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27.05.2013

Abschiedsrede:Thomas Lehr

Liebe Bergen-Enkheimer,
Liebe Freunde,
Liebe Gäste,

so rasch vergeht also ein Jahr. Die Zeit ist noch immer der flüchtigste Schmetterling. Als jemand, der einen ganzen Roman über dieses Phänomen geschrieben hat, sollte es mich nicht wundern, aber es wundert mich doch. Auch diejenigen, die keine Bücher schreiben, können sich der Erfahrung der begrenzten persönlichen Raum-Zeit-Ressourcen wohl kaum entziehen. Da fährt man sein Lebtag lang von Bergen nach Enkheim und von Enkheim nach Bergen, und am Ende heißt es, man sei doch immer nur in Frankfurt gewesen. So ist das Leben.

Im vergangenen Jahr habe ich mich sehr bemüht, wurde ich sehr bemüht, der räumlichen Begrenztheit ein Schnippchen zu schlagen. Nicht nur, dass ich häufiger zwischen dem Häuschen in Bergen und meiner Berliner Wohnung pendelte. Mein Roman September erwies sich als wild gewordenes Reisebüro, das mich nach einem schwer ergründlichen Muster durch die Welt schickte. So war ich sowohl für das Stadtschreiberamt als auch für mein Berliner Privatleben zu oft nicht da und vermisste nicht selten gleich zwei heimische Orte. In Hotels in Moskau, Istanbul, Kopenhagen oder Rom erwachte ich manchmal schier orientierungslos und trug mir auf, ja nicht zu rasch die steile Treppe hinab zu wollen, damit ich nicht in der Stadtschreiberküche bauchlandete. Sie sehen, man trägt an Bergen wie an einem Schneckenhaus. Wenn ich aber da war, ob allein während meiner Lesereisen oder in den Schulferien mit meiner Familie, dann ist mir alles auch schneckenhausnah und heimisch vorgekommen und ich habe mich sehr wohlgefühlt.

Anders als erwartet, habe ich mich nicht ausgiebig über die Bergen-Enkheimer Geschichte hergemacht und als Schriftsteller gleichsam über den Ort gebeugt. Statt dessen ließ ich mich einfach hineinfallen und dahintreiben, während ich an meinen Projekten, Ideen und Aufträgen feilte. Die aufschlussreichen Fahrten mit dem 43-er-Bus zur Seckbacker Landstraße, das ethnologisch ergiebige Einkaufen bei REWE, das Vorbeibummeln an der Schelmenburg mit einem stets lohnenden Abstecher zu Frau Steinkopfs Bücherstube bilden schon jetzt kaleidoskopische und ein wenig nostalgische Momente für die Schneekugel, in die sich Bergen-Enkheim in meiner Erinnerung einmal verwandeln wird. Dass es mir der Berger Hang besonders angetan hat, wissen die meisten, die mich von meinen Dauerläufen den Hang hinab und durchs Ried haben schwärmen hören. Die Streuobstwiesen mit ihrer aussichtsreichen Lage haben mich begeistert und überhaupt die ganze – schon allein geografisch - nachdenkliche Position, die Bergen gegenüber Frankfurt einnimmt. Wenn man übers Maintal hinschaut, unterhalb der unsichtbaren, schier waagerechten Luftstraßen, auf denen sich die Flugzeuge wie am Schnürchen reihen, hinüber zur Skyline der Frankfurter Alpen im Glas-, Marmor- und Betonglanz, dann hat man von der Fluglärmdebatte bis zur Eurokrise sofort genügend Gründe, sich im Hang zu verbuddeln oder im nächsten Apfelbaum ein Dichterbaumhaus zu bauen und nach einer Sprache zu suchen, die das alles zu fassen versucht.

Im vergangenen Jahr, dem kurzen Jahr meiner Amtszeit, ist nun wahrhaft genügend passiert, um im Dichterhaus grübelnd auf und ab zu steigen wie ein schizophrener Wetterfrosch. Die Eurokrise konnte ich nicht lösen, was wohl daher rührt, dass ich noch nie mit Geld umgehen konnte. Dass das CERN endlich das Higgs-Teilchen gefunden zu haben scheint, war für den Autor von 42 endlich mal eine unbeschwerte Wissenschaftsnachricht (obgleich dieses scheue Partikel ja alle Schwere des Universums mit sich bringen soll). Dem Verfasser des Romans September, als der ich mich Ihnen vor einem Jahr hauptsächlich vorstellte, ist, wie Sie sich denken können, angesichts der Entwicklungen in der islamischen und arabischen Welt das Herz oft schwer geworden. Wenn man die Situation in Afghanistan, im Irak, in Ägypten und insbesondere in Syrien betrachtet, ist es kaum noch möglich, im eigenen Schneckenhaus die Ruhe zu bewahren. Einen einzigen, vielleicht doch nicht zu vernachlässigenden Lichtblick kann ich aber in den Irrungen und Wirrungen der historischen Modernisierungskrise der arabischen Länder finden, nämlich, dass die Auseinandersetzungen immer „innergesellschaftlicher“ oder innenpolitischer geworden sind. Mit dem so genannten arabischen Frühling wurden im großen Stile die Fragen aufgeworfen, wie sich die inneren Machtverhältnisse klären, bessern und demokratischer gestalten könnten, um die Entwicklungs- und Gerechtigkeitsdefizite zu beseitigen, anstatt alles im fruchtlosen propagandistischen Abwehrkampf gegen Israel und die USA beim schlimmen Alten zu lassen. Ob es in den nächsten Jahren bald gut oder wenigstens deutlich besser geht, kann im Augenblick wohl niemand genau sagen. Aber man muss sehen, dass bestimmte historische Entwicklungen – sei es die sich über nun schon eineinhalb Jahrhunderte hinziehende Modernisierung der islamischen Welt oder eine erfolgreiche und nachhaltige Etablierung einer gemeinsamen Währung - den verdammt langen Atem der Geschichte braucht, der dem einzelnen menschlichen Leben oft unerträglich schwer und walfischhaft erscheint.

Im Dichterhaus versucht man damit und natürlich auch mit vielen anderen Aspekten des zeitgenössischen Daseins irgendwie zurechtzukommen. Nach Antworten oder Lösungen zu suchen, wäre sicherlich vermessen. Eine halbwegs adäquate Reaktion, eine Entgegnung oder ein Widerspruch manchmal, das Ausweisen einer trotzigen Empfindsamkeit – das ist das, was man sich vornehmen und bewältigen kann, wenn man so über und unter sich selbst dahinsteigt, an der Oberpforte Nummer vier. Ich glaube, es muss dieses sinnfällige vertikale Verhältnis zu sich selbst sein, was einen – neben den schönen dort lagernden Büchern der Vorgänger – in fruchtbare Unruhe versetzt. Selbst wenn ich nur einen oder zwei Tage im Stadtschreiberhaus verbrachte, trieb es mich zur Schrift, der Hausgeist ist da ganz unerbittlich. Es fehlt eigentlich nur der Ausblick auf den Berger Hang – und eine Geschirrspülmaschine. Der Kulturgesellschaft sei Dank: Es hat sich nun ein solches High-Tech-Gerät im 50-er-Jahre-Ambiente des Häuschens niedergelassen. Der Stadtschreiber ist im 21. Jahrhundert gelandet. Aber zurück zum übergeordneten Ganzen...

Die Sprache, sagt Martin Heidegger, ist unser Haus in der Welt. Vieles ist daran und doch wieder nicht. Mir kommt die Sprache eher vor wie Wittgenstein sie sah: als eine ganze Stadt, mit einem jahrhundertealten Kern, zentralen Plätzen, Kirchen und Gebäuden, Bankenvierteln, Villengegenden, Slums und Banlieus, in der wir uns im Lauf unseres Lebens zurechtfinden müssen. Das Haus oder das individuelle Schneckenhaus in der Welt wäre dann die Sprache als meine Sprache, als Ergebnis des künstlerischen, dichterischen Versuchs, eine ganz eigene Wohnform zu errichten, die man mit jedem Werk für sich neu entdeckt und dem Leser zu dauerhaften Miete überlässt.

Für das heimische oder gar heimatliche Gefühl allerdings reichen weder Sprache noch Haus. Wenn man viel reist, sei es physisch oder mental, wird einem sehr deutlich bewusst, dass einen weder die eigenen Kunst allein noch die Schneckenhäuser, Krebspanzer, Austernmuscheln der verschiedenen Behausungen zureichend verankern. Am Ende sind es doch die Menschen, die man liebt, schätzt und achtet, die einen in der Welt beheimaten, das was sie sagen, denken, mitteilen, wozu sie einem auffordern und anhalten.

Insofern ist das Häuschen an der Oberpforte Nummer vier nicht so wichtig. Das heißt viel weniger wichtig als diejenigen, die den Stadtschreiberpreis ausrichten, pflegen, mit ihrem Organisationstalent erhalten und mit Sinn erfüllen. Ohne dass ich hier einzelne Namen aufführen möchte, sei allen und jedem einzelnen für dieses Engagement gedankt, insbesondere aber auch dem Publikum, das hier wirklich mitgeht und das Stadtschreiberamt zu einer lebendigen Institution macht. Mein Amtsnachfolger, Marcel Beyer, ein brillanter Schriftsteller und neugieriger Erdkundler, wird sich bestimmt hier wohlfühlen und Ihnen, liebe Bergen-Enkheimer, gewiss spannende und gehaltvollen literarische Entdeckungen unterbreiten.

Ich verabschiede mich als halber Schelm und erhebe mein Geripptes auf Ihr Wohl!

(c) Thomas Lehr, Juli 2012