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20.08.2012

Abschiedsrede: Ulrich Peltzer

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Gastgeber,

wahrscheinlich bin ich nicht der erste Stadtschreiber, und höchstwahrscheinlich auch nicht der letzte, der bei der Amtseinführung seines Nachfolger feststellt, feststellen muss: Wie schnell ist die Zeit, ist das Jahr hier bei Ihnen doch vergangen! In dem wunderbaren (und jetzt auch noch renovierten) Häuschen an der Oberpforte - so ein schönes Bad hätte ich auch gerne in Berlin -, und dazu mit einem Geldbetrag ausgestattet, von dem man mit Fug und Recht - und Dank sei Ihnen nochmals - behaupten darf: Beruhigt ungemein.

Sollten Sie sich fragen: was hat der Stadtschreiber in dem Jahr getrieben, zu was hat er es genutzt, so wäre zu antworten, dass er einerseits an einer Reihe von Vorlesungen saß, die er im nächsten Januar in Frankfurt halten wird (falls Sie da nichts besseres vorhaben sollten ...), und andererseits Skizzen schrieb, immer wieder Anläufe nahm, um den Ton, den Sound, den Groove eines neuen Romans zu finden; oder aber, das auch, er notierte sich Episoden, bestimmte Geschehnisse, manchmal selbst erlebt, manchmal nur irgendwo aufgeschnappt, die ihm - an einem verschwiegenen Bergener Abend - in den Sinn kamen, ohne dass er, also ich, wirklich schon genau gewusst hätte, was damit anfangen, zu welchem Zweck und Ende.

Eine dieser Kurz-, dieser Kürzestgeschichten handelt von Italien, einer Reise nach Rom, was mir, wenn ich Sie Ihnen jetzt - für den Anlass ein wenig umgeschrieben - vortrage, was mir einen Kreis zu schließen scheint zum letzten Jahr - vielleicht erinnert sich der ein oder andere -, als ich auch etwas von Italien erzählte, von Eindrücken, die für mich wichtig oder prägend genug waren, um sie irgendwann später einmal zu Fiktion zu machen. Zum Schluss dieses Jahres in ihrer Stadt also noch einmal der Süden, es geht um Literatur und Geld - was beides enger zusammenhängt, als man gemeinhin oft vermutet, Literatur, Geld, eine Stipendiatin, und - es beginnt mit einer Lüge, denn:

„Ich hatte gelogen, ich hatte gesagt, ich würde in Rom noch einmal recherchieren, ich würde mir noch einmal die Schauplätze ansehen, die im letzten Kapitel des Buches, an dem ich seit sechs Jahren schrieb, eine Rolle spielen sollten, obwohl es in Rom gar keine Schauplätze gab, Rom als Stadt im Text gar nicht auftauchte, wenn überhaupt, dann Neapel, der Hügel von Posillipo, der Hafen, das Lokal Sensemila, die Anlegestelle der Fähren nach Sizilien und auf die liparischen Inseln.

Aber das wusste ich allein, ich hatte, was jetzt keine Entschuldigung ist, ein - sehr - schlechtes Gewissen, weil es sich nicht um eine Ausrede, ein Verschweigen oder nur um eine unrichtige Ortsangabe handelte, sondern um einen offenen Betrug, eine Lüge mit Vorsatz, die meiner Angst entsprang, für klare Verhältnisse zu sorgen. Ohne Geld eine andere Wohnung zu suchen, redete ich mir ein, sei sinnlos, und zu gestehen, das heißt: sich selbst einzugestehen, dass eine Geschichte an ihrem Ende war, seit langem eigentlich, konnte ich nicht, beziehungsweise, konnte ich schon, ohne (zugleich) den Mut zu haben, die fälligen Konsequenzen zu ziehen.

Und außerdem der Roman (der Roman, der Roman, der Roman), in den ich soviel investiert hatte - handelte es sich nicht ausschließlich darum, ihn fertig zu schreiben, um welchen Preis auch immer?

Stets glaubte ich: eine Geldfrage, alles nur eine Sache des Geldes, das ich nicht besaß, halb verzweifelte, halb sehnsuchtsvolle Blicke auf die Fassaden von Häusern werfend, hinter denen ich Paläste vermutete, in denen sich einzurichten, sofern man über die nötigen Mittel verfügte, ein reines Vergnügen sein müsste. Oder, nein, zu hoch gegriffen, 1000 Mark im Monat, dachte ich, die aber fix, mehr bräuchte es nicht, für alles, endlich davon erlöst, nebenher arbeiten zu gehen, weiter in einem Kino Filme vorführen zu müssen, wie ich es tat, wenn es wieder Matthäi am letzten war, als geringfügig Beschäftigter wohl mit Krankenversicherung ausgestattet, doch - höheren Mächten, bzw. der Gesetzgebung sei Dank - vom Steuer-Zahlen befreit, einem nackten Mann griff auch das Kreuzberger Finanzamt nicht in die Tasche, versuchte es nicht mehr, nachdem ich glaubhaft nachgewiesen hatte, über keine sonstigen Einkünfte als dieses sporadische Filmvorführer-Entgelt zu verfügen, also praktisch nichts, niente, keine Ersparnisse, geschweige denn irgendwelche Zinsen von irgendwelchen (Liechtensteiner) Vermögen - wie ich trotzdem Monat für Monat über die Runden gekommen bin, ist mir heute ein, tatsächlich ein Rätsel.

Wahrscheinlich hatte mir meine Mutter Geld für die Reise geliehen, oder geschenkt, oder ich hatte es mir da und dort zusammengeborgt, dies und das verkauft, eine Kamera, einen kleinen Super-8-Schneidetisch, ein paar Bildbände, wir befinden uns im November 1994, bis genug beisammen war für eine Zugfahrkarte und kalkulierte vier Wochen Aufenthalt, Wohnen würde und konnte ich natürlich bei K., die ein Zimmer in der Nähe der Piazza Navona hatte, Stipendiatin des Staates Österreich, inwiefern dem Staat Österreich ein gewisser Dank abzustatten wäre dafür, in Rom eine Wohnung zu unterhalten, oder unterhalten zu haben, in der, neben den Begünstigten, auch für eine Reihe von Freunden, Geliebten etc. Platz gewesen ist, irgendwie ging das, zur Not schliefen die, die kein Bett hatten, dann in der Küche, im Flur, in der Dunkelkammer, im Maler-Atelier.

Ein weiß getünchtes Zimmer mit Bett und Tisch und Stuhl, das für zwei selbstredend zu klein zum Arbeiten war, kann ich auch gar nicht, etwas aufs Papier bringen – ich hatte zu der Zeit noch keinen Computer -, wenn ich nicht für mich bin, also ging ich, es herrschte oft strahlendes Wetter mit wolkenlosen, durchscheinend blauen Himmeln und Temperaturen um die zwanzig Grad, ging ich also tagsüber in einen winzigen Park, eher eine kleine Grünfläche an der Engelsburg, wo ich auf einer der Bänke meine Sachen ausbreitete, Notizbuch, Schreibheft und so weiter, eine Flasche Cola, oder ich suchte mir, falls es doch zu kühl war, einen Platz in einem der schlauchartigen Cafés in der Via dei Giubbonari, hintendrin, wo sie Tische hatten und man bei einem Glas Campari so lange bleiben konnte, wie man wollte. Außer mir saßen da meist dieselben Männer (in dem einen Café), tranken, unterhielten sich laut in ihrem völlig unverständlichen römischen Dialekt, schlossen Geschäfte ab, die unter anderem darin bestanden, dass ein Schwung Uhren von Hand zu Hand wanderte, bis jemand ein Bündel Lirascheine aus der Hosentasche zog und alle kaufte, oder Krawatten, dann brachte einer mal einen Ring mit, der in die Luft gehalten und begutachtet wurde. Ich schien sie nicht zu stören, über mein Heft gebeugt, ab und zu neugierig aufblickend, ich versuchte, das letzte Stück des Romans zu schreiben, eine nächtliche Zugfahrt nach Italien, die zusammenfließen sollte mit den Eindrücken früherer Reisen, die Stefan Martinez, der Titelheld, unternommen hatte, nach Hamburg, nach Prag, nach Westdeutschland, wie man die Bundesrepublik genannt hatte, in den goldenen Zeiten West-Berlins, das ganze Buch eine Art von Abgesang, auf eine Stadt, eine Jugend, eine bestimmte Existenzweise.

Abends gingen K. und ich oft in ein Restaurant in der Nähe, das Cul de sac hieß, Sack zu, dachte ich, obwohl der Sack, in dem mein Leben steckte, gerade wieder aufgeschnürt wurde, ausgesprochen preiswert, so dass wir uns Wein in Flaschen leisten konnten, Schinken, guten Käse, sogar Fisch gelegentlich, obwohl wir, um günstig Fisch zu essen, nach San Lorenzo fuhren, wo in der ersten Querstraße der Via Tiburtina, erste Querstraße vom Bahnhof aus gesehen, ein Lokal war, das ich durch E. kannte, die Mitte der achtziger Jahre, als sie einen Sprachkurs in Rom machte, nebenan gewohnt hatte, was ich K. aber nicht erzählte, vielleicht doch, ich erinnere mich nicht mehr. Details, die gestochen scharf hervortreten, während ich die Zwischenräume mit Mutmaßungen und Wahrscheinlichkeiten auffülle, ich meine, auffüllen muss, um die Diskontinuität nicht zu groß werden zu lassen, die Sprünge, denn sonst verlöre man sich im Ungefähren, ein Floß ohne Ruder auf dem Meer der Unähnlichkeit.

Ich fuhr nach Berlin und kehrte drei Tage später zurück, vierundzwanzigstündige Bahnfahrten, auf denen mich mein Gewissen plagte, noch unfähig die Wahrheit zu sagen, getrieben von dem Wunsch, irgendwo fortzukommen, ohne zu wissen, pathetisch gesprochen, wo ich ankäme, wenn K. nicht gewesen wäre, alleine hätte ich das nicht geschafft, sie las mir Thomas Bernhard vor, auf dem Bett in dem weiß getünchten Zimmer liegend, ich ihr die Wahlverwandtschaften, beziehungsweise lasen wir uns das gegenseitig vor, Wittgensteins Neffe und Der Untergeher, Die Wahlverwandtschaften haben wir nicht zu Ende gebracht, Lachanfälle, die jede weitere Lektüre verunmöglichten. Damals. Am Beginn einer neuen Zeitrechnung, die, wenn es nicht so symbolisch wäre, ein berauschendes Sylvesterfest besiegelte, oder bestätigte, mit zwei Flaschen Sekt sind wir im einem Menschenstrom zur Piazza del Popolo gezogen, wo man auf die Kuppeln der beiden Kirchen am Ausgang zur Via del Corso riesige Bilder von berühmten Filmliebespaaren projizierte, während Dutzende elektrisch verstärkte Klaviere, die man irgendwie auf die Treppen zur Villa Borghese gestellt hatte, Filmmusiken spielten, die alle kannten, die Tausende von Menschen, die den Platz füllten, bis es um Mitternacht dann oben im Park ein Feuerwerk gab, das in strahlenden, funkelnden, sprühenden Farben, in Rot und Grün und Blau und Gold die Stadt illuminierte, gar nicht mehr aufhören wollte über den Köpfen der sich umarmenden, küssenden Menge. Die dann tanzte, ein einziger Körper von sich in den Armen liegenden Menschen, der zu den Klängen eines hinter der oberen Brüstung zum Park postierten Orchesters die ganze Piazza del Popolo, die in dieser Nacht die Welt war, in eine Drehung zu versetzen schien, alles drehte sich um uns wie ein gigantischer Kreisel, und wir, wir drehten uns wie von selbst einfach mit.

Vor fast genau sechzehn Jahren, und zu erzählen, was seitdem geschehen ist, würde nichts erklären, oder deutlicher machen, obwohl vieles inzwischen geschehen ist: man darf nicht die Unwahrheit sagen, man sollte ehrlich sein, und verbindlich, und freundlich, das weiß ich nun, unter allen Umständen, doch so fern es mir liegt, Belehrungen zu erteilen, so wenig glaube auch ich an die Kraft oder das Exemplarische des Anekdotischen, an etwas Universelles, sondern nur an die Kraft des Singulären, ans Werden, an den Augenblick, eine Berührung, eine Geste, einen Gedanken, der wie ein Blitz jede Düsternis zu erhellen vermag.

Ich sprach vom schlechten Gewissen, und davon, kein Geld zu haben. Was sich jetzt so anhört, als hinge das eine mit dem anderen zusammen. Zumindest in diesem Satz, in dieser Konstruktion. Aber es sollte keinen geben, einen Zusammenhang, doch - das Problem der Schuld, das sowohl im schlechten Gewissen steckt, als auch darin, ohne Geld zu sein, blank, und zwar gleichgültig warum, verbindet beides auf unheilvolle Art, stellt ein Tertium her, das nicht nur den Kapitalismus am Laufen hält. In der Form einer Verstärkung, oder als würde dieses durch jenes exkulpiert werden können, was natürlich ein ausgemachter Unsinn ist, von dem man sich befreien muss; die Rolle eines Zöllners seiner selbst sollte man nie einnehmen, sei es als Schriftsteller, sei es als jemand sonst. Vielleicht habe ich das damals gelernt, November, Dezember 1994, fällt mir jetzt - beim Schreiben - wieder ein, im Mittendrin einer Erinnerung, die Teil einer Geschichte ist, die - vielleicht - einmal zum Kapitel einer anderen Geschichte werden könnte, der Erzählung einer vierundzwanzigstündigen Zugfahrt, als man noch 24 Stunden Zug fuhr, um in Europa irgendwo hinzukommen.

Für heute abend lässt jedenfalls folgendes resümieren: ohne die Reise nach Rom hätte ich damals den Roman nicht abschließen können, aber DAS war keine Frage des Geldes, auch wenn es so aussah, sich einem so vermittelte, es war eine Frage der Liebe, wie letzten Endes sehr vieles, möglicherweise alles, und ob das nicht bloß eine romantische, eine, sagen wir, zutiefst bürgerliche Illusion ist, überlasse ich gern ihrem, der Zuhörer und der späteren Leser Urteil.

Herzlichen Dank Ihnen allen für die Zeit in Bergen-Enkheim.

© Ulrich Peltzer