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27.05.2013

Antrittsrede: Marcel Beyer

Wattestäbchen

Am besten, liebe Stadtschreiberfestgäste, am besten lernt man einen Menschen, ganz gleich, ob er nun Schriftsteller ist oder nicht, kennen, indem man ihm beim Kofferpacken zuschaut.

Oder beim Kofferauspacken, sobald er das Ziel seiner Reise erreicht hat. Denn dann beginnt er, und so geht es sicherlich auch manchem unter Ihnen, nach etwas zu suchen, von dem der Reisende überzeugt ist, er habe es eingepackt, um wenig später – der Kofferinhalt liegt über Tisch und Bett verstreut – zu begreifen, er hat diesen Gegenstand vergessen. Und schlagartig ist die Erinnerung wieder da: Genau dieses Reiseutensil hat noch jedesmal im Koffer gefehlt, wenn er sich auf den Weg an einen fremden Ort machte, an dem er mehr als ein paar Nächte verbringen wollte.

Was fehlt als erstes? Beim einen ist es vielleicht die Haarbürste, bei einem anderen die Zahnseide, beim dritten sind es die Kuschelsocken. Ich will Ihnen verraten, was ich in meinem Gepäck vermisse, wann immer ich eine längere Reise unternehme: Es sind die Wattestäbchen.

Ich habe es in Leuk im Wallis erlebt, in New York, in Rom: Ich denke an die Zahnbürste, an Zahncreme, ans Rasierzeug, an Kopfschmerztabletten und Heftpflaster, ich denke sogar ans Dinkelkissen und ans Schuhputzzeug. Dann will ich mir am ersten Morgen nach dem Duschen nur rasch die Ohren putzen, bevor der Schreib- oder Erkundungstag beginnt, ich wühle in der Toilettentasche, greife in jedes der unzähligen, völlig widersinnigen, aberwitzig kleinen, mit Reiß- oder Klettverschluß versehenen Abteile im Koffer oder am Rucksack, aber es gibt keine Wattestäbchen.

Also mache ich mich – in den Ohren gurgelt ein Ozean: ich hätte ein wenig zivilisierter duschen sollen – auf den Weg ins nächste Rossmann oder Duane Reade oder Casa & Co. Ich weiß, schon ehe ich die Drogerie betreten habe: Unerklärlicherweise wird die Packung zu zweihundert Wattestäbchen wieder nur einen Bruchteil der Packung zu zwanzig Wattestäbchen kosten, und ich weiß ebenso, daß ich dem Zweihundert-Wattestäbchen-Preisvorteil erneut erliegen werde, obwohl ich, kaum angekommen, damit zugleich auch schon ein erstes Abschiedsbild vor Augen habe: Am fernen Morgen der Abreise sehe ich mich noch einmal durch die Zimmer gehen und prüfen, ob ich auch tatsächlich alles eingepackt habe. Im Bad fällt mein Blick, wie jedesmal, auf eine transparente Plastikbox mit einhundertdreiundneunzig, einhundertachtundachtzig oder vielleicht auch nur einhunderteinundsiebzig Wattestäbchen, weiß und rein wie an jenem mittlerweile so weit zurückliegenden Tag nach der Ankunft, als mir beim Duschen zum erstenmal Wasser in die Ohren lief.

Ich reise ab – und habe keine Ahnung, ob die nachfolgenden Gäste die restlichen Wattestäbchen aufbrauchen werden. Jedenfalls kann ich mich nicht daran erinnern, meinerseits schon einmal eine angebrochene Schachtel vorgefunden zu haben, als ich ein vorübergehendes Quartier bezog. Auch scheue ich mich, am Abreisetag bei den Nachbarn zu klingeln und ihnen die Wattestäbchen anzubieten – das wäre merkwürdig, wäre ein bißchen so, als wollte man eine zur Hälfte leergedrückte Tube Zahncreme verschenken.

Vielleicht will man dem künftigen Bewohner einer Bleibe weder Wattestäbchen noch Blasenpflaster zurücklassen, weil sie eine sonderbare Verwandlung durchlaufen haben. Im Drogeriemarkt oder im Kaufhaus sehe ich sie, sieht jedermann sie hundertfach vor aller Augen ausgebreitet, doch sobald sie in meinen Besitz gelangt und in meinem Koffer verstaut – oder eben im Gepäck vergessen – sind, handelt es sich bei ihnen um intime, nur mir gehörende Dinge, die niemanden sonst etwas angehen, oder: die man keinem Unbekannten zumuten kann.

Sie sagen etwas über mich. Auch wenn ich Ihnen jetzt nicht erklären könnte, was sie sagen. Die Dinge, scheint es, sprechen ihre eigene Sprache.

Nun könnten Sie einwenden, einen Menschen lerne man nicht am besten kennen, indem man seinen Kofferinhalt betrachtet, sondern indem man sein DNA-Profil analysiert, der Mensch sei eine Ansammlung von biologischen Daten, und erst aus diesen heraus ergebe sich sein Verhalten – etwa beim Kofferpacken.

Und Sie könnten fragen, warum der zukünftige Stadtschreiber sich nur so lange – nämlich bereits vier Minuten, wenn nicht länger – mit Wattestäbchen aufhält.

Könnte er nicht, damit Sie wenigstens ihn ein wenig kennenlernen, von seiner Arbeit sprechen, über literarische Fragen, über den Schreibprozeß, der sich bei jedem Autor so verschieden gestaltet, wie im Gegenteil alle Wattestäbchen dieser Welt – oder zumindest einer Großpackung – eines dem anderen bis aufs letzte Baumwollhärchen gleichen?

Aber genau damit habe ich begonnen: Über das Schreiben und über den Prozeß zu sprechen, an dessen Ende ein Text entstanden ist, indem ich hier von Wattestäbchen spreche, von einem alltäglichen Detail, das – wie die Sprache im Alltag – kaum der Beachtung wert scheint, das sich aber – wie das Wort in der Literatur – zu einem merkwürdigen, geheimnisvollen, vielleicht entscheidenden Moment entwickeln kann, sobald wir in die Welt der Imagination vorstoßen.

Schreiben – das hat für mich viel damit zu tun, mich in Menschen hineinzudenken, seien sie mir nun sympathisch oder nicht. Menschen, über die ich häufig vorderhand gar nichts weiß, Menschen am Nebentisch, Menschen im Zug vielleicht.

Ich bin mir sicher, auch Sie erleben es immer wieder, daß etwa in einem Café am Nebentisch ein Paar sitzt, das Ihre Aufmerksamkeit weckt – und ganz unvermittelt beginnen Sie, ohne daß Sie die Unterhaltung der beiden verfolgen könnten, zu phantasieren, in welchem Verhältnis diese beiden Menschen zueinander stehen, welchen Hintergrund sie haben, auf welchen Weg sie sich machen werden – zusammen oder getrennt –, sobald sie ihren Kaffee ausgetrunken und die Rechnung beglichen haben.

Die merkwürdigsten, die Imagination am stärksten anregenden Erlebnisse solcher Art ergeben sich, wie Sie sich vorstellen können, in fremdsprachiger Umgebung, wo man sich ganz auf den optischen und den klanglichen Eindruck verlassen muß, da man beim besten Willen kein Wort des Gesprächs am Nebentisch verstehen könnte.

Ich erinnere mich da zum Beispiel an einen älteren Herrn und eine jüngere Dame in einem Eck-Café in Paris, das meiner Lebensgefährtin und mir einmal an einem faulen, verregneten Vormittag sofort auffiel – ich verstand nichts, tippte aber sofort auf die Konstellation ›Sugar Daddy und unzufriedene Geliebte‹.

Als die beiden wieder auf die Straße getreten waren, lachte meine Lebensgefährtin, sie war nicht umhin gekommen, Fetzen der Unterhaltung aufzuschnappen, und erklärte mir: Der Mann sei in der schwierigen Lage gewesen, seiner Geliebten einerseits zu erklären, er könne sich wirklich nicht von seiner Gattin scheiden lassen, andererseits aber sei er derzeit leider auch nicht in der Lage, seiner Geliebten zum Trost eine neue Einbauküche zu kaufen.

Ob sie daraufhin die Koffer gepackt oder ihrem Liebhaber seinen Koffer vor die Tür gestellt hat? Das bleibt Ihrer, bleibt unserer Phantasie überlassen.

Schreiben heißt, sich in wirkliche Menschen hineinzudenken, aber auch: in unwirkliche, in erfundene, in überhaupt erst nach und nach in der Imagination entstehende Menschen, in literarische Figuren also.

Ich bin Schriftsteller: Ich schaffe Phantome. Um Phantome handelt es sich bei meinen Figuren selbst dann, wenn ich ihnen Namen realer Personen gebe, wenn ich ihnen Charakterzüge und Verhaltensweisen wirklicher Menschen zuschreibe.

Ich bringe sie – auf dem Papier und in der Phantasie des Lesers – zur Welt, ich lasse sie sterben. Wobei kein wirklich existierender Mensch sterben muß oder in Lebensgefahr gebracht wird, wenn ich schreibe.

An dieser Stelle kommen nun wieder die Wattestäbchen ins Spiel. Und vielleicht ahnen Sie ja längst, auf welche – ganz realen – Wattestäbchen ich es abgesehen habe.

Es sind, zugegeben, nicht die 1923 von dem aus Warschau stammenden Leo Gerstenzang für die Körperpflege erfundenen und im Handel unter der Bezeichnung Q-Tips bekannt gewordenen, heute überhaupt nicht mehr wegzudenkenden Wattestäbchen, sondern solche, mit denen man – einfallsreich ist der Kriminalbeamte – Spuren einsammelt, menschliches Datenmaterial.

Noch genauer: Wattestäbchen offenbar einer einzelnen Charge aus einem Werk im oberfränkischen Tettau-Langenau, wie sie die Polizei seit 1993 über Jahre hinweg verwendete, um DNA-Spuren an Tatorten in Deutschland, in Österreich und in Frankreich zu sichern.

Wattestäbchen, denen wir eine der bizarrsten Kriminalgeschichten der vergangenen Jahre zu verdanken haben. Aber »verdanken« ist hier nicht der richtige Ausdruck – stehen doch diese Wattestäbchen tatsächlich mit einer ganzen Reihe von Morden in Verbindung.

In der weichen, reinlich weißen Spitze eines Wattestäbchens kommen die reale, akute Welt um uns herum und die Welt der Imagination auf tragisch-absurde Weise zusammen.

Sie erinnern sich: Alles beginnt am 25. April 2007 in Heilbronn mit dem Mord an der Polizistin Michèle Kiesewetter. Die Polizei nimmt DNA-Spuren am Tatort, findet dieselben DNA-Spuren in der Folgezeit an weiteren Tatorten, bekommt aber das sogenannte Heilbronner Phantom, oder: die Frau ohne Gesicht, oder: die Unbekannte weibliche Person, »UwP«, wie sie im Polizeijargon hieß, nicht zu fassen. Weder leibhaftig, noch wenigstens in der Phantasie.

Denn die Spuren passen, so sehr man sich auch bemüht, ein kohärentes Bild von einer Person zu entwerfen, einfach nicht zusammen. Mal handelt es sich um eine Profi-Killerin, mal um eine Gelegenheitseinbrecherin, mal hat sie sie ein Auto gestohlen, mal kurz vor Eintreffen der Polizei an einem Tatort eine Dose Cola getrunken, die noch halbleer auf dem Tisch steht.

Man verfolgt Spuren ins »türkische Bandenwesen«, in »Sinti- und Roma-Kreise«, ins Drogenmilieu, ja, man zieht Verbindungen zu »slawisch sprechenden Drogenprostituierten« – mehr Klischees könnte kein Schriftsteller in drei Wörtern unterbringen, wollte er Phantasielosigkeit ins Bild setzen.

Ein Polizist bedauert, daß man sogenannte mobile soziale Gruppen, gemeint sind Roma, »nicht flächendeckend speicheln« könne, um DNA-Spuren zu vergleichen.

Man ist ratlos – und tut sich damit wichtig. Liest man in der »Zeit«, im »Stern«, in Tageszeitungen jener Zeit, stößt man auf grotesk-pathetisch daherkommende Formulierungen über die Unbekannte weibliche Person wie: »Nur daß sie da war, das ist sicher.«

Oder: »Die zwei Männer kennen die große Unbekannte, da sind sich die Ermittler sicher. Die Verhafteten aber schweigen.«

Oder: »Und wieder schweigen die Komplizen des Phantoms eisern.«

Oder: »Wer sie gesehen haben muß, leugnet. Aus Angst vermutlich.«

Nun, Angst war es nicht – die DNA-Spuren stammten von einer tschechischen Mitarbeiterin der Wattestäbchen-Firma, und sie war, soviel ist gewiß, in ihrem Leben weder an einem Mord noch an einem Autodiebstahl beteiligt. Alles, was sie getan hatte, war Baumwollbäusche auf Holzstäbchen zu pfropfen, tagein, tagaus, bis sie in Rente und wieder nach Tschechien ging. Was sie hierzulande hinterließ, waren kleinste, allerkleinste Hautpartikel an Wattestäbchen, die zu entdecken erst eine seit 2001 verfeinerte Technik der DNA-Analyse ermöglichte.

Nach dieser Entdeckung wurde die Suche nach dem Heilbronner Phantom im März 2009 eingestellt – inzwischen hatte man dieselben DNA-Spuren an mehr als vierzig Tatorten aufgenommen, zuletzt an den Fingerkuppen eines Mordopfers, das soeben seinen Verletzungen erlegen war.

Eine tragische Geschichte, weil man nun wieder am Anfang der Ermittlungen stand – vom heimlichen Wüten Rechtsradikaler ahnte man da noch nichts.

Liest man heute rückblickend, welchen Phantasien Kriminalpolizisten und Journalisten im Zusammenhang mit den vom sogenannten Nationalsozialistischen Untergrund verübten Morden gefolgt sind, welchen Spekulationen sie sich hingegeben haben, gewinnt man den Eindruck: Die deutschen Aufklärungs- und Enthüllungsfachkräfte verfügten über eine nur schwach ausgebildete Imaginationskraft, ja, sie bezögen ihr Imagniationsmaterial in erster Linie aus US-amerikanischen Krimis. Von deren Handlung und Aufbau sie, zu allem Übel, kaum die Hälfte verstehen.

Denn der dramaturgische Kniff solcher Filme und Serien besteht doch gerade darin, daß die zu Anfang offensichtliche Spur sich am Ende als die garantiert falsche Spur erweist: Wird der Täter zunächst im Drogen- oder in sonst einem Milieu am Rande der Gesellschaft vermutet, ahnt der kluge, kombinationsfähige, sich von keinem Klischee blenden lassende Ermittler und Zuschauer bald, daß der Täter nicht am Rand, sondern in der Mitte der Gesellschaft zu suchen ist, womöglich – eine typische US-Delikatesse – ganz in seiner Nähe, unter den Kollegen. Der Gesetzesbrecher kommt als Gesetzeshüter verkleidet daher.

Ein einfacher dramaturgischer Kniff, tausendmal angewandt – und trotzdem, scheint es, als Strickmuster, für deutsche Ermittler zumindest, immer noch eine Spur zu kompliziert.

Dabei sind solche US-Serien ja psychologisch nicht eben besonders komplex strukturiert: Am Ende geben sich noch jedesmal Gut und Böse zu erkennen, selbst wenn das Böse eine Zeitlang erfolgreich in Gestalt des Guten in Erscheinung getreten sein mag.

Daß sich am 6. April 2006 in einem Kasseler Internet-Café ein Mitarbeiter des Verfassungsschutzes Pornos anschaut, wenige Minuten, bevor dort ein rassistisch motivierter Mord begangen wird – reiner Zufall und nicht der Rede wert. Daß zwei Kollegen von Michèle Kiesewetter Mitglieder des rassistischen Geheimbundes Ku Klux Klan waren – nichts weiter als ein kleines, dummes Mißverständnis. Die beiden wollten »nette Frauen« kennenlernen – und klar, dafür näht man schon mal gerne alte Bettlaken zusammen und schneidet – etwa mit der Nagelschere, die darum immer im Necessaire fehlt? – Augenlöcher hinein.

Und wer weiß, ob wir zum Beispiel je erfahren hätten, daß man seinen Dienst beim Thüringer Verfassungsschutz durchaus in volltrunkenem Zustand erledigen kann, wenn nicht eines Tages in Eisenach ein Wohnmobil gebrannt hätte, in dem sich die Tatwaffe des Heilbronner Mordes fand.

Natürlich wissen wir alle heute mehr als Polizei und Presse vor dem 4. November 2011. Aber es geht mir beim Andeuten dieser weit verzweigten, haarsträubenden Wattestäbchengeschichte gar nicht darum, mich über Ermittlungspannen zu beklagen. Was mich bestürzt, ist der Mangel an Phantasie, der bei der Ermittlung – und ja vermutlich auch außerhalb der eigentlichen Arbeit – zum Ausdruck kommt. Das Bild vom Menschen – sei er nun Verbrecher oder nicht – entspricht der Typenzeichnung leider nicht im guten, sondern im primitivsten aller möglichen Krimis.

Anhand des Phantoms von Heilbronn und der Folgen läßt sich nachvollziehen, wie sich eine Überfülle an Datenmaterial auf der einen und ein allzu simples Menschenbild auf der anderen Seite aneinander reiben.

Trinkt nicht nur Coca-Cola, sondern tötet auch noch Polizistinnen? Das deutet im Rahmen küchen- und polizeipsychologischer Analysen geradewegs auf »mobile soziale Gruppen« hin, womit – Vorsicht – nicht etwa jene wachsende Zahl von Menschen gemeint ist, die nach Beendigung ihres Arbeitslebens ins Wohnmobil steigen und den Sommer über quer durch Europa fahren.

Diesem eklatanten Mangel an psychologischem Einschätzungsvermögen – von Gespür will ich hier gar nicht reden – stand im Fall des Heilbronner Phantoms eine Unmenge an DNA-Spuren gegenüber, aus denen sich einfach kein kohärentes Bild einer Person zusammensetzen ließ. Zweifel gab es, natürlich, aber doch nicht den leisesten Zweifel am Schablonendenken. Man ging schlicht nach dem Muster vor: Wenn drei Schablonen nicht genügen, um ein Bild von der geistigen Verfassung und dem Verhalten eines Menschen zu entwerfen, müssen statt der drei eben auch mal dreißig Schablonen angelegt werden.

Für derart spektakulären psychologischen Real-Unfug würde sich jeder Schriftsteller, dem es mit dem Schreiben ernst ist, bis zum Verlust des Bewußtseins selber ohrfeigen.

Die Literatur soll wie das Leben sein? Um Himmels Willen – bitte nicht. »Geschichten, wie sie das Leben schreibt« – sind schlechte Literatur, und: »Geschichten, die sich so lesen, als hätte das Leben sie geschrieben« – blieben besser in der Schublade, weil die Welt zugleich so viel erschreckender und geheimnisvoller ist als sie.

Eine Literatur dagegen, der ich mich verpflichtet fühle, vertraut, wo es um den Menschen geht – und sei er auch ein erfundener Mensch – weder auf die zeitgenössische Datensammeleuphorie, noch auf eine aus dem neunzehnten Jahrhundert stammende Form von Trivialpsychologie, die schon damals nicht nur lächerlich, sondern auch gefährlich war.

Mittlerweile sind Verantwortliche entlassen, Posten neu besetzt, unsere »Sicherheitsorgane« geloben, in Zukunft transparenter zu werden, noch mehr Daten zu sammeln, untereinander auszutauschen, weniger Daten zu schreddern, und man gelobt, natürlich, in Zukunft achtsamer mit den Wattestäbchen umzugehen – aber an der verbreiteten trivialen Vorstellung, was der Mensch sei, wird sich, fürchte ich, nichts ändern.

Sucht man im Netz nach Kombinationen wie »Imagination« und »Heilbronner Phantom«, oder »Imagination« und »NSU«, verweist das einzige halbwegs treffende Ergebnis darauf, daß im Februar dieses Jahres in Berlin bei einer Veranstaltung zum Gedenken an die Opfer der sogenannten Zwickauer Terrorzelle auch John Lennons »Imagine« zur musikalischen Umrahmung gehörte.

Von obligatorischen Imaginationsschulungskursen für Mitarbeiter unserer »Sicherheitsorgane« ist mir dagegen noch nichts zu Ohren gekommen. – Aber Kurse bräuchte es ja überhaupt nicht, es würde vollauf genügen, läsen Polizeiermittler, Geheimdienstleute und Politiker einfach einmal mehr als jenes eine Buch im Jahr, das ihre Gattinnen ihnen jeden 24. Dezember hoffnungsvoll unter den Weihnachtsbaum legen.

An diesem Punkt allerdings heißt es für mich innehalten – denn mir ist bewußt, ich könnte mit den letzten Sätzen selber einem bloßen Klischee aufgesessen sein.

In zwanzig Minuten habe ich Sie nun vom alltäglichen Kofferpacken mitten ins Herz der Poetologie geführt, von der aktuellen Welt um uns herum mitten in mein Schreiben – und ich hoffe, auf diesem Gedankenweg, auf diesem Imaginationsweg haben Sie mich heute bereits ein wenig kennenlernen können.

Ich freue mich sehr darauf, Bergen-Enkheim und Sie, die Bergen-Enkheimer, im kommenden Jahr kennenzulernen, freue mich, daß ich meinen Koffer nun erst auspacken werde, während Thomas Lehr den seinen schon wieder gepackt hat.

Ich bin geehrt, und ich bin wunschlos glücklich. Sogar an Wattestäbchen habe ich diesmal gedacht.

© Marcel Beyer