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20.08.2012

Antrittsrede: Thomas Lehr

Über das Fallen der Äpfel

Liebe Bergen-Enkheimerinnen und Bergen-Enkheimer,
Liebe Freunde,
Liebe Gäste,

Sie sollen mich kennenlernen. Aber wie? Nun, zunächst danke ich Ihnen ganz herzlich für den Preis, insbesondere der Jury und allen, die im Rahmen der Kulturgesellschaft und darüber hinaus an seiner Ausrichtung und Organisation beteiligt sind. Vielleicht sagt es etwas über mich, dass ich, wenn ich ein Amt hätte, es am liebsten vollkommen transparent machen wollte. Aber leider bin ich mir als Autor oft so undurchsichtig, dass ich Ihnen den gläsernen Stadtschreiber wohl kaum präsentieren kann. Wird er schwer am Amt tragen? Nun, es scheint mir ein recht fröhliches zu sein, und weil für mich das Schreiben eine Passion ist, ein fettes eifersüchtiges, tintensaufendes Ungeheuer, das auf meine Wiege sprang, um lebenslänglich mit mir zu spielen, trage ich die Hoffnung, ihm womöglich eine Zeitlang mit einem echten Amt imponieren zu können und es mit der Aussicht auf die gläsernen, wild wachsenden Aktenordner der dichterischen Imagination zu beruhigen, in denen Apfelbäume blühen und die Gedankenschwärme summen.

Gerade nach Abschluss meines langwierigen ost-westlichen Romans September. Fata morgana, nach zahlreichen Lesungen und Diskussionen über einen schwierigen Stoff, ist es sehr wohltuend, für eine Weile nach Bergen-Enkheim kommen zu dürfen. Ein solch renommierter Preis ist einer der schönen Endpunkte eines Schaffenszyklus in einem Schriftstellerleben, an dem einem eine Zeitlang die Worte fehlen dürfen. Die fehlenden Worte haben nämlich sonst gerade angefangen, quälend zu werden, und das muss so sein, denn ich befinde mich am Anfang eines neuen Projekts. Die Zustände, in die ich dabei gerate, sind nicht immer vorzeigbar, aber vielleicht gar nicht ungeeignet, mich kennen zu lernen. Am neuen Anfang nämlich muss man aus sich herausgehen, unter die Bücher und die Leute. Man muss von Bergen nach Enkheim oder umgekehrt. Als geborener südwestdeutscher Provinzler weiß ich, was Entfernungen sind und wovon ich rede. Man muss von Speyer nach Berlin, von Frankfurt nach Weimar, von Berlin nach New York. Für den Schreibenden ist selbst der Weg nach Bagdad nicht weit. Er muss nur das Wort hinschreiben, schon ist er da. Ist er natürlich nicht. Er muss das Wort hinschreiben – und dann den Abgrund spüren, das weiße Rauschen Hunderter unbeschriebener Seiten, das Vakuum des Nichtwissens und Nichtkönnens, das ihn davon trennt. Und hineinfallen, auch wenn er sich fürchtet. So beginnen all meine Bücher: Ein glänzendes Wort erscheint, verwandelt sich in einen Abgrund und sagt freundlich: Wenn du leben willst, spring! Ein Schriftsteller ist jemand, der besser lebt, wenn er sich zum Wort hin fallen lässt.

Eine gewisse Haltlosigkeit gehört zum Fallen dazu, sagte sich der Apfel, als er sich vom Ast löste. Während er fiel – und so mache ich es auch – kritzelte er sich allerdings noch rasch eine kleine Merkliste auf ein mitgerissenes Blatt, um nicht als Birne zu landen. Im Falle des kleinen Abgrunds dieser Rede hatte ich mir hastig notiert: Bergen-Enkheim, Äpfel, Goethe, Punkt. Was die Äpfel angeht, so könnte ich meinen Verleger Michel Krüger zitieren, der mich besorgt fragte, ob ich Apfelwein möge (er muss hier furchtbare oder wenigstens lehrreiche Erfahrungen besitzen). Ich könnte auch meine Antwort zitieren, in der ich kundtat, dass ich über die Rolle des Apfels in der Literaturgeschichte jederzeit enzyklopädisch wirken wolle und ansonsten, was die Alkoholsorten anginge, schon immer allzu gelehrig gewesen sei. Immerhin kann ich transzendentale Erfahrungen mit einer würdigen Flasche Calvados vorweisen. Was ich aber, an den Apfelstamm gelehnt, dann auch wirklich zitieren möchte, ist einen vorsorglich anonym gehaltenen Bekannten: Bergen-Enkheim, sagte er kopfschüttelnd, ein Kaff. Liegt aber inmitten schöner Streuobstwiesen. Das mit den Streuobstwissen gefiel mir. Meine Eltern nämlich, die hier mit auf den Bänken sitzen, sind immer noch so begeisterte Gärtner, dass sie sich vor einigen Jahren ein Grundstück im Pfälzer Wald gekauft haben, auf dem sie die unterschiedlichsten Apfelsorten züchten. Von ihnen weiß ich, dass in gärtnerischer Hinsicht die Streuobstwiese für das steht, was ich literarisch anstrebe: Eigenwilligkeit, Originalität, Tradition und Differenz anstelle der Plantagen-Produkte der Beststellerlisten. Man muss dort aber, sagte mein von der Anonymität geschützter Bekannter weiter, eine Rede in einem Zelt halten.

Da ich schon einige Reden gehalten habe, entsteht hier die besondere Herausforderung am oder im Zelt. Es ist nun wirklich lange her, dass ich das letzte Mal in einem Zelt geredet habe – und ich verstand zunächst nicht, weshalb ich mich bei der Erwähnung des Wortes dreißig Jahre jünger auf dem Bauch liegen sah, glücklicherweise nicht in einem Festzelt, sondern in einer Art textiler Zwei-Mann-Regentonne und in einem wasserfesten Schlafsack, anstatt mir einen Parteitags-Tribunen oder anderen Festredner vorzustellen, der vor einer Menschenmenge in einem großen Zeltraum sprach. Gewisse zeltische Prinzipien mögen aber ja das eine mit dem anderen verbinden, die Dünnhäutigkeit etwa, die das Wort nicht widerhallen, sondern gleich durchdringen lässt, fast als umgäben einen nur Wände aus Papier. Mit der Affinität von Plane und Blatt kommt noch mehr Literarisches ans Zelt, und auch das nur schwach Geschützte und schwach Schützende, das Temporäre und Nomadische, das sich mit dem Zelten verbindet, hat mit den oft fragilen Behausungen und Heimaten der Schreibenden zu tun und mit der prekären zeitweiligen Unterkunft, die ein Buch den Lesenden gewähren kann. Der tiefere oder besser persönlichere Grund, der mich bei dem Wort Zeltreden auf die intime Gesprächssituation eines Zwei-Personen-Zelts brachte, ist jedoch die Tatsache, dass mein Schreiben in und vor einem Zelt begonnen hat. Im Sommer 1981 verbrachte ich nach einem enervierenden Chemielabor-Praktikum vier Wochen meiner Semesterferien auf der griechischen Insel Andros. Dort schrieb ich eine kurze Liebesgeschichte mit einer solchen Leidenschaft in immer neuen, schrecklich ungelenken Versionen, dass meine naturwissenschaftlichen Kommilitonen mir prophezeiten, dereinst würde ein Schriftsteller aus mir werden. Siebzehn Jahre später hatte sich die knapp zehnseitige Geschichte in meinen Roman Nabokovs Katze verwandelt. Es geschah im Zelt und will wohl ab und an dahin zurück.

Goethe war selten zelten. Dass ich seinen Namen auf dem unweigerlich mit mir gemäß den Newtonschen Kraftgesetzen hinabstrebenden Blatt notiert habe, hat gute Gründe. Keines meiner Bücher ist so eng mit Johann Wolfgang Goethes Werk und seiner Person verknüpft wie der Roman September, nach dessen Fertigstellung ich nun diesen schönen Bergen-Enkheimer und somit ja auch ein wenig Frankfurter Preis erhalte. Die erste starke und vitale Verbindung ergab sich in der Anfangsphase der Romanarbeit. Ich hatte mir vorgenommen, nicht nur über das Terrorattentat vom 11. September 2001 in New York zu schreiben, sondern auch über den daraus hervorgehenden Krieg im Irak. Der politische Konflikt einer westlichen und einer orientalischen Kultur sollte ausgeweitet und zu den historischen und kulturellen Hintergründen hin vertieft werden. Wenn man als Schriftsteller ein so schwieriges Unterfangen beginnt, dann sucht man im ersten Schritt – ich als Streuobstwiesen-Typus wenigstens – Anbindung und Hilfe bei der literarischen Tradition. So geriet ich schier automatisch an den West-Östlichen Divan, Goethes großes lyrisches Alterswerk, das mich mit seinem Mut, seiner Offenheit und Kraft, über die eigenen kulturellen Grenzen hinauszugehen, sehr inspiriert hat. Erst nachdem ich eine Zeitlang an dem Roman gearbeitet hatte, fiel mir auch das Charakteristische der historischen Situation auf, in der Goethe sich befunden hat, als er 1814 bis 1819, zwischen seinem 65. und 70. Lebensjahr am Divan schrieb. Ich sah eine gewisse Ähnlichkeit zwischen dem politisch rückständigen und zerstrittenen, freilich kulturell vielgestaltigen Deutschland des frühen 19. Jahrhunderts, das von der Blutwalze der modernen französischen Revolutionen und Feldzüge überrollt wurde, und der Situation der arabischen Länder im 20. Jahrhundert, die gleichfalls von außen über eine ganze Reihe von Kriegen in die substantielle Modernisierungskrise gerieten. Deshalb - und um seine Kraft zum Verständnis anderer Kulturen herauszustreichen, die sich auch in dem lebenslangen kulturphilosophischen Interesse am Islam zeigte – habe ich geschrieben, Goethe sei Araber gewesen. Allerdings auch einer, der wie sein Alter Ego, der persische Dichter Hafis, mit dem er den großen lyrischen Dialog im Divan führt, den Wein ganz ausgiebig zu loben verstand und zu den Gottesgaben des Arabers Nachfolgendes rechnete:

Den Turban erst, der besser schmückt

Als alle Kaiserkronen;

Ein Zelt, das man vom Orte rückt,

Um überall zu wohnen …

Zeltplanen aus nächster Nähe, einschließlich der seiner eigenen Kutsche oder Chaise, hat Goethe wohl vor allem 1792 auf dem Feldzug Preußens und Österreichs gegen Frankreich gesehen, den er später in seinem Erinnerungsbuch beschrieb. Wenn man sich als hellsichtiger Mensch durch das Fremde, durch andere Länder, durch die Wirklichkeit und Schrecken des Krieges bewegt, dann kommt man, auch als eher regierungskonformer Zeitgenosse, unweigerlich zu scharfen Einsichten, wie sie der Dichter in seiner Kampagne in Frankreich niederlegte:

So zwischen Ordnung und Unordnung, zwischen Erhalten und Verderben, zwischen Rauben und Bezahlen lebte man immer hin, und dies mag es wohl sein, was den Krieg für das Gemüt eigentlich verderblich macht. Man spielt den Kühnen, Zerstörenden, dann wieder den Sanften, Belebenden; man gewöhnt sich an Phrasen, mitten in dem verzweifelsten Zustand Hoffnung zu erregen und zu beleben; hierdurch entsteht nun eine Art von Heuchelei, die einen besonderen Charakter hat, und sich von der pfäffischen, höfischen, oder wie sie sonst heißen mögen, ganz eigen unterscheidet.

Von dieser Heuchelei, die uns modernen Zeitgenossen doch recht bekannt erscheint, wieder abzugehen, auf die Wirklichkeit zu schauen und auf das oft kaum ermessliche menschliche Leid, das dort zu finden ist, nicht „immer hin zu leben“, weder als Mensch noch als Künstler, das war der Boden des Abgrunds, in den ich mit meinem September-Roman fallen wollte. Zehn Jahre nach dem Terrorattentat in New York haben wohl die meisten mit Blick auf den Irak und auf Afghanistan einen ernüchterten Blick bezüglich dessen, was man mit Gewalt und Propaganda erreichen kann, auch wenn man innenpolitisch eine Demokratie ist. Und zugleich gibt uns der demokratische Aufbruch in der arabischen Welt, so prekär er im Moment auch ausschauen mag, die Hoffnung, man habe dort klar und tiefgreifend erkannt, dass zu den größten Feinden der Araber die eigenen Diktatoren und der Glaube an die eigene Ohnmacht zählen. Doch vor einer allzu detaillierten politischen Darstellung setze ich hier einen Punkt.

Natürlich der Punkt. Den Punkt auf der Liste darf ich nicht vergessen. Denn, wer mich noch nicht kennt, der wird es bald erfahren. Egal, wie sie mich loben hören werden, am Ende wird es immer heißen: Aber er macht keinen Punkt. Wenigstens nicht in September. Seien Sie also gewarnt: keine Satzzeichen in einem 480-Seiten Roman. Hat er als ehemaliger Naturwissenschaftler eine mathematische Abneigung gegen Punkte, weil sie in ihrer nulldimensionalen Vertracktheit eigentlich quantenmechanisch unmöglich sind? (Lesen hierzu in meinem punktreichen Roman 42 weiter.) Oder will er damit nur, wie mancher argwöhnt, die armen Leser quälen? Nun, sehe ich so sadistisch aus und haben Sie bislang meinen ängstlich-arroganten Willen zur Unverständlichkeit bemerkt? Kein Punkt mehr am Baum. Alle sind auf die Streuobstweise gefallen. Gerne wollte ich meinen diesbezüglich aufgebrachten Kritikern empfehlen, mein Buch einfach in die blaue Tonne zu tun und stattdessen ihre eigenen oder die anderen Romane zu lesen, die das Terrorattentat mit den darauf folgenden Kriegen in Afghanistan und im Irak verbinden. Das Problem ist nur, dass es diese Romane nicht gibt. Das Problem könnte sein, dass man einen ganz eigenen Weg finden, dass man hineinfallen und punktlos halluzinieren muss, um ein solches Thema zu bewältigen. Als Schriftsteller kann man nicht einfach „immer hin leben“, das heißt konventionell und gefällig arbeiten, wenn man sich etwas Besonderes vornimmt. Zahlreiche willige Leser sind mir gefolgt und haben bemerkt, dass man sich anstatt auf rollenden Punkten auch auf den Webfasern eines fliegenden Teppichs fortbewegen kann, eigentlich sogar märchenhafter und eindrucksvoller. Versuchen Sie es einfach und springen Sie auf. Fünf Jahre lang stand ein Goethe-Zitat auf der ersten Seite des Manuskripts, das nur für mich allein gedacht war – aber im Zelt haben ja die Planen Ohren. Es soll auch das letzte Zitat des Geheimrats für heute abend sein, zumindest aus meinem Mund:

Fühlt ihr auch dergleichen Stärke?

Nun, so fördert eure Sachen!

Seht ihr aber meine Werke,

Lernet erst: so wollt er’s machen.

Ich habe es wirklich so gewollt, schmackhafte, eigenwillige, sonderbare, leicht säuerliche, sublime Äpfel. Kein Plantagenobst, kein Golden Delicious. Aber natürlich will ich der zuletzt genannten, auch über hundertjährigen Apfelsorte kein leichtfertiges Unrecht tun, ich suche ja immer weiter im und nach dem Wort. Deshalb gibt es noch gar keinen Kommentar zum ersten Punkt auf der Fallender-Apfel-Liste, nämlich zu Bergen-Enkheim, abgesehen von einer großen Begegnungsfreude. Ich muss hier erst einmal in Ruhe aus mir herausgehen – und wo das hinführte, erzähle ich Ihnen nächstes Jahr.

© Thomas Lehr, August 2011