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1974/1975 Wolfgang Koeppen

Wolfgang Koeppen (* 23. Juni 1906 in Greifswald; † 15. März 1996 in München) kam als Wolfgang Köppen - später ersetzte er den Umlaut durch oe - unehelich zur Welt. 1908 übersiedelten Mutter und Sohn von Greifswald nach Ortelsburg in Ostpreußen. Sein Vater, Dozent der Augenheilkunde und Ballonfahrer, erkannte die Vaterschaft nie an.

Koeppen schlug sich in der Zeit der Weimarer Republik als Schauspieler und Dramaturgie-Volontär durch, ehe er im Berlin der späten zwanziger und frühen dreißiger Jahre als Feuilletonredakteur beim "Berliner Börsen-Courier" Anstellung fand. Er veröffentlichte in dieser Zeit über 200 Literatur-, Theater- und Filmkritiken, sowie Essays und Reportagen. Im Zuge der Machtübernahme durch die Nazis verlor er seine Stellung. Als sein Romandebüt "Eine unglückliche Liebe" 1934 erschien, lebte er bereits in Holland. In dem Werk thematisierte Koeppen seine einseitige Beziehung zu der Schauspielerin Sybille Schloss. 1939 kehrte er wieder nach Deutschland zurück und hielt sich mit dem Schreiben von Filmdrehbüchern bis Kriegsende über Wasser. Seit 1943 lebte er in München.

1947 erhielt Koeppen den Auftrag, die Erinnerungen des Holocaust-Überlebenden Jakob Littner zu bearbeiten. Littner hatte als Jude polnischer Nationalität lange in München gelebt, musste 1939 aus Deutschland fliehen und überlebte unter abenteuerlichen Umständen in Polen und der Ukraine. Koeppen kürzte, bearbeitete und ergänzte die nach dem Kriegsende entstandenen Erinnerungen Littners. Sie wurden 1948 unter dem Titel "Aufzeichungen aus einem Erdloch" veöffentlicht, ermöglicht durch einen Druckkostenbeitrag Littners, der jedoch die Bearbeitung Koeppens ablehnte. Die Neuausgabe dieser Bearbeitung unter dem Namen Wolfgang Koeppens 1992 führte zu einer Kontroverse, in deren Folge auch der Originaltext Littners wiederentdeckt und veröffentlicht wurde.

Mit seiner "Trilogie des Scheiterns" (1951: "Tauben im Gras"; 1953: "Das Treibhaus"; 1954: "Tod in Rom") gab er eine erste kritische Bestandsaufnahme der sich formierenden Bundesrepublik Deutschland. Mit Vehemenz und Schärfe analysiert Koeppen die Rückstände jener Ideologien und Verhaltensweisen, die zu Faschismus und Krieg geführt haben und die schließlich in den fünfziger Jahren die Restauration der überkommenen Verhältnisse protegierten. In der Nachkriegszeit blieb Koeppen ein Außenseiter, der mit seinem Werk an die Tradition der klassischen Moderne anknüpfte. Sein Einfluss auf andere Autoren, z.B. Günter Grass und Peter Rühmkorf, sollte jedoch nicht unterschätzt werden. Er war Mitglied in der Gruppe 47.

Der damalige Kulturredakteur Alfred Andersch beim Süddeutschen Rundfunk ließ ihn verschiedene Reisen durchführen, um ihm Reise-Reportagen zu ermöglichen. So kam Koeppen 1955 nach Spanien, 1956 nach Rom, 1957 in die Sowjetunion und nach Warschau, nach Den Haag und London, 1958 in die USA und 1959 nach Frankreich. 1958 wurde "Nach Russland und anderswohin" sowie 1959 "Amerikafahrt" veröffentlicht.

Auszeichnungen

  • 1962 Georg-Büchner-Preis
  • 1965 Großer Literaturpreis der Bayerischen Akademie der Schönen Künste
  • 1967 Immermann-Preis
  • 1971 Andreas-Gryphius-Preis
  • 1974 Erster Stadtschreiber von Bergen

Festredner bei der Verleihung des Literaturpreises Stadtschreiber von Bergen

Marcel Reich-Ranicki