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Ascher, Ludwig

Dr. med. (Louis) Ludwig Ascher stammt aus Posen, wo sein Vater einen Schuhladen und eine kleine Schuhreparaturwerkstatt besaß. Nach dem Medizinstudium in Berlin, Marburg und München promovierte Ascher 1889 in Leipzig und erhielt in demselben Jahr in München seine Approbation. Er war Arzt in Neuenburg in Westpreußen, Königlicher Kreiswundarzt in Bomst (poln.: Babimost) und Königsberg und Medizinalrat, Kreisarzt in Hamm, Berlin und Harburg.

Am 3. Januar 1900 heiratete er in Frankfurt am Main Johanna Strauß (geb. am 23.3.1876 in Berlin), deren Familie väterlicherseits aus Frankfurt-Niederursel stammte. Die Großmutter Emma Strauß, geb. Ellinger kam aus der Gründerfamilie der Metallgesellschaft. Die Aschers hatte zwei Töchter, Mathilde, geb. 1.11.1900, und Marie Anne. Nachdem im November 1938 fast der gesamte Gemeindevorstand verhaftet worden war, wurde Ludwig Ascher im Dezember 1938 Mitglied des Gründungsvorstands der „Reichsvereinigung der Juden in Deutschland, Bezirksstelle Hessen-Nassau“. Am 1. April 1939 wurde er zum ersten Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde gewählt.

Im Dezember 1940 starb Aschers Ehefrau Johanna im Krankenhaus der jüdischen Kultusvereinigung im Alter von 64 Jahren. Im September 1941 erhielten Ascher sowie die anderen Bewohner der Pension Hirschfeld die Anweisung, das Haus innerhalb von zehn Tagen zu räumen, da das Gebäude „anderweitig benötigt“ werde. Mile Braach zitiert in ihrem Buch ‚Rückblende’ die Erinnerungen ihrer Mutter: Sie beschreibt, wie die neun Pensionäre, zu denen auch Helene Neumann und ihre Kinder Richard und Elisabeth gehörten, am letzten Tag vor dem erzwungenen Auszug noch eine kleine gemeinsame Andacht abhielten: „Juden und Christen – Evangelische und Katholiken – saßen friedlich zusammen und Lisbeth (gemeint ist Elisabeth Neumann) machte ihre Sache so schön und taktvoll, dass keiner sich verletzt fühlen konnte. Am Abend hatten wir dann noch eine sehr schöne Abschiedsfeier und Dr. Ascher hielt eine ganz wunderbare Rede (...) So nahmen wir Abschied voneinander und unsere Wege trennten sich.“

Wie die anderen Bewohner der Pension Hirschfeld wurde auch Ascher gezwungen, ein Zimmer in einem der Häuser zu beziehen, in denen Juden vor ihrer Deportation konzentriert wurden. Er zog als Untermieter der jüdischen Familie Berlin/Krämer in den 2. Stock des Hauses Gaußstraße 14 ein. Wenige Wochen später wurde er von dort deportiert. Die Überlebende des Gettos Theresienstadt Fanny Krämer schilderte später, wie es am Morgen des 19. Oktober 1941 klingelte und für alle Hausbewohner völlig überraschend SA Leute an der Wohnungstür standen, um den 76-jährigen Ludwig Ascher abzuholen. „Er durfte nur ein paar seiner Sachen einpacken und mitnehmen. Da kam ein SA-Mann auf mich zu. Er hatte eine kleine Tischschaufel mit einem Bürstchen aus Dr. Aschers Sachen in der Hand und fragte mich: ,Wollen Sie das nicht haben?‘ Ich antwortete: ‚Wofür soll ich das haben wollen? Wir müssen doch auch weg.‘ Darauf sagte er: ‚Da haben Sie Recht.‘ Demnach wusste er also, was vorging. An diesem Tag war Dr. Ascher der Einzige aus unserem Haus, der abgeholt wurde. Wir haben dann nie mehr etwas von ihm gehört.“

Eine der Letzten, die Ascher noch in der Großmarkthalle vor seiner Deportation sahen, war Lily Scholz, die Tochter des Frankfurter Arztes Dr. Bernhard Scholz. Sie war gekommen, um nach Patienten ihres Vaters zu schauen. In ihren unter dem Pseudonym Lily Hahn veröffentlichten Erinnerungen „Bis alles in Scherben fällt“ beschreibt sie diese Begegnung. „Noch einmal standen wir mit Seckls zusammen, um Abschied zu nehmen. Seckls Augen folgten meinem Blick, der wiederholt zu dem markanten Kopf eines alten Juden abirrte. Aus dem scharf geschnittenen Gesicht, umrahmt von weißen Haaren und einem weißen Bart, brannten ein Paar dunkle Augen. ‚Das ist Medizinalrat Dr. Ascher‘, sagte Seckl halblaut. Einem Impuls folgend trat ich zu dem Geviert, in dem dieser bekannte Stadtarzt mit der Würde eines Patriarchen stand. ‚Herr Medizinalrat Ascher?‘ fragte ich schüchtern. Die dunklen Augen richteten sich auf mich. Ich bin die Tochter von Dr. Schröder‘, stellte ich mich vor. ‚Kann ich irgend etwas für Sie tun?‘ Er schüttelte ernst den Kopf: ‚Nein‘, sagte er, ‚da ist wohl nichts mehr zu tun.‘ `Herr Doktor – haben Sie Medikamente und Spritzen?‘ Er nickte. Ùnd Morphium?`‘Ja‘, erwiderte er, ‚etwas Morphium – nicht viel.‘ ‚Es sind Patienten meines Vaters hier...‘ Die dunklen Augen wurden weich: ‚Ich will helfen, so weit ich kann‘.“

Auf seiner Fahrt ins Getto Lodz im besetzten Polen fuhr der Zug auch durch den Bahnhof von Posen, der Stadt, in der Ascher geboren und aufgewachsen war. Er starb im Getto Lodz wahrscheinlich an Unterernährung und Typhus.

Personen
Ludwig Ascher
Geburtsdatum:26.12.1865
Deportation:19.10.1941 nach Lodz
Todesdatum:24.5.1942

Quelle

Renate Hebauf, Frankfurt am Main, Gaußstr. 14, Ein Haus und seine jüdischen Bewohner zwischen 1941 und 1945. In: Monica Kingreen, Nach der Kristallnacht; Renate Heuer, Siebert Wolf (Hg.), Die Juden der Frankfurter Universität, Frankfurt/New York, 1997; Mile Braach, Rückblende, Erinnerungen einer Neunzigjährigen, Frankfurt 2002