Logo FRANKFURT.de

27.05.2013

Festrede: Dr. Marianne Leuzinger-Bohleber

Sehr geehrter Marcel Beyer, neuer Stadtschreiber von Bergen-Enkheim, sehr geehrter Thomas Lehr, scheidender Stadtschreiber, liebe Frau Schneider, sehr geehrte Mitglieder der Jury, meine Damen und Herren,

ob es Sigmund Freud, dem Gründer der Psychoanalyse, nach dem unser Forschungsinstitut in Frankfurt benannt ist, zu verdanken ist, dass Sie mir heute die große Ehre zukommen lassen, die Festrede zu halten? Jedenfalls bin ich sicher, dass sich Freud - wie viele meiner heutigen psychoanalytischen Kolleginnen und Kollegen - über dieses Zeichen der Liaison zwischen Psychoanalyse und Literatur ausgesprochen freuen würde und bedanke mich herzlich für Ihre Einladung.

Die Jury charakterisiert Marcel Beyer als „Fährtensucher und Entdecker in historischen und geografischen Räumen“[1]. Für mich ist er vor allem ein „Fährtensucher der Erinnerung“. Wie mein Landsmann Roman Bucheli in seiner Besprechung des Romans “Kaltenburg“ in der Neuen Zürcher Zeitung schrieb:

»... ist hier ein Schriftsteller am Werk, der gegen das Verstummen anredet, der den Stummen eine Stimme leiht und mit den Mitteln der Poesie der Toten gedenkt. Denn dies ist dieser Roman: Ein Buch der Geschichten, das mit dem Zauber der Sprache einen Bann über der Geschichte zu lösen verspricht - den Bann des Schweigens...« Wie Marcel Beyer nach den „Fährten“ der Traumatisierungen in den Geschichten seiner Protagonisten sucht, in immer wiederkehrenden Schleifen von Assoziationen und minutiösen Beobachtungen – über viele Seiten hinweg -, mag durchaus an unsere Tätigkeit als Psychoanalytiker erinnern, wenn wir versuchen durch Assoziationen und tastendes Verstehen der verstummten Seele in der therapeutischen Beziehung eine neue Sprache zu verleihen, um sie aus der Erstarrung, dem Verstummen herauszuführen. „Psyche lässt sich auf den Wörtern nieder ...“ lese ich bei Marcel Beyer.[2]

Haben Sie deshalb eine Psychoanalytikerin ausgesucht, die zwar - wie Sie, verehrte Frau Schneider, mir bei der persönlichen Einladung versicherten - keine Laudatio auf den neuen Stadtschreiber halten soll (dies könnte ich nun wirklich nicht), sondern vielmehr das - wie mir versichert wurde - freundlich neugierige „Zeltpublikum“ von Bergen-Enkheim „frei assoziierend“, mit einigem bekannt machen darf, was uns in unserem Fachgebiet heutzutage beschäftigt? Ich kann nur hoffen, dass Sie, verehrtes „Zeltpublikum“, meinen Gedanken etwas abgewinnen können, obschon es sicher sehr ungewöhnlich, ja vielleicht sogar „etwas schräg“ ist, in einem Festzelt Gedanken zum Unbewussten, dem intimen Gegenstand der Psychoanalyse, zu folgen. Wenigstens werden Sie mir in meinem Schweizer-Deutsch gut folgen können - ich rede langsam, gemächlich und werde sie nicht auf literarische Höhenflüge mitnehmen: Dazu werden Sie Ihre beiden Stadtschreiber gleich selbst entführen. Wie Max Frisch an diesem Ort 1981 erinnerte, ist und bleibt für uns Schweizer das Deutsche eine Fremdsprache, die wir mühsam lernen müssen, weswegen wir eben etwas langsam reden. Doch meinte Frisch dazu: „In einer Sprache, die man gelernt hat, redet man nicht flinker als man denkt“ (S.98)

Aber soll ich wirklich einfach nur „frei assoziieren“? Geht es nicht stattdessen auch in meiner kleinen Festrede, selbstverständlich, um Marcel Beyer, den „meisterlichen und gewissenhaften Erzähler“, der „eine Literatur der Tiefe und Dezenz“ schafft und souverän und sachkundig das „Verhältnis von Macht, Wissenschaft und Technologie in der jüngeren deutschen Geschichte“ untersucht , wie die Jury weiterschreibt?

Schriftsteller und Künstler verfügen über einen „direkten Zugang zum Unbewussten“, wie Freud voll Bewunderung feststellte. Sie brauchen weder Couch noch Wissenschaft: in ihren Werken fassen sie Erkenntnisse in Sprache oder Bilder, um die wir, als therapeutisch tätige Psychoanalytikerinnen, mit unseren Patienten oft mühsam ringen müssen.

Daher werden mich einige der Romanfiguren von Marcel Beyer nun bei meinen Gedanken zu der therapeutischen Wirkung von Erinnerung, meinem Fachgebiet, begleiten...

I. „Zukunft ist von außen wiederkehrende Erinnerung. Daher hat die Gedächtnislosigkeit keine...“ so schrieb mein Kasseler Kollege und Philosoph Ulrich Sonnemann.

„ Nachts, als ich durch die Parkanlage irrte, traf mich auf einmal etwas hart an der Schulter, ohne dass jemand in der Nähe gewesen wäre. Kein Faustschlag, keine Berührung eines Tieres, das mir von hinten hätte zusetzen können, und auch kein abgebrochener, durch die Luft gewirbelter Ast, der auf dem Boden zersplittert wäre. Es klang zugleich dumpf und fest, und als der Gegenstand auf die Erde gefallen war, rollte er noch ein Stückchen weiter. Ich fand ihn, schwarz, fasste ihn an, ein wenig klebrig, bröckelig, die Oberfläche aufgeraut, ich hob den Klumpen vor meine Augen, ein Batzen Teer vielleicht, ganz einfach Schlacke. Ich hob ihn an die Nase - wie im Reflex aber warf ich ihn weg, so weit wie möglich von mir fort. Was ich gerochen hatte, war: verbranntes Fleisch.

Der nächste Schlag, diesmal auf den Kopf. Ich rannte los. Ich rannte zwischen den Bäumen und Kratern und dann den Menschen auf der Lichtung umher, doch je länger ich lief, um so verzweifelter erschien mir meine Lage, überall kamen diese verbrannten Brocken herunter, und selbst, wenn ich glaubte, einen Moment lang verschnaufen zu können, unter der umgelegten Wurzel einer großen Eiche, im Schatten einer freistehenden Mauer, hörte ich sie überall um mich herum auf dem Boden aufschlagen, als kämen sie näher, als kreisten mich die tot aus dem Himmel fallenden Vögel ein[3],"- so eine „wiederkehrende Erinnerung“ von Herrmann Funk an das brennende Dresden und den traumatischen Verlust seiner Eltern – eine anhaltend traumatisch wirkende Erinnerung, die mit ihrem Schmerz, ihrem körperlichen Entsetzen und einer eher eingefrorenen Trauer seine Gegenwart bestimmt und auch seine Zukunft verschatten wird. Im Gegensatz dazu verschwindet der Professor für Ornithologie, Kaltenburg, eines Tages in der Umbruchzeit der ehemaligen DDR plötzlich ins Nichts, eingeholt von verstummten Erinnerungen, angedeuteten dunklen Geheimnissen, fatalen politischen Verwicklungen mit der nationalsozialistischen Rassenideologie, die sich durch nichts bannen ließen: nicht durch die Flucht in eine scheinbar „objektiv-neutrale Welt der Forschung“, auch nicht durch narzisstische Größenphantasien, in denen er sich als einen genialen Forscher sieht[4] .

Marcel Beyer ist ein „Fährtensucher in historischen Räumen...“

Sogar für unsere Berufsgruppe, die sich jeden Tag mit den Schatten der Vergangenheit im aktuellen Seelenleben unserer Patienten befasst, brauchte es Jahrzehnte, um die Langzeitfolgen der Erfahrungen und Traumatisierungen durch den Nationalsozialismus und den Zweiten Weltkrieg vertieft zu erkennen. Es war eine große Studie zu den Langzeitwirkungen psychoanalytischer Behandlungen, in der wir über 400 ehemalige Patienten nachuntersuchten, die in den 1980er Jahren bei Psychoanalytikern unserer Fachgesellschaft in Behandlung gewesen waren, in der sich - für uns völlig unerwartet - herausstellte, dass 62% dieser Patienten als Kinder im Zweiten Weltkrieg schwere Traumatisierungen durch den Verlust naher Bezugspersonen, Bombardierungen, Gräueltaten, Flucht, Vergewaltigungen, Hunger und Krankheiten erlitten hatten, die sie als unbewusste Körpererinnerungen in sich trugen und die schließlich unerkannt schweres seelisches Leiden hervorbrachten, sodass sie sich in therapeutische Behandlung begeben mussten. Viele von ihnen entdeckten wie Frau A., eine Fabrikarbeiterin mit gravierenden psychosomatischen und psychischen Symptomen, erst in der Psychoanalyse den unbewussten Sinn ihrer Leiden und Einschränkungen. Frau A. sagte dazu im Interview: „Ich weiss nun: Ich bin nicht verrückt, weil ich immer und immer wieder vom Geruch von verbranntem Fleisch und schwersten Alpträumen verfolgt werde. Es sind die eingegrabenen Spuren in meiner Seele, weil ich als Dreijährige miterlebte, wie meine Großeltern in ihrem Haus verbrannten... Dass ich dies nun weiß, macht so einen Unterschied für mich und meine Familie. Es ist unsere Geschichte!“

II. Warum hat es über 40 Jahre gedauert, bis wir uns in unserer Fachgesellschaft über diese Einsichten der Verknüpfung von individuellen und kollektiven Traumatisierungen unserer Kriegskinder-Patienten sprechen konnten?

Verständlicherweise waren es vor allem die schweren Schuld- und Schamgefühle über die nationalsozialistischen Verbrechen, in die auch Mediziner und andere Helferprofessionen in entsetzlicher Weise verwickelt gewesen waren, wie u. a. der Gründer des Freud-Instituts, Alexander Mitscherlich, in seinem wohl wichtigsten Werk „Medizin ohne Menschlichkeit“ zu den Nürnberger Ärzteprozessen beschrieben hatte. Es gibt es eine große und berechtigte Scheu, die unsere Vorstellungskraft übersteigenden grauenhaften Erfahrungen der Opfer der Shoah und die transgenerative Weitergabe der Extremtraumatisierungen in ihren Familien in einem Atemzug mit dem Leiden der 2. und 3. Generation der Täter und Mitläufer in Deutschland zu nennen. Viele psychoanalytische Forscher haben sich seit den 1950iger Jahren in ihren Arbeiten vor allem den Überlebenden der Shoah zugewandt, um gemeinsam mit ihnen gegen ein Verstummen ihrer Erinnerungen anzukämpfen. Geoffrey Hartmann, Dori Laub, Shoshana Felman und ihre Kollegen archivierten als eine der ersten internationalen Forschergruppen hunderte von Testimonies von Überlebenden im Video Archive for Holocaust Testimonies an der Yale University in New Haven, um die Erinnerung an die Shoah auch für kommende Generationen im Bewusstsein zu halten. Dori Laub engagierte sich mit Hillel Klein und einer Gruppe von Psychoanalytikern in den 1980iger Jahren auch im Freud-Institut um Testimonies, also Zeugnisse von Überlebenden aufzunehmen, die in das Land der Täter zurückgekehrt waren, für sie oft ein retraumatisierender Ort, wie jahrelange psychoanalytische Studien an unserem Institut zeigen[5]. Immer wieder wird in diesen Testimonies festgestellt, dass das Zeugnisgeben für die Überlebenden viel bedeutet: Man kann vom Unvorstellbaren, was Menschen Menschen antun, nur erzählen, wenn jemand zuhört, ein öffentlicher Raum für die Erzählung existiert und gemeinsames Erinnern zumindest versucht wird.

„Zukunft ist von außen wiederkehrende Erinnerung. Daher hat die Gedächtnislosigkeit keine...“

Der Kampf um die Erinnerung ist ein Kampf um die Zukunft, gesellschaftlich, institutionell und individuell. Mit Konzepten wie Überlebenden-Syndrom und Seelenmord (William G. Niederland), „massive trauma“ (Henry Krystal) oder der „sequentiellen Traumatisierung“ (Hans Keilson) wird in Fachkreisen an die Folgen der Verfolgung bei den Überlebenden erinnert. Metaphern wie „empty circle“ (Dori Laub) oder „schwarzes Loch“ (Ilany Kogan u.a.) dienen Psychoanalytikern dazu, die vielfältige klinische Erfahrung mit Familien von Überlebenden zu fassen, dass sich die Zerstörung der Shoah nicht auf eine Generation begrenzen lässt: Ihre Folgen dringen oft in unerkannter Weise in das Leben und damit auch in die Identität und Sinnsuche der zweiten und dritten Generation ein. Judith Kestenberg prägte den Begriff der „Transposition“, um das Phänomen zu beschreiben, dass die Holocausterfahrungen unbewusst von der Generation der Eltern auf die Kinder „transponiert“ worden waren. Haydée Faimberg sprach vom „telescoping of the generations“ - vom „Ineinanderrücken der Generationen“ - und charakterisierte damit einen unbewussten Identifizierungsprozess, der drei Generationen verbindet und die Schranken zwischen ihnen durchlässig werden lässt: Kinder und Kindeskinder leben unbewusst oft teilweise in der traumatischen Realität ihrer Eltern und nur bedingt ihr eigenes, davon unabhängiges Leben.

Obschon etwa die Schriftstellerinnen, Lizzie Doron oder Lily Brett, selbst Angehörige der zweiten Generation von Überlebenden, wahrscheinlich diese psychoanalytischen Arbeiten kaum gelesen haben, erfassen und beschreiben sie die Mechanismen der transgenerativen Weitergabe der Extremtraumatisierung in ihren Romanen so präzise und plastisch wie wohl kein Psychoanalytiker in seinem Fallbericht. Daher waren und sind es weniger Erkenntnisse aus den vielen psychoanalytischen Studien zur Shoah, die zur kollektiven Erinnerung an den Zivilisationsbruch Auschwitz beitragen als Schriftsteller. Um nur einige hier zu nennen: Ich denke an Primo Levi, Jean Améry, David Grossmann, Anne Michels, Imre Kertész, Hans Keilson und vor allem auch an einen Ihrer ehemaligen Stadtschreiber, Jurek Becker. Sie verhelfen mit ihren Werken dazu, das unermessliche Leid und das namenlose Grauen, das einige von ihnen selbst erlebt haben, immer wieder der kollektiven Verdrängung zu entreißen.

III. „Ich wusste, dass eine wortlose, fast bewusstlose Erinnerung an den Krieg die meisten Menschen verfolgt, die ihn durchlebt haben, und in allen ist etwas zerbrochen für immer ...“

so schreibt der russische Schriftsteller Gaito Gasdanow (S.120). Der Fährtensucher Marcel Beyer spürt „Zerbrochenes“ auch bei den Tätern und ihren Kindern auf. In „Flughunde“ wird uns Martha Goebbels als „Medea“ durch das Erleben ihrer ältesten Tochter geschildert. Fast nebenbei geht es auch um die nationalsozialistische Erziehungsideologie[6], die noch Jahre nach 1945 weiterwirkte und in so mancher Form der „schwarzen Pädagogik“, der Einfühlungsverweigerung in die Schwäche und Abhängigkeit von Säuglingen und Kindern, auch heute noch aufscheint.

Wie Marcel Beyer anhand der Goebbels Familie minutiös beschreibt, sind es vor allem die unbewussten Identifikationen mit „Medea-Müttern“ und „Jason-Vätern“, durch die Verhaltens- und Erlebensweisen in Täterfamilien von der ersten bis zur dritten Generation weitergegeben werden. Kinder müssen sich mit ihren Eltern identifizieren, wie auch immer diese sind, um sich ihnen nahe zu fühlen, - mit ihren Werten und Idealen, ihren Sehnsüchten und ihrem Scheitern, und vor allem auch mit ihren Triebwünschen und -handlungen, in die Eltern ihre Kinder einbeziehen. Besonders fatal und nachhaltig wirken sich Einfühlungsverweigerungen und Missbrauch der Bedürftigkeit und der existentiellen Abhängigkeit des Säuglings von seinen Primärobjekten in den frühen Beziehungen aus. Diese frühen Beziehungserfahrungen, vermischt mit archaischen Phantasien und Konflikten, bleiben im Unbewussten erhalten und determinieren als untergründige Erlebensmuster die psychische Befindlichkeit. Sie schaffen jene bedrückende, depressiv- paranoide Grundstimmung, die Marcel Beyer in vielen seiner Romane und Erzählungen so präzise einfängt. Führen manche dieser transgenerativen Spuren von der vielbeklagten Kinderlosigkeit vieler heutiger Paare hier in Deutschland zurück zu den kollektiven Ideologien und Traumatisierungen der Großeltern - oder sogar der Urgroßeltern?

Solche Vermutungen sind als Generalisierung spekulativ, jedoch Wirklichkeit in einzelnen Lebensschicksalen, die wir in unseren psychoanalytischen Praxen detailliert kennenlernen, von denen wir aber aus Diskretionsgründen nur selten öffentlich berichten können. Frau B. willigte in eine Veröffentlichung einer Zusammenfassung ihrer Psychoanalyse ein, weil sie dadurch zur Aufklärung über die Langzeitfolgen von Krieg, Verfolgung und Trauma beitragen wollte und erlebt hatte, wie sehr es ihr Leben veränderte, als sich in ihrer Psychoanalyse die „Psyche auf den Wörtern niederließ ...“ .

Sie hatte in ihrem 52. Lebensjahr wegen schweren Depressionen eine Psychoanalyse begonnen. In der jahrelangen gemeinsamen Arbeit fanden wir schließlich heraus, dass sequentielle Traumatisierungen, wie das Aufwachsen mit ihrer schwer depressiven, „kalten“ und unempathischen Mutter, der fehlende, im Krieg physisch und psychisch zerstörte Vater, ein jahrelanger sexueller Missbrauch durch ihren Onkel, aber auch unerträgliche Schuldgefühle wegen zahlreicher Abtreibungen zwischen ihren 20. und 30. Lebensjahr unbewusst ihre chronische Depression mitdeterminiert hatten. Anhand eindrucksvoller Träume und daran anschließenden, gezielten Nachfragen bei ihrer Mutter zeigte sich schließlich, dass Frau B. mit ihren Abtreibungen - oft nach gewalttätigen, gefährlichen sexuellen Eskapaden - unbewusst „embodied memories“, in den Körper eingegrabene Erinnerungen, an eine brutale Vergewaltigung ihrer Mutter durch russische Soldaten 1945 ausagiert hatte. Es waren traumatische Erfahrungen als Dreijährige, die sie bisher aus dem Bewusstsein verbannt hatte. Wiederholen, statt erinnern und durcharbeiten - ein für uns Psychoanalytiker nur allzu bekanntes Phänomen.

IV. Der Zusammenhang zwischen Trauma und Depression, wie wir ihn in der Psychoanalyse mit Frau B. entdeckten, wird in der Fachwelt noch zu wenig diskutiert, obwohl die Depression als Krankheitsbild ständig zunimmt, sodass die WHO bekanntlich von einer Volkskrankheit spricht: Heute leiden weltweit 121 Millionen Menschen unter dieser Krankheit, davon allein 5,8 Millionen in Deutschland. In unserer großen Depressionsstudie, die wir z.Zt. durchführen, hatten 84% der chronisch depressiven Patienten, die wir in Frankfurt in psychoanalytischen Behandlungen haben, kumulative Traumatisierungen erlitten. Jede dieser Traumageschichten ist unvergleichbar mit anderen: das Schicksal von Frau A. ist nicht mit jenem von Frau B. gleichzusetzen. Doch alle münden schließlich in den unerträglichen Zustand einer chronischen Depression.

Wie erklären wir uns daher die weltweite Zunahme der Depressionen?

Ist die Depression, wie z.B. der französische Philosoph Alain Ehrenberg postuliert, Ausdruck eines „erschöpften Selbst“ , das Janusgesicht der Freiheit nach Selbstfindung in unserer sogenannten Postmoderne, der impliziten Forderung, das eigene Leben, die eigene Identität stets neu zu erfinden, um in der heutigen Welt sich ein unverwechselbares, einmaliges Gesicht zu formen? „Jeden Morgen wird die Welt neu eingerichtet - wie heißt die Welt, in der du morgens ankommst?“ schreibt Marcel Beyer.[7] Bei vielen depressiv erkrankten Menschen hier in Deutschland führen aber, wie bei den beiden erwähnten Frauen, manche Fährten zurück zu den zivilisatorischen Katastrophen des 20. Jahrhunderts, die - oft in kaum fassbarer Weise – bei ihren Kindern und Kindeskindern das Lebensgefühl, den Verlust an Sinn und Werten, noch mit determinieren.

Wiederum sind es aber weniger Psychoanalytiker, die diese heimlichen Kontinuitäten in die Medien und in die Öffentlichkeit tragen, als vielmehr Schriftsteller wie Marcel Beyer und viele andere der zweiten und dritten Generation nach dem 2. Weltkrieg. Durch ihre literarische Gestaltung, den Zauber und den Sog der Sprache, durch die Übermittlung von Geschichten mit ihren symbolischen Gehalten, die an längst vergessene oder nie bewusst gewordene eigene Erfahrungen rühren, können sie für Leserinnen und Leser fast unbemerkt eine psychisch entlastende Wirkung entfalten. Bei der Lektüre werden sie mit eigenen, abgespaltenen Teilen ihrer Lebens- und Familiengeschichte in Verbindung gebracht und können dadurch unbewusst Eingefrorenes, Erstarrtes in sich zum Fließen bringen. In diesem Sinne kann Literatur durchaus eine heilende und präventive Wirkung haben.

V.[8] Auch in der Welt der Wissenschaften wächst die Sensibilität dafür, wie wichtig es ist, durch Frühpräventionen vor allem im Bereich individueller und kollektiver Traumatisierung Entwicklungen, die schließlich in chronische Depressionen münden, von vornherein zu verhindern. Lassen Sie mich daher meine Festrede in diesen etwas helleren Tönen ausklingen:

Psychoanalytisch inspirierte Neurowissenschaftler weisen darauf hin, dass frühe emotionale Vernachlässigungen die Entwicklung des Gehirns langfristig schädigen und daher möglichst frühzeitig erkannt und behandelt werden sollten[9]. Traumaexperten, wie z.B. der Genfer Psychoanalytiker und Entwicklungsforscher Daniel Schechter, zeigen minutiös auf, in welcher Weise traumatisierte Mütter ihre Traumatisierung unbewusst an ihre Säuglinge weitergeben und wie empfänglich und dankbar diese meist noch sehr jungen Frauen sind, wenn ihnen dieses Verhalten durch ein empathisches Forscherteam bewusst gemacht wird und sie dadurch die Weitergabe ihrer Traumatisierungen an die nächste Generation unterbrechen können. Zudem weisen zahlreiche Langzeitstudien aus der empirischen Bindungsforschung eindringlich auf die schlechte Prognose von Kindern mit einem sogenannten desorganisierten Bindungstyp hin. Diese Kinder haben durchwegs ein frühes Bindungstrauma erlebt: Ihre ersten Beziehungspersonen konnten ihnen nicht das basale Urvertrauen vermitteln, das sie so sehr brauchen, einen Hafen an Sicherheit und Zuflucht in Gefahrensituationen, sondern waren selbst durch Gewalt und Missbrauch zu Quellen von Angst und Gefahr geworden. Falls diese Kinder keine frühen Unterstützungen erleben, entwickeln sie sich mit hoher Wahrscheinlichkeit später selbst zu Tätern oder werden psychisch und psychosomatisch schwer krank. Doch zeigen erstaunlicherweise einige Studien aus der Resilienzforschung, dass durch auch noch so begrenzte korrigierende, positive emotionale Beziehungserfahrungen, etwa zu Verwandten, Erzieherinnen, Lehrerinnen oder auch zu sensiblen Nachbarn, die Gefahr solch bedrohlicher Entwicklungen durchaus abgewendet werden kann. - Schließlich hat kürzlich der Nobelpreisträger für Ökonomie, James Heckmann[10] nachgewiesen und in der Öffentlichkeit vehement vertreten, dass sich Frühprävention auch ökonomisch lohnt: Jeder Dollar, der in die Frühprävention investiert wird, zahlt sich später um mindestens das Achtfache aus.

Daher wird Frühprävention heute als eine der dringendsten gesellschaftlichen Aufgaben erkannt. Viele Frühpräventionsprojekte werden öffentlich oder durch Stiftungen gefördert. Wir selbst haben das Privileg, uns gemeinsam mit der JWG-Universität und dem Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF) in dem interdisziplinär angelegten IDeA Zentrum in Frankfurt in diesem Sinne zu engagieren. Zusammen mit unseren Kolleginnen und Kollegen des Instituts für analytische Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie versuchen wir in verschiedenen Präventionsprojekten - im Sinne einer „aufsuchenden Psychoanalyse“ - die Erzieherinnen und Erzieher bei ihrer wichtigen tagtäglichen Integrationsarbeit zu unterstützen, um jene Familien zu erreichen, die am Rande der Gesellschaft leben, von der „neuen Armut“, und den Folgen von Arbeitslosigkeit und Finanzkrise betroffen sind - oder aber aus vielen Teilen der Welt bei uns Zuflucht suchen, weil sie und ihre Kinder dort, wo sie herkommen, etwa in Afghanistan, Syrien oder dem Sudan, schweren und nachhaltigen Traumatisierungen ausgesetzt sind, wie die Menschen hier in Europa vor 70 Jahren . Auch bezogen auf diese Menschen, die mitten unter uns leben, gilt es immer wieder, „den Bann des Schweigens“ zu brechen.

In diesem Sinne brauchen wir Stadtschreiber wie Sie, lieber Marcel Beyer. In Ihren Romanen, Erzählungen und Gedichten erinnern Sie uns an die Langzeitwirkung von Zivilisationsbruch, Traumata, Totalitarismus und Krieg und erschweren uns dadurch, wegzublicken und zu verleugnen. Stattdessen vermitteln Sie uns durch Ihre „Literatur der Tiefe und Dezenz“ einen Zugang zu unbewusst Verstummtem in uns, versunkenen historischen und geographischen Räumen und wecken einfühlende, jeweils ganz persönliche Erinnerungen.

„ Es geht nicht um gemeinsame Erinnerungen, die Zusammengehörigkeitsgefühl vermitteln. Eher um Erinnerungen an Erlebnisse, die jeder allein gehabt hat, vielleicht allein gehabt haben muss. Literatur: ein Raum, den ich ausschließlich für mich habe und mit anderen teile..“ [11] schreiben Sie in ihrem letzten Buch.

Schreiben Sie weiter, lieber Herr Beyer, und nutzen Sie den intermediären Raum, den Ihnen das Amt als Stadtschreiber von Bergen-Enkheim in so einzigartiger Weise zur Verfügung stellt, für Ihre „Fährtensuche in historischen und geographischen Räumen“ - damit sich die „Psyche auf den Wörtern niederlässt“ und auch uns, Ihren Leserinnen und Lesern, Zugang zu bewussten und unbewussten Erinnerungen öffnet!

Nochmals: herzliche Gratulation und Ihnen allen danke fürs Zuhören!

Frankfurt a.M., August 2012 (c) Marianne Leuzinger-Bohleber

----------------------

[1] »Die Jury zeichnet mit Marcel Beyer einen meisterlichen und gewissenhaften Erzähler aus, der bereits ein umfangreiches Werk vorgelegt hat«, heißt es in der Begründung und weiter: »In seinen Romanen, Lyrikbänden und Essays erweist sich Marcel Beyer als Fährtensucher und Entdecker in historischen und geografischen Räumen. Sprachliche Akkuratheit, gedankliche Durchdringung des Themas, hohes dramaturgische Vermögen verstehen sich bei diesem Autor wie von selbst. Marcel Beyer schafft eine Literatur der Tiefe und Dezenz, die sorgfältig ihre Mittel und Effekte kontrolliert. Souverän und sachkundig untersucht er das Verhältnis von Macht, Wissenschaft und Technologie in der jüngeren deutschen Geschichte und fasst es in gültige Kunstwerke.« (Begründung der Jury vom 15.6.2012)

[2] In Putins Briefkasten, S.125

[3] Kaltenburg, (2009), S. 105.

[4] „ In Verlauf einiger schöner Frühlingstage verteilt Ludwig Kaltenburg die Manuskriptblätter der Rohfassung als Nistmaterial unter den in seinem Haushalt lebenden Nagern und Entenvögeln..“ ( Kaltenburg, S. 11)

[5] vgl. dazu www.sigmund-freud-institut.de

[6] “Wie der Scharführer seine Burschen triezt. Wie können diese Kinder noch vor Tagesanbruch solch ein schrilles Organ über sich ergehen lasse, ohne auch nur einmal zu mucksen? Ergeben sie sich da hinein, ertragen sie zähneknirschend die Erniedrigungen, diese halbstarke Herrenstimme, weil sie ihnen das Gefühl gibt, an einer Bewegung teilzuhaben, aus der sie selber als Herren erwachsen werden? Sind sie der festen Überzeugung, daß sich mit der Zeit eine ebensolche Stimme in ihren jungen Kehlen einpflanzen wird? “ (Flughunde, 1996, S. 11) (vgl. dazu u.a. Johanna Harer: „Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind“).

[7] in Putins Briefkasten. IV, S. 99

[8] Dieser Abschnitt wird evtl. aus Zeitgründen beim Vortragen der Rede weggelassen.

[9] vgl. dazu u. a. Ammaniti, 2012, Feldmann, 2012, Schechter, 2012. Alle Vorträge, sowie weitere zu diesem Thema, die an der diesjährigen Joseph Sandler Research Conference im März 2012 gehalten wurden, sind auf der Website des Sigmund-Freud-Instituts nachzuhören (vgl. www.sigmund-freud-institut.de).

[10] Heckman, J.J. (2008): Early childhood education and care: The case for investing in disadvantaged young children. CESifo DICE Report, 6(2): 3–8.

[11] in: Putins Briefkasten, 2012, S. 111