Logo FRANKFURT.de

17.01.2014

Antrittsrede: Angelika Klüssendorf

Liebe, verehrte Stadtschreiberfestgäste,

So vertraut mir mein Schreiben ist, so unvertraut ist es mir eine Rede zu halten; doch ich vermute dass sich schon etliche Preisträger vor mir mit der Wahl der Dankesworte abgemüht haben.
Und darüber möchte ich gern sprechen: über das Danken. Das Danken fällt mir schwer, seit meiner Kindheit schon. Die Vorfreude auf Geburtstage und Weihnachtsfeste war bei mir schon immer getrübt, weil ich das Ritual des Dankes vor Augen hatte. Ich sehe mich als Kind Geschenke entgegennehmen, mit der Überzeugung, dieser Geschenke nicht würdig zu sein.

Nun, zumindest das hat sich geändert: ich möchte mich für diesen Preis bedanken, insbesondere bei der Jury und allen anderen, die darüber hinaus an seiner Ausrichtung und Organisation beteiligt waren. Dann möchte ich Adrienne, Nadine und Jutta dafür danken, dass sie an mich glauben. Und an mich zu glauben ist nicht gerade einfach. Wochen - monatelang melde ich mich nicht, bin abgetaucht, und wenn ich zurück komme, erkennen sie mich manchmal kaum wieder. Und für Nadine hier an dieser Stelle einen extra Dank für ihren überaus genauen Blick.

Wussten sie, dass Eskimos zum Dank, die noch warme Leber der Wale verschenken?

Etymologisch kommt Dank von Denken, also ist Dank „das in denkender Gesinnung sich äußernde Gefühl“.

Nun, wie bedankt sich eine Schriftstellerin für diesen wunderbaren Preis? Über diese Frage zermarterte ich mir den Kopf. Johann Wolfgang Goethe sagte dazu: Leider lässt sich eine wahrhafte Dankbarkeit mit Worten nicht ausdrücken. Nun, ich will es dennoch versuchen.

Wenn ich es so recht bedenke, habe ich es nicht den beeindruckenden Werken von Dumas, Mark Twain, Hemingwey oder Faulkner zu verdanken, dass ich Schriftstellerin geworden bin, sondern meinem Vater. Mein Vater war ein kleiner jähzorniger Mann, der Zeit seines Lebens Künstler werden wollte. Er meterte, so nannte er es selbst, riesige Ölschinken, auf denen die Titanic an ihrem Eisberg zerschellte. Dreimaster, die auf Gewitter umwölkten Wellen tanzten; er zeichnete mit zartem Strich nackte Frauen mit rotem Haar, er entwarf Reserviertschilder für Gaststätten. Die Arbeit an den Schildern nahm er besonders ernst, weil er dafür Geld bekam. Manchmal durfte ich meinen Vater abends in eine dieser verräucherten Kneipen begleiten. Ich war vielleicht zehn oder elf, er bestellte eine Limo und eine Bockwurst für mich, für sich einen Schnaps, und vor uns das Reserviertschildchen, von ihm entworfen und gezeichnet. Ich erinnere mich noch genau an die schwungvolle schwarz getuschte Schrift, die mir vollkommen erschien: Reserviert. Nur für uns. Durch dieses Kärtchen empfand ich zum ersten Mal das Gefühl etwas Besonderes zu sein. Herausgehoben aus der Enge befand ich mich an einem kleinen exklusiven Plätzchen. Mein Vater unterhielt sich mit den anderen Männern, auch wenn ihre Unterhaltung meistens nur aus kurzen Zurufen bestand: Prost, oder: weg damit! Oder: ein gutes Jahr für Korn! Manchmal malten die Männer auf Bierdeckel Segelschiffe für mich, fliegende Fische, Autos, Ungeheuer – doch da sah ich ganz deutlich den Unterschied zwischen ihnen und meinem Vater - mein Vater konnte wirklich zeichnen!

Ab und an durfte ich ihn auch in eine bessere Kneipe begleiten, in die sogenannte Speisegaststätte, und dort gab nicht nur Bockwurst. Es gab es außer einem Braten mit Rotkohl und Kartoffeln auch die eine oder andere Frau, die meinen Vater schon aufgeregt erwartete. Und stets wollten sie etwas von ihm. Die eine wollte das Geld zurückhaben, die anderen ihren Ring, die Perlenkette, die nächste den Pelz. Mein Vater hörte ihnen ruhig zu, und dann sah er sie an, als hätten seine Augen zuviel Sonne abbekommen. Er sei hier auf Motivsuche für seine Zeichnungen, sagte er, und just die Frau, die ihn ansprach, käme für sein Motiv geradewegs in Frage. Motivsuche, schnaubte die eine verärgert, die andere lächelte wider besseren Wissens, und war schon bereit, sich ein zweites Mal von meinem Vater hereinlegen zu lassen. Erst sehr viel später begriff ich, dass er eine Art Heiratsschwindler war. Und ich versuchte, mir vorzustellen, worin sein Überzeugungskraft gelegen haben mochte. Denn soweit ich mich erinnere, waren die Frauen nicht etwa hässlich oder abgehalftert, sie waren hübsch, durchweg nicht blöd, und doch glaubten sie seine Sprüche, er würde mit ihnen nach Budapest fliegen, sie zum Segeln mitnehmen, oder sie berühmt machen, auf eine seiner Zeichnungen.

Wenn eine gar nicht locker ließ, und ihr Eigentum unmissverständlich wieder einforderte, versuchte er es mit Geschichten, und wenn es mit den Geschichten nicht klappte, sagte er: Welche Perlenkette, von was redest du? Ich kann dir eine kaufen, wenn du willst. In seinem Gesicht ein fast kindlicher Übermut, als würde er sich selbst bewundern für seine Frechheit.Wenn gar nichts mehr ging, sagte er: Ich war schon überall, mal oben, dann wieder unten, ich war einer der Sterne, die ich dir vom Himmel holen kann – wenn du willst. Kühlte sich die Stimmung aber ganz und gar ab, trat mein Vater den Rückzug an. Er schnipste mit den Fingern, verbeugte sich kurz, als wäre alles in Ordnung, und sagte adiö, die Dame. Da ist nichts mehr zu retten, sagte mein Vater auf der Straße zu mir, und nach diesem Satz, mieden wir für eine Weile das Lokal. Einmal schickte er mich zum Bierholen, und während ich vor dem Tresen wartete, sprach mich eine Frau an, eine Bohnenstange mit einer Stupsnase und funkelnden Augen, und einem himmelblauen Fransentuch um die Schultern. Sie wolle meinen Vater wiedersehen, unter allen Umständen. Sie bestellte mir eine Limo, das war schon mal gut, und ich hörte mir an, was sie zu sagen hatte. Ich betrachtete sie genauer, das heißt, ich betrachtete ihr Fransentuch, und als ich später ging, hielt ich es in der Hand, sie hatte mir das himmelblaue Fransentuch geschenkt und ich ihr das Versprechen, eine Begegnung mit meinem Vater zu arrangieren.

Ich danke meinem Vater für seine Geschichten, ich danke Torsten, dass er so ist, wie er ist, ich danke meinem Verlag, indem ich mich sehr aufgehoben fühle, meinem Verleger Helge Malchow, meinem Lektor Olaf Petersenn.

Ich danke Wolfgang Koeppen, dem ersten Stadtschreiber in Bergen Enkheim, nicht nur für seine Bücher, sondern auch für seine Lottozahlen, die ich zweimal in der Woche spiele, und die mir kürzlich drei Richtige einbrachten.
Wussten sie, das Frauen in der Regel 44 Worte mehr als Männer in ihre Dankesreden gebrauchen? In diesem Sinne wünsche ich ihnen eine schönen Abend.