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28.07.2010

Antrittsrede: Ulrich Peltzer

Als ich mich fragte, über was ich heute reden könnte, fiel mein Blick, nachdem er eine Zeitlang herumgeschweift war: zum Fenster raus, über den Brillenrand an die Decke, wieder zum Fenster raus – aber da findet man natürlich nichts, meistens jedenfalls, wenn man ohne Vorgabe ein Thema sucht – fiel mein Blick auf ein Buch, das neben meinem Schreibheft lag, weil ich’s vor drei Wochen gerade las, Curzio Malapartes Die Haut, ein Roman … ein romanhafter Bericht über die Befreiung Neapels durch die fünfte US-Armee, der 1947 zum ersten Mal erschienen ist. Und sofort schoss mir der Satz durch den Kopf: Eines der schönsten Häuser der Welt ist die Villa Curzio Malapartes auf Capri. Da ich, je älter ich werde, immer weniger an Zufälle glaube, war es nur logisch, hier weiterzumachen, beziehungsweise, mit diesem Satz anzufangen, um zu sehen, wohin mich das führen würde. Zumal die bloße Erwähnung Neapels in diesem Zusammenhang, im Zusammenhang mit Malapartes Buch, wie das Buch selber – auf das ich dann, war mein Gedanke, zu sprechen kommen könnte - halb versunkene Areale meiner Interessen und meiner Erinnerung berührten, sie gleichsam wieder ans Licht holten, und zwar auf der Stelle - etwa die Erinnerung an eigene Versuche, die Stadt zu beschreiben, oder das kaum vergleichliche Bild zu schildern, wenn sich am frühen Morgen die fünf Inseln im Golf aus der Dunkelheit herausschälen - es also jenseits einer spontanen, dem Mangel geschuldeten Idee noch andere Gründe gab, genau so zu beginnen:

Eines der schönsten Häuser der Welt ist die Villa Curzio Malapartes auf Capri, der südlichsten dieser Inseln. Auf einem Felsen hoch über dem Meer gelegen, führt eine spektakuläre, die gesamte Rückseite des Hauses einnehmende Freitreppe aufs geländerlose Dach des zweigeschossigen, in einem mürben bourbonischen Rot getünchten Gebäudes. Das Dach ist groß genug, dass der Hausherr, dass Malaparte darauf Fahrrad fahren konnte – was, ob’s stimmt oder bloß Gerücht ist, zu jemandem passen würde, den exzentrisch oder extravagant zu nennen, keineswegs unangemessen wäre.

Obwohl ich bei meinem einzigen Besuch auf Capri das Haus nur von weitem gesehen habe – seltsam, so oft ich früher in Neapel gewesen bin, die ganze Zeit, bin ich außer diesem besagten einen Mal nie nach Capri gefahren, wo es im übrigen noch eine andere berühmte Villa gibt, die Ruine einer Villa, des Kaisers Tiberius nämlich, der sich im Jahr 27 von allen Staatsgeschäften zurückzog, um dort (als Lustgreis, behaupten böse Zungen) seine letzten Jahre zu verbringen -, obwohl ich also in Wirklichkeit die Casa Malaparte nur mal von weitem sah als einen rötlichen Fleck zwischen Pinien und Kakteen, ist sie mir - wie einigen von Ihnen vielleicht auch - durch einen legendären Film sehr vertraut geworden, der riesige Salon im Zentrum des Hauses, die dramatischen Ausblicke durch die asymmetrisch angeordneten Fenster auf das in Smaragdtönen schillernde Meer, die Terrasse, von der man über eine in den Felsen gehauene Treppe über hundert Stufen nach unten zum Wasser kommt.

Brigitte Bardot ging dort schwimmen, Michel Piccoli beobachtete sie dabei, während oben im Salon Jack Palance und Fritz Lang eine Kino-Adaption der Odyssee diskutieren, die Lang als Regisseur für Palance als Produzent bewerkstelligen soll. Und die ihm, dem Produzenten, natürlich zu wenig modern ist, mit zu geringem kommerziellen Potential, weshalb Michel Piccoli als Autor engagiert wurde, um das Drehbuch aufzupeppen; seine Film-Ehefrau, also Brigitte Bardot, brachte er auf Einladung von Palance, der als Amerikaner jedes Klischee von Hollywood erfüllt, zu den Verhandlungen mit – sie langweilt sich - wie könnte es anders sein - und hat hauptsächlich die Funktion, das Begehrenskarussell in Umlauf zu halten. Soweit in aller Kürze der Inhalt von Jean Luc Godards Le Meprís, Die Verachtung, ein wahrhaftig sprechender Titel, unter dem er 1963 das Filmemachen unter den Bedingungen eines unerbittlichen Marktes durchspielt. Ich weiß nicht, wie leicht oder wie schwer es für Godard und die Produktionsfirma war, eine Drehgenehmigung zu bekommen, Malaparte war seit sechs Jahren tot, aber die atemberaubende Kulisse seines Hauses auf dem Felsen, das Ineinander der Schönheiten von Natur und Architektur, bilden einen fast schon schreienden Kontrast zur Profanität der Geschäfte, um die es hier geht, nämlich darum, die Kunst, die Filmkunst, zur Hure des Business zu machen, allein zu dem Zweck erfunden, Geld in die Kassen von Produzent und Verleiher zu spülen. Dass man von der Geschichte gebannt ist, liegt selbstverständlich an der Geschichte, an Schauspielern und Regisseur, doch der Anteil, den der Schauplatz, die fabulöse Casa Malaparte, daran hat, darf gar nicht hoch genug veranschlagen werden.

Für das Booklet einer DVD-Edition von Le Meprís – es gab erschütternd wenig Honorar, aber oft hat man nicht die Wahl – habe ich vor einigen Jahren einen Text geschrieben, dessen letzter Absatz so lautet: „Kunst sagen, aber Ware meinen, und von Liebe reden, obwohl man lediglich ein finanzielles oder sexuelles Interesse verfolgt, sind die Seiten ein- und derselben Münze, die sich bis heute ihre Kaufkraft bewahrt hat. Wie es Godard gelingt, dafür Bilder zu finden, ohne sich der verranzten Dramaturgie eines Plots zu unterwerfen, mit welcher Leichtigkeit er Texte von Dante und Hölderlin in die Szenen schmuggelt, macht seine Verachtung zu einem der schönsten Filme, die je gedreht worden sind – ein einziges Versprechen darauf, dass es einmal eine Welt geben könnte, in der Träume so real sind wie das Leben, und das Leben ein für alle Realität gewordener Traum.“

Das mit dem ‚Plot’ und dem ‚verranzt’ würde ich so nicht mehr schreiben, der Rest, denke ich, ist nach wie vor gültig; gerade, was das Spannungsverhältnis zwischen dem Renditeverlangen, dem in der Regel abstrusen Renditeverlangen eines Kapitalgebers und artistischer Ambition betrifft. In allen Künsten, und eben auch in der, die ich gewählt habe, oder sie mich, wie man will, in der Literatur. Dazu wäre einiges zu sagen, aber … danach ist mir im Augenblick nicht, nicht heute, weshalb ich flugs wieder zu Malaparte zurückkehre, und zu seiner Hausikone auf Capri, die er einmal mit den folgenden Worten charakterisierte: „Una casa come me, triste, dura, severa“ : „Ein Haus wie ich, traurig, hart, streng.“

Ob es das wirklich ist, traurig, hart, streng, ich weiß nicht, mir scheint es sich eher um die Selbstbeschreibung eines Schriftstellers zu handeln, der in Leben und Werk zu Stilisierungen neigte, zu Aristokratismus und apodiktischen Urteilen, die jedoch, und das kommt weniger häufig in der Literaturgeschichte vor, luziden Einsichten durchaus nicht im Wege standen. Ob sein Satz: „Neapel ist die Zukunft Europas“ dazu gehört, entweder als apodiktisches Urteil oder als luzide Einsicht, will ich nicht entscheiden, der Satz findet sich in seinem Buch La Pelle, Die Haut, jenes auf meinem Schreibtisch in Berlin, in dem er die Befreiung der Stadt durch alliierte Truppen schildert, und das ärmliche, das miserable Leben unter der neuen Herrschaft; dass Die Haut nicht nur vom Vatikan sofort nach Erscheinen auf den Index gesetzt, sondern Malaparte auch vom damaligen Bürgermeister Neapels mit einem Bann belegt wurde, spricht jedenfalls nicht gegen ihn, als Autor. Ein Autor, dessen Biografie die politischen und ideologischen Verwerfungen des 20. Jahrhunderts auf singuläre wie exemplarische Weise widerspiegelt, und - in seinen journalistisch-literarischen Arbeiten - auf eine Weise exponiert, die ihm umgehend jede Menge Ärger mit den Regimen und Machthabern eines Zeitalters eintrug, das der englische Historiker Eric Hobsbawm sehr zu recht das der Extreme nannte.

1898 geboren, war Malaparte Freiwilliger im ersten Weltkrieg, ein paar Jahre Faschist, einer der bekanntesten Journalisten zwischen Mailand und Palermo, Herausgeber avantgardistischer Literaturzeitschriften, als Verbannter auf den liparischen Inseln, Jahre unter Hausarrest, dann Korrespondent an der Ostfront, von wo er erschütternde Berichte schickte, die unter dem Titel: „Die Wolga entspringt in Europa“ wohl noch herauskamen, dann aber eilends konfisziert wurden, schließlich Verbindungsoffizier, so Malapartes eigene Fama, bei der fünften US-Armee. Jener Armee, die Neapel unter tatkräftiger Hilfe der Bevölkerung befreit hat. In dieser rhapsodischen Form der Darstellung wird man seiner Exzentrik nicht ganz gerecht – Exzentrik nicht als Dandytum um seiner selbst willen verstanden, sondern als politische, gelegentlich fragwürdige, politische und ästhetische Konsequenz – nur noch soviel: Schon 1931 hat Malaparte nach einem ersten Besuch in der Sowjetunion ein Buch veröffentlicht, das einigermaßen herausfordernd Die Intelligenz Lenins hieß, wie er zuletzt testamentarisch verfügte, dass sein Haus, die Casa Malaparte, nach seinem Tod an die Volksrepublik China fallen sollte – was die Erben allerdings erfolgreich angefochten haben.

Als ich vorhin Exzentrik sagte, hätte ich auch Nonkonformismus sagen können, gepaart mit dem Mut, dem Grauen des Jahrhunderts ins Gesicht zu blicken und Irrtümer durch eine veränderte Praxis einzugestehen, dabei immer auf der Seite avanciertester Positionen, der von Joyce, Pound und Éluard etwa, deren Texte er früh in seinen Zeitschriften publizierte. Insofern ist es nicht auszuschließen, hätte es ihm womöglich gefallen, dass ausgerechnet Godard sein Haus als Hintergrund für einen Film wählte, in dem es unter anderem darum geht, wie man seine künstlerische Integrität bewahrt unter den Gesetzen kapitalistischer Verwertungslogik, das heißt, unter dem einzigen Gesetz, das sie kennt: Aus Geld mach mehr Geld. Wozu man die Kunst, die Filme und Bücher derartig aufzubereiten hat, dass ein – notorisch unterschätztes - Publikum auch dann an ihnen Gefallen finden könnte, wenn man sie für zu hart, zu streng, zu traurig hält. So verlangte Carlo Ponti, der Produzent der Verachtung, vom Regisseur Godard nachträglich ein paar Nacktaufnahmen von Brigitte Bardot zu drehen, weil er befürchtete, dass es ohne schwierig werden würde an der Kinokasse – damit hatte er einerseits recht, andererseits verkannte er völlig, was mit seinem Kapital da hergestellt worden war, einer der größten Filme der letzten fünfzig Jahre.

Über fehlende Aufmerksamkeit brauchte Malaparte sich nie zu beklagen, er erregte Anstoß und provozierte, weniger aus Selbstzweck, wie klar sein sollte, oder wie ich zumindest glaube, sondern um den Kern einer Sache, eines Vorgangs, eines Phänomens offenzulegen. Wobei er in La Pelle, der Haut, wie in seinen anderen Büchern über den Krieg und die Folgen des Krieges, vor keinem Detail des Ungeheuerlichen zurückschreckte, es vielmehr ausbreitete bis an den Punkt, wo man nicht weiterlesen will; das wurde als skandalös empfunden, nicht allein vom Vatikan und der Neapolitaner Stadtverwaltung. So skandalös wie schon der eigentlich harmlose Titel des Buches, Die Haut, hinter dem sich Malapartes Überzeugung, die letzten Endes defätistische Überzeugung verbirgt, dass das Vaterland des Menschen seine Haut sei, die einzige Grenze, die er hat und die er nicht überschreiten kann. „Unser wahres Vaterland“, schreibt er anlässlich der Beerdigung eines brutal zu Tode Gekommenen, „unser wahres Vaterland ist unsere Haut.“ Was eben bedeutet, sich von Fahnen, die irgendwer schwenkt, nicht Dienstverpflichten zu lassen, und schon gar nicht, hinter ihnen herzurennen.

Warum mich die Lektüre Malapartes, besonders von La Pelle, so eingenommen hat, neben dem literarischen Reichtum und der Überdrehtheit dieses Textes, hat aber, wie ich zu Anfang sagte, noch andere Gründe, und noch andere als die, ich bereits nannte: Im Januar war ich zum ersten Mal seit fünfzehn Jahren wieder in Neapel, und vor knapp einem Monat, während ich den Roman las, habe ich nach mehr als zwei Jahrzehnten einen alten Freund aus Neapel wieder getroffen, Arturo, dem ich viel verdanke und der mich in die Stadt – sozusagen - eingeführt hat. Eine Postkarte aus dem Nichts, aus Chiapas in Mexiko, wo er sich gerade - wer weiß warum - aufhielt: Ich komme Mitte August mal nach Berlin, bist du da?

Jemandem, dem man sehr verbunden war, nach so langer Zeit wieder zu begegnen, ist ja oft eine etwas zwiespältige Sache, man freut sich, und befürchtet zugleich, dass man den anderen nicht mehr erkennt, weil die Jahre ihre Spuren hinterlassen haben, manchmal Spuren der Verwüstung, die einen recht unerfreulich auf das eigene, auch schon fortgeschrittenere Alter verweisen, aber … so war es bei ihm Gottseidank nicht, derselbe wie früher, zwar etwas kräftiger geworden - was ich sagen darf, weil er es selbst sagte - und angegraut mittlerweile, wie ich, doch sonst unverändert, ein mitreißend quecksilbriger - mir fällt kein besseres Wort ein - taugenichtsig lebendiger Teil meiner Vergangenheit, der immensen Faszination, die die Stadt vom ersten Moment an auf mich ausgeübt hat. Eine Faszination, die sich im Januar sofort wieder einstellte, wie auch bei der Lektüre Malapartes im letzten Monat - warum ich so lange nicht dort war, ist eine andere Geschichte – sich wieder einstellte als eine Folge von Sehnsuchtsanfällen, die durch einen Straßennamen ausgelöst wurden, dieses und jenes Gebäude, das in Die Haut erwähnt wird, durch Malapartes emphatische Beschreibungen des Volkes von Neapel – vielleicht der einzige Ort Europas, wo der Begriff heute noch zu verwenden ist -, seiner Leidenschaften, seiner Sprunghaftigkeit, seiner Wärme und Theatralik.

In den ersten Tagen, die ich in Neapel war, im Februar 1982 - überall sah man noch die Spuren des schweren Erdbebens, das anderthalb Jahre zuvor die Region erschüttert hatte, viele Häuser wurden von Gerüsten gestützt: eines Morgens kam Arturo aufgeregt in mein Zimmer und rief: Terremoto, terremoto, aber es waren nur zwei kleinere Erdstöße gewesen, die ich im Halbschlaf kaum wahrgenommen hatte, so ein merkwürdiges Wackeln des Bettes – in diesen ersten Tagen, wie auch später immer wieder, erlebte ich Szenen auf der Straße, im Bus, mit den Freunden und Bekannten in Bars, vor Bars, auf nächtlichen Plätzen, die bei mir den unwiderstehlichen Impuls auslösten, sie zu notieren, so einzigartig erschienen sie mir, so unvergleichlich, und - so fremd auch. Zum Beispiel dieses Minidrama am Stand eines ambulanten Fischhändlers, der mit einer älteren Kundin über die Frische seiner Muscheln in Streit geraten war und wie ein Schauspieler an der Rampe irgendwann anfing, der sich um sie herum versammelnden Menge einen gestenreichen Vortrag über: erstens die Qualität seiner Produkte, und zweitens: die Härte seines Lebens zu halten, was am Ende dazu führte, dass sich die beiden, Händler und Kundin, unter dem Applaus der Leute umarmten.

Der Roman, mein erster, den ich damals anfing zu schreiben, hatte zwar mit Neapel nichts zu tun, er spielte in Berlin, aber die Eindrücke dieses Neapel schoben sich immer wieder über die Arbeit, das Leben überhaupt, so dass ich erst ein Jahr später an dem Buch weitergearbeitet habe, wirklich ernsthaft und bis zum Schlusspunkt. Jedoch immer mit dem Gedanken im Hinterkopf, die Stadt einmal auftauchen zu lassen, etwas von dem, was mir dort widerfahren war, oder von dem ich gehört hatte, zu erzählen. Wozu man sich eine Handlung ausdenken muss, die das möglich macht, am besten noch poetologisch sinnvoll begründet – was ich jetzt nicht weiter ausführe – an der richtigen Stelle im Buch und in einem stimmigen Ton. Ob’s mir gelungen ist, müssen andere entscheiden, hier ist eine Passage, in der ich es versucht habe, aus der Erzählung Bryant Park:

„Der kleine Kellner aus der Bar Aegidius an der Piazza Amendola, der eine viel zu große weiße Jacke mit umgeschlagenen Ärmeln trug, beziehungsweise kein Kellner, sondern eine Art Laufbursche, der auf einem Blechtablett Plastikbecher mit Café über die Straße in umliegende Büros und Ladengeschäfte brachte, leere Flaschen und Gläser einsammelte, die draußen trinkende Gäste auf einem der mehrspurig die Fahrbahn zuparkenden Autos, einem Fenstersims oder dem Bürgersteig abgestellt hatten, machte irgendwann einmal vor mir Halt – ein kaum zehnjähriger Junge – und musterte mich eindringlich, als überprüfe er einen Gedanken, der ihm schon seit einiger Zeit durch den Kopf ging, um dann etwas für mich Unverständliches zu sagen, das bei Edoardo und den anderen Schmunzeln hervorrief, lautes Gelächter, als er nämlich auf die Nachfrage Fillipos hin im treuherzigen Ton eines Kindes wiederholte, ich sähe aus wie Graf Dracula, müsse es selber sein oder sein Zwillingsbruder (übersetzte man mir glucksend), und er habe Angst, wirkliche Angst, ich würde ihm sein Blut rauben. Edoardos pädagogisch-geografische Erläuterung, Dracula käme aus Rumänien, fern im Osten, ich aber aus Germania – verstehst du Kleiner, ein ganz anderes Land -, schien ihm nicht einzuleuchten, denn fortan schlug er einen weiten Bogen um mich und die Gruppe, die neben dem Eingang stand, Agnése noch, eine der beiden Schwestern Edoardos, besagter Fillipo, ein arbeitsloser Architekt, und natürlich der vollgeschossene Dario und seine französische Freundin Marina, die unter einem schamlos kurzen und engen Kleid schwarze Strumpfhosen voller Laufmaschen trug.

Die Bar Aegidius hatten wir in der Stadt zuerst angesteuert, das heißt Edoardo, der den Wagen zielsicher durch das Gewühl überfüllter Straßen lenkte, eine nachmittägliche Konfusion von Maschinen und Menschen und blinkenden Zeichen, die auf keiner Ebene eine Möglichkeit der Verständigung, eines rationalen Austauschs zu finden schienen, sondern in jedem Augenblick jede Situation neuerlich klären mussten, hupend und fluchend und schimpfend und drohend und schreiend in einer Form geschmeidiger Rücksichtslosigkeit, die fast schon bewundernd (wenn auch Obszönitäten ausstoßend) hinnahm, dass jemand anders cleverer gewesen war, sich in eine Lücke gedrängt, einen selbst aus der Spur geworfen hatte

(versuch mal, in Neapel eine breite Straße zu überqueren, das von Abgasen umnebelte Tunnelloch der Galleria della Vittoria, entweder wartest du bis ans Grab oder du marschierst erhobenen Armes einfach drauf los in den dröhnende Verkehr, um das praktisch unbegreifliche zu erleben: die halten tatsächlich an, lassen dich auf beiden Seiten der mittleren Betonbarriere passieren, als gingst du schlafwandelnd durch die sich teilenden Fluten des Roten Meeres – und das ist mehr oder weniger eine Autobahn da -, erreichst das jenseitige Ufer ohne Schrammen oder weiteren Schrecken).

Nach ein paar Bieren, deren Wirkung die im Lauf des Tages geschluckten Tabletten neutralisierten, brachen Edoardo und ich wieder auf, eine Kassette der Beasty Boys im Rekorder, am glitzernden Meer entlang Richtung Posillipo.“



Der Hügel von Posillipo liegt genau am anderen Ende der Bucht, genau gegenüber von Capri und dem Vesuv, im Halbkreis dazwischen die Stadt und der Hafen mit den Fähren und den Schnellbooten der contrabbandiere, die die unverzollten Zigaretten auf hoher See laden und sie zu Zwischenhändlern wie dem alten Gennaro bringen, der sie nachts - das war 1984 - in einem Körbchen aus seiner Wohnung herunterließ, nachdem man hoch gerufen hatte, welche Marke man will und die entsprechende Geldsumme in das Körbchen legte - was noch so eine Geschichte aus Neapel ist, wahrscheinlich nur dort beheimatet sein kann, und ein anderes Mal in allen Einzelheiten erzählt werden muss – weil - ich für heute ans Ende komme, unweigerlich, wobei ich mich frage, warum ich von der Feststellung aus: „Eines der schönsten Häuser der Welt ist die Villa Curzio Malapartes auf Capri“ schließlich beim Zigarettenschmuggel gelandet bin. Ob’s was mit dem Satz Malapartes: „Neapel ist die Zukunft Europas“ zu tun hat? Und Zukunft und Schmuggel sich in meinem Unbewussten irgendwie vermengen - keine Ahnung.

Da ich aber, wie ich zu Anfang sagte, an Zufälle immer weniger glaube, wird es schon seine innere Richtigkeit haben. Zumal, das ist jetzt mein Eindruck, die Dinge zur Sprache gekommen sind, die mich nicht nur im Augenblick, sondern grundsätzlich interessieren. Moral. Das Verhältnis von Kunst und Geld, der Umgang mit Macht. Freundschaft. Schönheit. Integrität. Mäandernd, wie die Erinnerung und das Denken nun einmal funktionieren, wenn man sie zu nichts zwingt. Wenn man Nebenwege zulässt, die einen an unerwartete Orte führen. Wie die sich schier endlos verzweigenden Gassen in Neapel, jenem Prototyp von Stadt, in dem man sich - wie es zu sein hat - zuerst verlieren muss, um sich verändert wiederzufinden. Glücklicher.



Meine Hoffnung ist, liebe Bergen-Enkheimer, dass Sie durch das, was ich gerade gesagt habe, ihren neuen Stadtschreiber ein wenig besser kennen lernen konnten, über das hinaus, was sonst noch in seinen Büchern steht. Vor allem Ihnen, aber natürlich auch der Jury, die mich in ihrem Auftrag ausgewählt hat, möchte ich ganz herzlich danken für die Ehre dieses Preises, das Privileg der mietfreien Wohnung und die üppige Donation, die auch noch dazu gehört – als eine Einzigartigkeit, die heute abend gefeiert werden sollte, vielen Dank.

(c) Ulrich Peltzer