs Romanen. Aber weit davon entfernt, das Geschehen von aussen zu erklären oder uns einen Überblick zu verschaffen, fokussiert Sherko Fatah ganz auf die Wahrnehmungen seiner Protagonisten. Oft sind es zwei Männer, die einander fremd gegenüberstehen und doch aufeinander angewiesen sind, die bei aller Unterschiedlichkeit etwas miteinander verbindet. Wie etwa den Übersetzer Osama und den deutschen „Helfer“ Albert, die beiden Hauptfiguren aus Fatahs jüngstem Roman: Der letzte Ort“. Was wir uns nicht vorstellen können, bringt der Roman uns nahe; subtil zeichnet er die existentiellen Verlorenheiten zweier Entführter nach, denen ausser persönlichen Erinnerungen kaum etwas geblieben ist und die wenig Hoffnung haben auf Rettung. Dennoch lässt der Roman die Leserinnen und Leser nicht ohne Hoffnung zurück. Im Gegenteil: Eine präzise Figurenzeichnung, die bei aller Zurückhaltung deutlich spürbare, genaue Kenntnis von Schauplätzen und Ereignissen sowie eine diskrete, zuweilen fast karg zu nennende Sprache übersetzen sich in Denk- und Empfindungsräume, die uns vehement dazu einladen, uns der Erfahrung des Fremden zu öffnen.“ (Begründung der Jury)

Sherko Fatah wurde am 28. November 1964 als Sohn eines irakischen Kurden und einer Deutschen in Ost-Berlin geboren. Nach Aufenthalten im Irak und in Wien zog die Familie 1975 nach West-Berlin, wo Fatah von 1990 bis 1996 Philosophie und Kunstgeschichte studierte. Er unternahm zahlreiche Reisen in den Irak, nach Indien, Bangladesch, Nepal, Zentralafrika und in die USA. Heute lebt er als freier Schriftsteller in Berlin und ist Mitglied des PEN-Zentrums Deutschlands.

Werke

- 2001 Im Grenzland, Jung und Jung, Salzburg
- 2002 Donnie, Jung und Jung, Salzburg
- 2004 Onkelchen, Jung und Jung, Salzburg
- 2008 Das dunkle Schiff, Jung und Jung, Salzburg
- 2011 Ein weißes Land, Luchterhand, München
- 2014 Der letzte Ort, Luchterhand, München

Auszeichnungen

- 2001 Aspekte-Literaturpreis für „Im Grenzland“
- 2002 Sonderpreis des Deutschen Kritikerpreises für das bemerkenswerteste Prosa-Debüt
- 2007 Hilde-Domin-Preis für Literatur im Exil für „Im Grenzland“ und „Onkelchen“
- 2008 Shortlist für den Deutschen Buchpreis mit „Das dunkle Schiff“
- 2012 Shortlist für den Preis der Leipziger Buchmesse mit „Ein weißes Land"
- 2015 Großer Kunstpreis Berlin für sein bisheriges Werk
- 2015 Adelbert-von-Chamisso-Preis
- 2016/2017 Stadtschreiber von Bergen-Enkheim

Festredner bei der Verleihung des Literaturpreises Stadtschreiber von Bergen

Valentin Gröbner