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17.01.2014

Abschiedsrede: Marcel Beyer

Formlose Anfrage an die Heimatschutzbehörde

Abschiedsrede des Stadtschreibers von Bergen-Enkheim am 30. August 2013

Dear Mister President of the United States – oder darf ich, so vertraut wie wir einander sind, wie zumindest ich Ihnen sein dürfte, sagen:

Lieber POTUS!

Hiermit möchte ich mir erlauben, mich mit einem ganz persönlichen Anliegen an Sie zu wenden. Die Zeit hat mitunter die Angewohnheit, sich unvermittelt in einem einzigen Punkt zusammenzuziehen, so daß wir – ich bin mir sicher, Sie kennen diese Erfahrung ebenso wie ich – so daß wir also den Eindruck gewinnen, ein ganzes Jahr habe sich an einem einzigen Tag abgespielt, obwohl wir im selben Moment meinen, dieses eine bestehe näher betrachtet aus mindestens zehn Jahren. Genau in einer solchen Verfassung befinde ich mich heute, am 25. August 2013.

Erinnerung aber braucht Struktur, und da dachte ich, es wäre Ihnen, verehrter POTUS, vielleicht möglich, mir aus den unermeßlich großen, vorzüglich gepflegten und auf die Sekunde genau datierten Archivbeständen Ihrer National Security Agency in Crypto City in Maryland einige hilfreiche Angaben zum 39. Stadtschreiber von Bergen zusammenzustellen und zukommen zu lassen. Wo war er wann? Was hat er gesehen, gegessen, gedacht, geschrieben? Natürlich nur, sofern es keine größere Mühe bereitet.

In Erwartung Ihrer hoffentlich positiven Antwort verbleibe ich mit vorzüglicher Hochachtung etc. pp.


Hi Marcel –

schön, mal wieder persönlich von Dir zu hören!

Anbei sende ich Dir, was ich meinen Leuten bei der NSA an Material zum 39. Stadtschreiber seit dem 31. August 2012 entlocken konnte. Sie sind nicht nur wahnsinnig beschäftigt, sie hüten jedes in akribischer Kleinarbeit gesammelte Detail mit wilder Eifersucht. Sobald ich etwas von ihnen will, heißt es nur: »Hilfe, wir ertrinken in Arbeit!« Wäre ich nicht selbst oberster Dienstherr dieser Behörde, würde ich auf eine schwere Paranoia tippen. Aber das bleibt bitte unter uns.

Du wirst Verständnis dafür aufbringen, daß wir keine Auskünfte unter Angabe von Klarnamen herausgeben können – allerdings weißt du ja so gut wie ich, um wen es in diesem Fall geht.

Es erübrigt sich, dir von meiner Seite aus zu raten: Geh vorsichtig mit den folgenden Daten um, speise sie insbesondere nicht in elektronische Kommunikationssysteme ein und plaudere unter keinen Umständen in der Öffentlichkeit darüber.

Hier also, was unsere Serverfarm in Crypto City zu bieten hat:

Am 26. Januar 2013 besuchte der 39. Stadtschreiber das Kino »Harmonie« in Sachsenhausen, um den Film Django Unchained in Originalfassung zu sehen. In den folgenden Tagen schaute er im S.-Haus die dritte und die vierte Staffel der Fernsehserie Breaking Bad. Folglich ist von ausreichenden Englischkenntnissen des S. auszugehen.

Am 30. Juni 2013 studierte der S. in Bischofsheim bei schönstem Sonnenschein ausgiebig die – zugegeben: jämmerliche – Auslage des kleinen Waffenladens vor der Autobahnauffahrt.

Bitte klären: Wie passen Auskunft 1 und Auskunft 2 zusammen? Und wie verhalten sich Auskunft 1 und Auskunft 2 zu der Beobachtung, daß der S. am selben Sommertag lange in Betrachtung einer Sauerkrautfabrik verweilte? Bitte klären: Bedeutung der Sauerkraut-, Gurken- und Konservenfabrik Heinrich Sagerer für die Gastronomie in Bergen-Enkheim im Allgemeinen sowie für die Ernährung des S. im Besonderen.

Von koreanischen Gästen eines Restaurants an der Kennedy-Allee soll der S. einmal dabei gesehen worden sein, wie er Bulgogi gegessen hat. Der S. hat einmal am Schloß Rumpenheim ein Kännchen Kaffee und dem Vernehmen nach einmal in Offenbach einen Becher Orangensaft getrunken. Die Angaben aus der »Alten Post« fallen unter Big Data und sind daher bislang erst in den Kategorien »heißer Apfelwein«, »Berger Handkäsbrot«, »Grüne Soße« und »Tafelspitz in Kernöl« systematisch erfaßt.

In der »Alten Post« hat der S. darüber hinaus ein ihm bis dahin unbekanntes Wort gelernt: Kuraz. Nach unseren bisherigen Erkenntnissen handelt es sich dabei nicht um ein geheimnisumwobenes Gewürz der slowenischen Küche.

Erstmals im September 2012 hat der S. am Berger Hang keine Steinkäuze gesehen, weil er zu diesem Zeitpunkt von Steinkäuzen am Berger Hang noch nichts wußte.

Der S. hat den Zoologischen Garten und das Senckenbergmuseum besucht. Der S. wurde im Café an der Kleinmarkthalle gesehen. Der S. war im Hessencenter – genau ein Besuch ist hier belegt. Unbestätigten Berichten zufolge soll er dort in einem sich über mehrere Quadratkilometer erstreckenden Supermarkt an der Infotheke abgegeben worden sein.

Im März 2013 hat der S. am Berger Hang keine Steinkäuze gesehen, weil Steinkäuze vermutlich bei dichtem Schneefall ihre Höhlen nur ungern verlassen. Die Vorstellung allerdings, irgendwann im weiteren Verlauf des Jahres würden hier bei Nacht junge Steinkäuze über die Wiese hüpfen, um Insekten aufzuspüren, machte ihn neugierig.

Wiederholte Versuche, einen Tagesausflug in den Taunus zu unternehmen, haben den S. seit dem Frühjahr regelmäßig ins Eiscafé »Cristallo« geführt.

Gewöhnlich ist der S. tagsüber in imaginäre Welten eingetaucht. Er hat in Bergen-Enkheim über schreibende, malende und photographierende Affen, über Karl May und Asta Nielsen, über Christian Wulff und Veronica Ferres, über Michael Ballack und Rosemarie Trockel, über Alexander Kluge sowie über den Ersten Weltkrieg geschrieben. Schauplätze waren unter anderem New York, Nanjing, Sankt Petersburg, Berlin, Dresden und das Oktoberfest in München.

Nachdem der S. tagsüber Geschichten erfunden oder wirkliche Geschichten in erfundene verwandelt hatte, verließ er meist am Abend das S.-Haus, um sich wirkliche und erfundene Geschichten anzuhören. So bestieg er den Triglav, besuchte ein Dorf an der kroatischen Adriaküste, fuhr durch Bukarest. So besuchte er in der Imagination Wolfgang Koeppen in seiner Münchner Wohnung, besichtigte ein großes Frankfurter Aktenvernichtungsunternehmen, sämtliche Filialen der Firma Yves Saint Laurent in der uns bekannten Welt und sah einer handzahmen Krähe dabei zu, wie sie einer sich mit freiem Oberkörper sonnenden Dame aus der Frankfurter Gesellschaft mit dem Schnabel in die – prüde, wie Heimatschutzbehörden nun einmal sind, wurde der Schluß dieses Satzes leider geschwärzt.

Im Juni dann hat niemand beobachtet, wie der S. am Berger Hang keine jungen Steinkäuze beim Aufspüren von Insekten über die Wiese hüpfen sah. Es herrschte tiefschwarze Nacht.

Tiefschwarze Nacht herrschte nach Ansicht des S. auch an jenem Morgen, als er unter dem Schlafzimmerfenster Kinder tuscheln hörte. Als die Sonne über dem S.-Haus stand, entdeckte er an der Fassade drei in hastiger Grundschülerschrift in den Putz gekratzte Buchstaben, die bisher offenbar weder der NSA noch dem Liegenschaftsamt ins Auge gefallen sind: S, E, X.

Anfang August hat der S. am Berger Hang zum letzten Mal keine jungen Steinkäuze über die Wiese hüpfen sehen. Das Gras war zu hoch gewachsen, als daß ein womöglich Insekten aufspürender junger Steinkauz trotz größter Hüpfanstrengung mit seinem zierlichen Kopf über die Ähren hätte hinwegreichen können.

Statt dessen hat sich der S. daran erfreut, daß eines frühen Abends der Nachwuchs des Berger Turmfalkenpaares auf dem Nachbarschornstein des S.-Hauses landete und den S. unten im Hof eine Weile betrachtete.

Nur noch vom Erzählen schließlich kennt der S. die Zeiten, als – stets ab Mitte August – aus sämtlichen Jukeboxen der Bergen-Enkheimer Gastwirtschaften das Abschiedslied »Stadtschreiber, jetzt wirst du komisch« erklang und die Luft über der Marktstraße mit Melancholie erfüllte (Musik: Karl Götz, Text: Conrad Weil).

Anmerkung: Hier irrt die NSA. Auch wenn man es mühelos auf die Melodien der von Karl Götz komponierten »Tanze mit mir in den Morgen« oder »Seemann, wo ist deine Heimat« singen könnte, stammen Text und Komposition des Liedes »Stadtschreiber, jetzt wirst du komisch« natürlich von Dragica Laschitsch.

Resümee: Charakterlich ist der S. nicht leicht einzuschätzen. Mal ließ er die Rolläden am S.-Haus nachts offen, mal tagsüber herunter. Mal war er präsent, mal war er unsichtbar. Bei der Premiere des Schelmenspiels fehlte er unentschuldigt, bei der Derniere saß er plötzlich unangekündigt in der dritten Reihe. Mal zeigte er sich, wie bei der Blaulicht-Party der Freiwilligen Feuerwehr Enkheim, äußerst mundfaul, dann wieder redete er – zudem noch in der Öffentlichkeit – bis zu sechzig Minuten am Stück ohne Punkt und Komma. Manche seiner Äußerungen blieben kryptisch. Ihn soll das alles nicht weiter gekümmert haben, woraus zu schließen ist, daß er sich in Bergen-Enkheim nicht nur außerordentlich wohl gefühlt, sondern seinen Aufenthalt als Eintauchen in eine Parallelwelt aufgefaßt hat, deren Gesetzmäßigkeiten jedem Außenstehenden verborgen bleiben müssen.

P. S.: Bitte wundere dich nicht darüber, daß du dieses Schreiben nicht von der National Security Agency in Crypto City in Maryland erhältst, sondern aus dem Dagger Complex an der Eberstädter Straße in Darmstadt. Ich liebe einfach kurze Wege.

P. P. S.: Bitte wundere dich ebenso wenig, daß ich Dir bereits heute, am Samstag, dem 24. August antworte, obwohl du deine Anfrage erst morgen, am Sonntag, dem 25. August formulieren wirst. Der Sonntag gehört nun mal der Familie, und Deine Fragen kannte ich ja bereits.

P. P. P. S.: Grüße mir bitte die Bergen-Enkheimer herzlich. Ich verfolge ihr Tun seit vielen Jahren, und ich muß sagen, sie sind mir ans Herz gewachsen. Ich bewundere ihre Intelligenz, ich bewundere ihre Offenheit. Auch wir hier arbeiten unermüdlich daran, unsere Intelligence zu stärken, und offene Menschen sind mir immer eine große Freude. Darum tut es mir leid, am Stadtschreiberfest nicht persönlich teilnehmen zu können. Seid Euch aber gewiß, ich werde in Gedanken – ich korrigiere: ich werde in den Daten bei Euch sein.

Dein alter, Tag und Nacht über dich wachender

POTUS

alias President of the United States

(c) Marcel Beyer